Wer Gabriele Wohmann liest, begibt sich an heilige Orte. Die Himmelssehnsucht regt sich allerdings ausgerechnet an sehr irdischen Schauplätzen wie Friseursalon, Sparkassenfiliale, Küche, Esstisch oder beim Fernsehen.
Gabriele Wohmann hat über hundert Bücher geschrieben und viele literarische Auszeichnungen erhalten. In den letzten Jahren ist es um sie ruhiger geworden. Vielleicht, weil sie nicht den Launen des Publikums nachläuft. Schwarz und ohne alles heißt ihr neuer Erzählungsband. Das gilt nicht nur für den Kaffee, sondern auch für sie. Die Tochter eines Pfarrers würde sich niemals, wie es in einer der Erzählungen heißt, "verwandeln oder tarnen und mit den vielen anderen sich zur blöden Summe zusammenzählen".
Klug gefügt ist bereits die Abfolge der Erzählungen. Sie schildern Liebesgefahren, Streit oder phantastische Freundlichkeiten. Der Stil ist mal legatoartig, mal staccatoartig-furios. Manche Geschichte erinnert an ein Bühnenstück, das mit millimetergenau gesetzten Pointen glänzt. Und alles durchzieht ein Witz, der entfesselt lachen lassen kann, weil er um die Gefangenschaften des Lebens weiß. Das Buch klingt an keiner Stelle so, wie Bina in einer Geschichte ihre Umgebung erleben muss: "Alles war ähnlich gewürzt, nicht genug, und immer ein bisschen zu knapp bemessen."
Bei allem Reichtum liefern Wohmanns Erzählungen keine talktauglichen Stichworte für den gesellschaftlichen Endlosdiskurs, der seine Themen schneller wechselt als ein Triathlet die Kleidung in der Wechselzone. Auch deshalb ruft der Kulturzirkus die Autorin nur noch selten in die Manege. Gabriele Wohmann schreibt außer Konkurrenz. Wer sie liest, begibt sich an heilige Orte. "Das Kloster war eine Zwischenwelt, nicht mehr ganz hier, noch nicht ganz dort. Irdisch pur ist fürchterlich, dachte Bina." Die Himmelssehnsucht regt sich allerdings ausgerechnet an sehr irdischen Schauplätzen wie Friseursalon, Sparkassenfiliale, Küche, Esstisch oder beim Fernsehen. Nur liest sich das fast schwerelos, weil einzigartige Sprachbilder den Alltag zauberhaft erhellen: Die morgendliche Hals- und Schultergymnastik von Pfarrer Bonnet erinnert etwa an Vogelflugvorbereitungen, Holly ärgert sich über die Hinrichtung kleiner Postämter, und die Augen Sabinas gleichen aufgeplatzten Pistazien. Dazu kann man dank Whiskey-, Rum-, Eistee-, Gin- oder Vanillewonnen (die Aufzählung ist extrem unvollständig) jederzeit aus dem Korsett der Gewöhnlichkeit schlüpfen. Vermutlich erzählte zuletzt Jesus so konkret und transzendent von Essen und Trinken.Der Glaube tritt freilich nicht als Gewissheit auf. Esther etwa will beten - jedoch: "Es sagte nur gute Nacht, gute Nacht in ihr, ihr fiel nichts Frommes ein."
Viele Sätze prägen sich tief ein, wie die aus der mit mythischer Kraft erzählten Eröffnungsgeschichte: "Aber vielleicht ist sie anders nicht zu haben, die Liebe. Nicht ohne ein paar Knackse und Einbußen. Vielleicht ist sie gerade das, etwas Verwundetes." Die in der Wildnis des Alltags erlittenen Verletzungen sind aber nur die Rückseite eines "seltsam genießerischen Heimwehs". Dieser Heimattrieb weist aber nicht an Schauplätze, von denen man stammt oder die bekannt sind. Er ist "eine Brücke zu dem, was fehlt". Manchmal kommt das Fehlende zu Besuch. Nichtschwimmer Benedikt erlebt es im Liegestuhl nach einem Bad im Meer, das kurz, aber fanatisch ausfällt. "Ähnlich müsste Erlösung von allem Irdischen sein, doch diese hier war irdisch und dennoch wundervoll." Auch Osteoporose, Arthrose oder Bauchgrimmen können diese Glücksoasen nicht zerstören.
Gnadenreich endet das Buch: Alle Schuld Ottilias ist getilgt, was möglich wird, weil in der Küche ein Klempner lacht. So ergreifend schön, witzig und glaubwürdig erzählt kein Theologe von der Gnade, Gabriele Wohmann schon. Die Geschichten um Heldinnen wie Ottilia Klein sind große Literatur.
Gabriele Wohmann: Schwarz und ohne alles. Erzählungen, Aufbau-Verlag, Berlin 2008, 224 Seiten, Euro 19,95.
Erschienen in zeitzeichen 12/2008.
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