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Ecce-homo-Hochamt

Christoph Schlingensief errichtet "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir"

Udo Feist

In einem großen Fluxus-Oratorium setzt sich Christoph Schlingensief,Theaterregisseur und Multitalent, mit seiner Krebserkrankung auseinander. Sein jüngsten Werkes wurde in der Stahlwerk-Gebläsehalle in Duisburg-Nord im Rahmen der Ruhrtriennale uraufgeführt.

"Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir". Szenenbild. (Foto: dpa/Jörg Carstensen)
"Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir". Szenenbild. (Foto: dpa/Jörg Carstensen)

"Moriturus vos salutat!", möchte man Christoph Schlingensiefs bei der Ruhrtriennale uraufgeführtem Fluxus-Oratorium "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" voranstellen: "Es grüßt euch der Todgeweihte!" Er grüßt euch Gesunde, "die zukünftig Kranken", wie Schlingensief in zahlreichen Interviews vor Uraufführung seines jüngsten Werks in der Stahlwerk-Gebläsehalle in Duisburg-Nord nicht müde wurde zu formulieren.

Denn müde müsste er eigentlich sein. Das wussten alle, die im September zu diesem Höhepunkt der diesjährigen Ausgabe des Kulturfestivals pilgerten - an der Parkplatzeinfahrt wurden Pappschilder in die Höhe gereckt: "Suche Karte". Als sich dann weit vor Beginn hinter der Tauchschule im Gasometer und vor dem Alt-Hochofen die Einlassschlange unter rostigen Rohren formierte, verzichtete keiner auf die Zigarette davor.

Seine "Angst vor dem Fremden in mir"-Diagnose, die er im Januar mitten in der Vorbereitung auf eine Operninszenierung erhalten hatte, hatte der 47-jährige Regisseur (Filmer, Bayreuther Parsifal-Inszenator, Extrem-Multitalent) sogleich öffentlich verkündet, immer noch mitteilungsfreudig. Er erklärte sie zu seinem "neuesten, erschreckend intimen Material", um das sich das Angst-Kirchen-Oratorium drehen sollte. Krebs. Sein Krebs, ein Adenokarzinom, eine besonders aggressive Art von Lungenkrebs, die den Nichtraucher Schlingensief einen Lungenflügel kostete. Chemotherapie und Bestrahlung inklusive. Nun ist er "auf Bewährung", wie man in onkologischen Ambulanzen untereinander so sagt.

Im finsteren Todeswald

Um die Zeit dazwischen, auch davor und vielleicht danach, sollte es gehen, veröffentlichte Fast-tot-Erfahrungen ei­nes Provokateurs, notorischen Lautredners und Wagehalses, den Wildwuchszellen partiell stumm gemacht hatten. Hunderte Seiten füllt die Abschrift seines Schmerztagebuchs, das er abends ins Diktiergerät sprach: "1000 neue Krebszellen pro Tag, die das körpereigene Immunsystem neutralisiert" - oder eben nicht. Material, das immens körperlich wurde, eine fast finale Niederlage, deren Überstehen bei dem katholisch Aufgewachsenen neue Fragen aufwarf und ihn so selbstverständlich oft Gott erwähnen ließ, dass der Pressedienst der Evangelischen Allianz (idea) titelte: "Wenn Künstler sich auf die Suche nach Gott begeben."

Ist das mit Hochgeschwindigkeit pro­duzierende hyperkreative Enfant terrible fromm geworden? Hat er gar die Kirche seiner Kindheit wieder entdeckt?

Sein bereits 2003 lanciertes, von den Anschlägen 2001 inspiriertes "Church of Fear"-Projekt mit den Pfahlsitzer-Aktionen gegen jegliches Im-Besitz-absoluter-Wahrheit-Sein würde er, das war klar, ins Persönliche wenden. Im Duktus letzter Fragen, in der Gestalt religiös. Denn dass Tod und Religion zusammenhängen, ist eine Binsenweisheit. Mögen sich auch sonst eher ältere, statistisch dem Tod nähere Menschen dem Gott der Kirche wieder zuwenden, wer in den finsteren Todeswald muss, pfeift wohl auf Statistik.

So zumindest ließe sich auch deuten, wenn ein Bilderstürmer wie er "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" erbaut. Der nie durch Furcht vor Blasphemie Aufgefallene geht sie so an, wie man ihn kennt: drastisch, direkt. Ganz passend war es auch ein Sonntag, an dem er, nur wenige Kilometer entfernt vom Oberhausen seiner Kindheit, zur Uraufführung des Werkes lud, das so nah an seiner Person siedelt wie wenig zuvor in seinem Schaffen. Die Halle jedenfalls hat er als Kirchenraum einrichten lassen, als den seiner Kindheit: "Es ist eine große Befriedigung und ein großes Privileg, dass jetzt in meiner Kirche aus Oberhausen Texte gesprochen werden, die ich in einem Zustand totaler Angst und Ungewissheit produziert habe. So wie ich bei meinem ersten Auftritt in dieser Kirche Höllenangst hatte, weil ich als Messdiener alles falsch gemacht habe, dass diese Kirche jetzt als Bühne dasteht, auf der andere Fürbitten gesprochen werden als die üblichen Routinesentenzen - die wollte ich schon immer austauschen, weil den Leuten da ein solcher Nonsens vorgegeben wird. Oder dass es jetzt nicht mehr heißt 'Durch meine Schuld', sondern 'Durch meinen Irrtum'. Vielleicht kann man den ganzen Kultus dadurch noch mal anders betrachten. Wirksamer und mit weniger Angst."

                  Der Schlag des Metronoms im Schlussdunkel
                                             bleibt Antworten schuldig.

In Duisburg nun also Holzbänke mit Kniebrett, Kanzel, Beichtstuhl, Schrein, Kerzenbank, Altar mit Hase drauf, eine Monstranz mit Röntgenbild der Lunge. Ein Flügel schwarz. Die Monstranz ziert auch das Programmheft, darunter ein Satz von Joseph Beuys: "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt." Schlingensiefs Fluxus-Oratorium (laut Emmett Williams begreift Fluxus das ganze Leben als musikalischen Prozess - das Leben ein Kunstwerk, das Kunstwerk Leben) zeigt sie programmatisch oft. Ob das bereits Gebet (Oratorium) ist und Heilung bringt?

Stille und Ergriffenheit kriechen trotzdem durch die Bankreihen, als dieser merkwürdige Gottesdienst mit Wagner-Arien und bunter Szenerie seinen Verlauf nimmt (Kenner betonen, dass das alles für Schlingensief noch gemäßigt sei). Multimedial gespiegelt, überblendet mit Filmsequenzen, Originaltöne vom Audiotagebuch vor, während und nach der OP, alte Super 8-Aufnahmen mit Christoph als Knirps, der durch Dünen tollt oder mit Spielzeuggewehr Suizid zu begehen scheint  - das alles und mehr flutet durch den Kultur-Sakralraum. Mitunter unerträglich (sein schmerz- und angstgepeinigtes "Bitte nicht berühren!"), atemraubend (ein prall kostümierter und auch sonst fantastischer Gospelchor braust durch den Mittelgang), verwirrend - so, wenn der vom Parsifal bekannte, im Zeitraffer ­verwesende Leinwandhase eine Tänzerin freisetzt. Unsterblichkeitsmetapher? Mutmaßungen über Christoph?

Doch alles kehrt zur Wunde zurück, zu Schmerz, Schuldzuweisung, fragilen Versuchen, das unfassbar Reale zu deuten, in Gestalt zu fügen. Letztlich also genau das, was auch ein Hochamt leisten soll. Anderthalb barocke Stunden voller Bilder, Spiegelung (die Schauspielerinnen Margit Carstensen und Angela Winkler tragen Passagen aus dem Schmerztagebuch vor), Maskerade, sakralem Hallklang und mit Anspielungen an Schlingensiefs Werk und die Kunstgeschichte. Operngesang oder sarkastisches Halleluja, gequältes Kyrie überlagert mit Spekulation, wie Jesus sich am Kreuz gefühlt haben mag: Versenkung, Klarsicht, Irrlichtern und rückblickende Bildrasanz eines Nahtoderlebnisses zum Wirbel vermischt, den er Oratorium nennt - wobei unklar ist, an welchen Gott es sich richtet.

Das ist wohl Absicht. Schauen kann man, auch Erschauern. Der Schlag des Metronoms im Schlussdunkel bleibt Antworten schuldig. Mehr als nur ein Lebenszeichen Christoph Schlingensiefs mag man dennoch darin erkennen. Ein Fanal ist es, vielleicht auch Purgatorium. Fragen an Gott daraus zu lesen (sosehr er selbst die auch im Munde führt), verbietet sich. Ein Leben ist zu sehen, das beinahe brach. "Ich habe den Tod gespürt, er saß in mir. Ich habe gekämpft." Mehr Ecce homo als Gottesdienst.

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

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