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Die Entdeckung des Antlitzes

Das Geheimnis um den Meister von Flémalle

Helmut Kremers

In den Dreißigerjahren des 15. Jahrhunderts gab es einen Umbruch in der Malerei, der von den Niederlanden ausging und die niederländi­sche Malerei binnen kurzem zur Avantgarde in Europa machte. Einen der Hauptprotagonisten, Meister von Flémalle genannt, umgibt bis heute ein Geheimnis.

Rogier van der Weyden: Frau mit Flügelhaube. (Foto: akg-images)
Rogier van der Weyden: Frau mit Flügelhaube. (Foto: akg-images)

Den Meister von Flémalle umgibt ein Geheimnis. Kurz gesagt: niemand weiß, wer er war.

Die Geschichte ist die: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erwarb Johann Da­vid Passavant (1787-1861), Leiter des schon 1816 gegründeten "Städelschen Kunstinstituts" in der freien Reichsstadt Frankfurt am Main, einige Gemälde, deren Maler unbekannt war. Der Verkäufer hatte angegeben, sie stammten aus einer Abtei in dem bei Brüssel gelegenen Flémalle. Das erwies sich schnell als Mystifikation - dort hatte es nie ein Kloster gegeben. Passant ließ die Frage keine Ruhe, wer der Maler dieser Werke gewesen sein könnte. Er hielt dafür, es könne nur Rogier van der Weyden gewesen sein.

    Diese Werke stehen mit am Anfang einer
                                 ganz neuen Art von Malerei.

Doch die Kunstexperten waren mit der gebotenen Lösung nicht völlig zufrieden. Und so fristete der "Meister von Flémalle" sein posthumes Dasein weiter, als ein Notname, unter dem sich eine Reihe von Gemälden versammeln, die etwa nach 1430 in den Niederlanden entstanden sind. Nun ist es noch nichts Ungewöhnliches, wenn sich so frühe Gemälde nicht mit Sicherheit einem bestimmten Maler zuweisen lassen. Im vorliegenden Fall aber schmerzt die Unwissenheit: Diese Werke stehen mit am Anfang einer ganz neuen Art von Malerei, von jeher mit den Namen Jan van Eyck (1390-1441) und Rogier van der Weyden (1399-1463) verbunden, eine "Ars Nova", die plötzlich die gewohnten christlichen Motive in einem ganz neuen Realismus darstellt, sie zum Greifen nah heranrückt an die Lebenswelt der Menschen. Die Lebenswelt: das war die der Niederlande, zu denen damals auch der größte Teil des heutigen Belgien gezählt wurde.

Handwerklich waren die frappierenden Wirkungen der neuen Malerei durch den Übergang von der Tempera- zur Ölmalerei möglich geworden; das Entscheidende lag aber in einem neuen Blick auf die Welt. Und konnte der nicht auch einem dritten Meister gegeben sein? Versteckte sich hinter jenem Notnamen nicht doch ein einziger, noch nicht ins Spiel gebrachter Maler?

Angesehener Meister

Ein solcher Dritter war bald entdeckt: Robert Campin (1375-1444). Der war in seiner Heimatstadt Tournai ein hoch angesehener "Maistre" und insofern ist er aus Urkunden sehr gut belegt. Das Problem: Es gibt kaum Gemälde, die sich ihm zweifelsfrei zuordnen ließen.

Ein einst so bekannter Maler ohne eigenes Œuvre? Was liegt näher, als in ihm den Meister von Flémalle zu erkennen, zumal Ort und Zeit ganz gut passen? Dagegen spricht eigentlich nur das Geburtsjahr Campins - danach müsste er eher einem älteren Malstil verpflichtet gewesen sein. Was aber sollte Campin daran gehindert haben, seinen Stil noch im reifen Alter zu revolutionieren? Der große Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892-1968) jedenfalls identifizierte den Meister von Flémalle mit Campin, und seit dem stimmt die Mehrheit der Experten zu: Robert Campin ist der Meis­ter von Flémalle!

Ist er es wirklich? Dazu unten mehr. Zunächst aber: Vergessen wir über das kriminalistische Puzzle nicht die Bilder selbst. Denn die sind in höchstem Maße bemerkenswert.

Meister von Flémalle: Geburt Christi (Ausschnitt). (Foto: Musée des Beaux Artds, Francois Jay)
Meister von Flémalle: Geburt Christi (Ausschnitt). (Foto: Musée des Beaux Artds, Francois Jay)
Meister von Flémalle: Mérode-Tryptichon, Joseph in der Werkstatt. (Aussschnitt) (Foto: Arthotek)
Meister von Flémalle: Geburt Christi (Ausschnitt). (Foto: Musée des Beaux Artds, Francois Jay)

Betrachten wir einen Bildausschnitt - nicht einen, den wir uns hier zum besseren Verständnis einfallen ließen, sondern einen buchstäblichen: Das Gesamtgemälde wurde irgendwann in Stücke zerschnitten, wohl um es besser zu Geld machen zu können. Wir sehen eine junge Frau in einem reich verzierten Kleid, lesend, auf dem Boden sitzend, ihr langes rotblondes Haar quillt unter der leichten Haube hervor, neben ihr steht ein Salbgefäß, das sie als Maria Magdalena ausweist.

Hinter ihr erkennt man die Gestalt eines sich auf einen Stock stützenden Mannes, sein Bildnis ist in Brusthöhe abgeschnitten. Kopf und Brust sind erhalten, sie sind nun auf einem anderen Teilstück zu sehen, es hängt daneben. Es zeigt Josef, den Ziehvater Jesu - das Gesicht eines Mannes, der viel gesehen und viel verstanden hat, keineswegs, wie so häufig in der älteren Malerei, das eines auf der Schwelle zur Demenz stehenden Greises.

         Wenig ist hier zu spüren vom "Herbst des Mittelalters",
                                                 viel von einem taufrischen Morgen.

In beiden Fällen sehen wir Menschen von Fleisch und Blut, Individuen mit ihrer je eigenen Geschichte, nicht mehr typologische Darstellungen, nicht "die" Heilige, "den" Herrscher, "den" Krieger und so fort. Die christlichen The­men stehen nach wie vor im Vordergrund, und die frappierende Individualität der Gestalten lässt nicht nur die biblischen Szenen lebendig werden, sondern dem heutigen Betrachter zugleich bewusst werden: dies sind Gesichter einst lebendiger Menschen, die weder in der biblischen Lebenswelt noch in der des 21. Jahrhunderts lebten. Doch dies tut der Illusion unmittelbarer Präsenz der biblischen Szenen keinen Abbruch, auch nicht, dass sie in das Licht der flachen Landschaft Flanderns getaucht sind, von großer Klarheit und weitem Horizont. Wenig ist hier zu spüren vom "Herbst des Mittelalters", viel von ei­nem hellen taufrischen Morgen. Will man sich vor Augen zu führen, was damals und unmittelbar darauf zeitgeschichtlich der Fall war: Glaubens- und andere Kriege, der Hexenwahn in Mitteleuropa, die ganze Geschichte menschlicher Fehlbarkeit oder gar Bosheit, muss man sich dieses Eindrucks geradezu erwehren.

Augenlust

Gewiss liegt das Neue dieser Malerei nicht nur in der neuen Auffassung vom Menschen und von der Wirklichkeit. Es wird auch sichtbar in der Verwendung der Perspektive und in den damit verbundenen weiten Ausblicken: auf Marktplätze, auf Landschaften, alles bis in nur noch winzig sichtbare Fernen mit der gleichen unersättlichen Lust an der Wahrnehmung ins Bild gerückt. Bei der Wiedergabe der Materialien und Naturalien fühlt man sich an den Wortsinn von "begreifbar" erinnert, alles ist wie zum Anfassen, der artenreiche Rasen unter den Füßen der Menschen, die Textilien, die Roben und Wandteppiche, das leichte, mit einer Stecknadel zusammengehaltene Leinen der Haube einer Frau mit Flügelhaube.

Im glasklaren Blick dieser offenbar noch sehr jungen Frau, in der fast mystischen Offenheit dieses Gesichts, kann man sich so gut verlieren wie in dem vielbeschworenen dunklen Blick der Mona Lisa. Und mit ihr sind wir wieder bei der Porträtkunst. Je länger man sich in die Gesichter vertieft, um so mehr entsteht der Eindruck, man sähe bei der Entdeckung des menschlichen Antlitzes zu - dieser altmodische Würdetitel für das menschliche Gesicht drängt sich hier auf (für das Gesicht gibt es ungezählte Synonyme, und viele sagen mehr über denjenigen, der eines verwendet, als über das gemeinte Gesicht aus).

Freilich, die Gestaltung weiblicher Jugendschönheit geht immer etwas ins Typologische. Noch evidenter wird die Fähigkeit zur psychologischen Einfühlsamkeit bei der Darstellung jenseits al­ler Schönheitsidealität - beim erwähnten Josef, bei der Veronika, sozusagen das weibliche Gegenstück zu ihm.

Meister von Flémalle - Robert Campin: Bildniss eines Mannes. (Foto: akg-images)
Meister von Flémalle - Robert Campin: Bildniss eines Mannes. (Foto: akg-images)
Meister von Flémalle: Bildniss einer Frau. (Foto: akg-images)
Meister von Flémalle: Bildniss einer Frau. (Foto: akg-images)
Meister von Flémalle - Rogier van der Weyden (?): Bildnis eines feisten Mannes. (Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders)
Meister von Flémalle - Rogier van der Weyden (?): Bildnis eines feisten Mannes. (Foto: bpk/Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders)

Oder bei dem Bildnis eines feisten Mannes (Rogier van der Weyden zugeschrieben). Auch hier grenzt die Detailschärfe ans Fotorealistische. Aber nicht das ist entscheidend, sondern der lebendige - man möchte sagen: der seelenvolle - Ausdruck dieses zutiefst sympathisch wirkenden Mannes, diese Ausstrahlung von Menschenfreundlichkeit und Verletzlichkeit. Seiner Kleidung nach ist er ein Bürger oder Handwerksmeister. Verglichen mit dem Porträt Karl des Kühnen, hier nur wenige Schritt weiter hängend, liegt die Ähnlichkeit des Zugriffs auf der Hand: der Herzog von Burgund ist ein sprichwörtlich tollkühner Machtmensch; ein Alexander en miniature. Aber das wissen wir nur aus der Historie, das Bild zeigt ihn ohne jede Herrscherattitude, nur der Orden vom Goldenen Vlies um den Hals gibt einen Hinweis - was wir sehen, ist ein junger Mann, der so oder so sein könnte, was wir erkennen ist, dass wir unheilbar geneigt sind, uns begegnenden Physiognomien Eigenschaften zuzuweisen.

           Heute lässt sich mit der Röntgenmethode nachweisen,
                              dass die großen Hauptwerke Flémalles
                                         nicht mit einer Hand gemalt wurden.

Gibt es aber nun einen deutlichen Unterschied zwischen dem Meister von Flémalle, Robert Campin, und Rogier van der Weyden, ist Robert Campin wirklich der alleinige und unbezweifelbare Meister von Flémalle?
Die Einwände in der Fachwelt sind nie ganz verstummt. So lässt sich heute mit der Röntgenmethode gut nachweisen, dass die großen Hauptwerke Flémalles nicht von einer Hand gemalt wurden. Das war nichts Außergewöhnliches in einer Zeit, als die Meister "Werkstätten" bildeten, in denen ihre Gesellen ebenso wie der Meister an den Bildern arbeiteten. Aber so ist es in diesem Fall kaum möglich, den Beweis, Flémalle sei Campin aus den Gemälden abzuleiten. Beim großen Altar von Mérode zum Beispiel, der als Hauptwerk des Meisters von Flémalle gilt, ist die Mutter Gottes von anderer Hand gemalt als die vielbewunderte Veronika, und deren Kopf von einem anderen als ihr Körper.

Vielleicht kommt man aber über ein ganz kunstfremdes Ereignis dem Geheimnis näher: Im Jahre 1432 wurde Robert Campin des Ehebruchs angeklagt, und er wird schuldig gesprochen. Die Strafe: Verbannung aus seiner Heimatstadt. Man befürchtet nun in Tournai wohl, dass man vorläufig keinen Stadtmaler mehr hat - jedenfalls werden zwei "Lehrlinge" des Campin zu Meistern ­gemacht: Jacques Daret (um 1404-um 1468) und Rogier van der Weyden. Dass Lehrlinge gleich zu Meistern wurden, war eigentlich ein unmöglicher Vorgang. Aber mit diesem Lehrlingsstand der beiden ging es nicht mit rechten Dingen zu: Sie waren im Jahre 1427 bei Campin eingetreten, als Lehrlinge, obwohl sie hoch in den Zwanzigern standen (ein Maler beendete seine Lehre spätestens mit achtzehn), längst gestandene Maler waren und Familienväter dazu. Bis heute rätselt man vergeblich daran herum, was es damit auf sich haben könnte. Vielleicht ging es um eine juristische Formalie - so wurden nur Lehrlinge und Meister in die Zunftrollen eingetragen, nicht aber Gesellen, und solche müssen Rogier und Daret längst gewesen sein. Also werden die drei Beteiligten etwas damit bezweckt haben. Ein Hinweis mag darin liegen, dass Jan van Eyck, der Großmeister des neuen Stils, in diplomatischer Mission in Tournai gewesen und ohne Zweifel auch mit Robert Campin in Verbindung getreten war. Hatten die drei daraufhin beschlossen, ein Bündnis einzugehen, das sich der "Ars Nova" widmen sollte? Jedenfalls begann nun die Schaffensperiode des "Meisters von Flémalle".

Meister von Flémalle: Mérode-Tryptichon. (Foto: The Metropolitan Museum of Art)
Meister von Flémalle: Mérode-Tryptichon. (Foto: The Metropolitan Museum of Art)

Faszinierend

Übrigens: Der verbannte Campin durfte schon nach drei Monaten wieder zurückkehren. Doch der Bund war gesprengt, er hatte fünf Jahre gehalten. Rogier van der Weyden wechselte ins flämische Brüssel und gründete dort seine eigene Werkstatt. Erst damals flämisierte er seinen ursprünglichen Na­men Rogier de la Pasture.

Nein, das Geheimnis um den Meister von Flémalle ist noch nicht gelüftet. Aber die Version, die die Kuratoren der Ausstellung nahe legen, hat doch das Meiste für sich: das Gros der dem Meister von Flémalle zugeschriebenen Werke stammt demnach wirklich aus der Werkstatt des Robert Campin - aber in der spielten wahrscheinlich die angeblichen "Lehrlinge" Rogier van der Weyden und Jacques Daret eine wichtige Rolle. Wahrscheinlich ist auch, dass die drei diesen Werkstattstil auch dann bewahrt und weiterentwickelt haben, als sie auseinander gingen.

Doch die Werke der infrage stehenden Meister faszinieren ganz unabhängig von jedem kunsthistorischen Detektivspiel. "Verlichting" lautet das niederländische Wort für Aufklärung. Fast scheint's, als lieferten diese Gemälde einen Vorschein auf eine aufgeklärte Welt - nicht eine im Grauton trockenen Vernünftelns gehaltene, auch nicht im Blutrot eines brachialen Fortschrittsglaubens, sondern eine im hellen Licht, wie eine Hoffnung auf bessere Zeiten, wie ein Traum einer erwachenden Vernunft. Daneben mag das Geheimnis um die Person des Meisters von Flémalle getrost Geheimnis bleiben.

Information

Ausstellung "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden": Städel-Museum, Frankfurt am Main, bis 1. März. Anschließend in der Gemäldegalerie im Kulturforum, Berlin, vom 20. März bis 21. Juni, Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Der Katalog kostet in der Ausstellung Euro 34,90.

Weitere Informationen zu der Ausstellung:

Erschienen in zeitzeichen 03/2009.

 

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