zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
Startseite > Archiv  >  Kultur  >  Emiliana Torrini

Lebensuhrticken

Emiliana Torrini: Ein Highlight im Pop-Jahr der Frauen

Udo Feist

Ein Auf und Ab zwischen intersiver Ballade und flott-poppigem Reggae samt souveränem Titeltrack über Cinemascope-Klang bis zum Kammerpop. Souverän wie das Leben und genauso zerbrechlich.

Wertschätzung und Klischee haben einander schon immer im Weg gestanden. Das gilt auch für das Elfenhafte und die Björk-Vergleiche bei Emiliana Torrini. Sie berufen sich auf den Klang ihrer Stimme und darauf, dass auch sie von der 300000-Seelen-Super-Kreativ-Insel im Nordatlantik stammt (ihr Vater ist Italiener, was den Namen erklärt). Die 31-Jährige kam bereits viel in der Welt herum, war am Debut-Album der isländischen Triphopper Gus Gus beteiligt, sang schon für die Thievery Corporation und in Teil zwei des "Herrn der Ringe" den Titeltrack "Gollum's Song", war für die Produktion und Komposition von Kylie Minogues "Slow" für den Grammy nominiert und mal in der Jury der Filmfestspiele Venedig. Mit dem elektronischen Love in the Time of Science gab sie 1999 ihr eignes Debut und brauchte danach offenbar eine Pause, nachdem ihr Freund bei einem Unfall gestorben und sie selbst in London (die vielsprachige Kosmopolitin lebte inzwischen in England) von einer Jugendgang überfallen worden war.

Als viele Jahre später ihr folkig-introvertiertes Fisherman's Woman mit zerbrechlichen, nur von akustischer Gitarre begleiteten Songs erschien, war das eine neue Seite. Soweit die Geschichte, wie sie sich prima aus der Distanz scheinbar informativ, aber eben doch nur mutmaßend erzählen lässt. Ihre zwölf Songs von Me and Armini, dem neuen, sehr facettenreichen Album, bieten nun Gelegenheit, die faszinierende Sängerin und Songautorin näher kennen zu lernen: Zwölf Momentaufnahmen aus Stimme, Storys und Bildern. Und der Sound, perfekt produziert und aufgenommen mit Dan Carey, der bereits für die Band "Franz Ferdinand" arbeitete und mit dem sie sich fast blind versteht, wie sie sagt.

Die Songbilder steigen vorübergehend und unbeeindruckt auf wie ein Vogelschwarm - Kiebitze oder Krähen - vom abgeernteten Feld. Das Auf und Ab zwischen intensiver Ballade (etwa "Birds": zum verhaltenen Picking der akustischen Gitarre, so esoterisch wahr wie Richard Bachs "Möwe Jonathan" - Emilanas Stimme verleiht dem Song Flügel) und flott-poppigem Reggae samt souveränem Titeltrack über dem Key­board-lastigen Cinemascope-Klang von "Heard it all before", Hoppel-Poppel-frohe "Big Jumps", treibende Blondie-Wucht ("Jungle Drums" mit kokett gerolltem R) bis zum Kammerpop von "Bleeder". Sie seufzt, fordert, gibt, nimmt, verzaubert. Souverän wie das Leben und genauso zerbrechlich, wozu passt, dass sie und Carey mehrfach den aus Unterkühlung und Lodern gebrauten Twang der Spät-Siebziger "Young Marble Giants" und "Marine Girls" (etwa im düsteren "Gun") heraufbeschwören. Hörbares Lebensuhrticken und ein weiterer Glanzpunkt im kanonischen "Year of The Girls" mit Amy, Duffy, Phoebe Killdeer (& "The Short Straws"), "Joan As A Policewoman" - und jetzt eben Emiliana.

Emiliana Torrini - Me and Armini. Rough Trade/ Beggars.

 

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

Auch unterwegs

Bald neu:
zeit
zeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs. 

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Archiv

Hier entsteht ein Archiv mit allen Artikeln der zeitzeichen-Magazine.