Die verschlossene Tür
"...dass es eigentlich unmöglich ist, ein Bild zu machen." Zur Theologie Anselm Kiefers.
Als erster bildender Künstler erhält Anselm Kiefer am 19. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein Werk ist immer wieder auch theologische Reflexion, schreibt der Theologe und Ausstellungskurator Andreas Mertin.
In seinem Passagen-Werk überliefert Walter Benjamin eine Debatte mit Max Horkheimer über die Abgeschlossenheit der Vergangenheit. Horkheimer hatte 1937 an Benjamin geschrieben: "Die Feststellung der Unabgeschlossenheit ist idealistisch, wenn die Abgeschlossenheit nicht in ihr aufgenommen ist ... Nimmt man die Unabgeschlossenheit ganz ernst, so muß man an das jüngste Gericht glauben." Walter Benjamin setzt dem entgegen: "Das Korrektiv dieser Gedankengänge liegt in der Überlegung, daß die Geschichte nicht allein eine Wissenschaft, sondern nicht minder eine Form des Eingedenkens ist. Was die Wissenschaft 'festgestellt' hat, kann das Eingedenken modifizieren. Das Eingedenken kann das Unabgeschlossene (das Glück) zu einem Abgeschlossenen und das Abgeschlossene (das Leid) zu einem Unabgeschlossenen machen. Das ist Theologie; aber im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, so wenig wir sie in unmittelbar theologischen Begriffen zu schreiben versuchen dürfen."
Vielleicht kann man sich der Kunst Anselm Kiefers, der am 19. Oktober 2008 in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, mit Hilfe dieser Überlegungen Benjamins annähern. Denn von Beginn an kreisen die Werke Anselm Kiefers um das Eingedenken, um die Bearbeitung von Geschichte und Mythos in künstlerischer Perspektive. Wenige Künstler haben sich in den letzten zweihundert Jahren derartig intensiv mit dem metaphysischen Erbe der abendländischen Kultur auseinandergesetzt, ihre Höhen und Tiefen bildnerisch und ästhetisch durchbuchstabiert und zu neuen Herausforderungen zusammengesetzt wie gerade Anselm Kiefer.
Dabei ist er in der Theologie merkwürdigerweise kaum auf Resonanz gestoßen. Lediglich der amerikanische Theologe Mark C. Taylor hat in seinem Buch "Disfiguring. Art, Architecture, Religion" Kiefer ein Kapitel gewidmet. Für Taylor thematisiert Kiefer das Verdrängte in der modernen Kunst, sei es in formaler, sei es in inhaltlicher Hinsicht. Zu diesem Verdrängten gehört insbesondere die Geschichte: "Hinter den Ereignissen des letzten Jahrhunderts entdeckt er in den Schilderungen der Mythen, Erzählungen und Rituale Griechenlands, Roms, Skandinaviens, Babylons, der Hebräischen Bibel, des Neuen Testaments und der jüdischen und christlichen Mystik eine noch ältere Vergangenheit."
"Ausdruck von Verwüstung und Verlassenheit"
Schon auf den ersten Blick sind Kiefers Arbeiten ein Ausdruck des von Taylor herausgestellten Disfiguring (Entstellen): Risse, Löcher, Verletzungen, heterogene Materialien, Asche, Stroh, Metall, Brandwunden. Ein Ausdruck von Verwüstung und Verlassenheit charakterisiert sein Werk: "Das Brechen der Einheit, das alles und jeden unbehaust sein lässt, schafft den Raum für Kiefers künstlerische Erkundungen." Taylor zieht unmittelbar theologische Konsequenzen aus Kiefers Werk: "Auf theologische Begriffe gebracht hieße das, alle Erlösungsträume loszulassen. Das ist keineswegs einfach, denn die Verneinung jeder Utopie kann wieder zu einer Utopie werden und der Verlust des Traumes von Erlösung kann erlösend sein. Die Unmöglichkeit jeder Versöhnung bedeutet: es gibt keinen Ausweg hin zur Auferstehung, weder hier, noch anderswo, auch nicht in der Zukunft. Die Tür ist fest verschlossen. Es gibt keinen Raum dort oben."
Erkennbar bezieht sich Mark C. Taylor mit diesen Worten auf ein zentrales Werk von Anselm Kiefer, nämlich auf die 1973 entstandene Arbeit Resurrexit (Auferstanden). Sie zeigt eine herbstlich kahle Baumlandschaft mit viel Laub auf dem Boden, zwischen dem sich im Vordergrund eine Schlange windet. Über diese Landschaft ist in und an das Bild ein Bild einer Holztreppe angefügt, die zu einer verschlossenen Tür führt.
Es ist von der Komposition her eine außergewöhnliche künstlerische Collage voller Anspielungen. Bildperspektivisch ist die Schlange Repräsentant des Betrachters. Für sie ist die Himmelsleiter unerreichbar und die Tür verschlossen. Sie befindet sich zugleich in einem Kosmos, der auch ohne diesen "Aufsatz" eine Welt für sich darstellt. Die verschlossene Tür wird für Taylor nun zur Metapher der "A/Theoästhetik", ein Leben zu leben ohne die Utopie einer Versöhnung. Taylor deutet das Bild im Sinne der unaufhebbaren Differenz. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Lesart richtig ist, führt die Tür doch zum Atelier des Künstlers und verweist auf die künstlerische Möglichkeit oder wenigstens doch Herausforderung, die Differenz zu überwinden.
Ambivalenz des Kunstwerks
Resurrexit ist bei weitem nicht das einzige Bild, in dem Anselm Kiefer theologische Motive aufgreift. Noch jüngst hat er in Salzburg eine Reihe von Werken aus den letzten beiden Jahren gezeigt, die sich unter dem Titel Maria durch ein' Dornwald ging bündeln und zahlreiche religiöse Themen von der Schechina (Gottes Heimstätte in Israel/auf Erden) über die Jakobsleiter bis zur Wurzel Jesse und der Pietà aufgreifen. Man wird wenige Künstler finden, die sich so intensiv auf theo-ästhetische Fragestellungen eingelassen haben. Kiefer will mit seinen Bildern "Geschichte als Wirklichkeit von heute" zeigen. Auf seinen Arbeiten tauchen Fragmente, Bilder, Konstruktionen, Ideen und Phantasien auf, die unterschwellig unser Denken bestimmen. Während keiner mehr recht an die Trinität glauben will, wird sie bei Kiefer zum zentralen Bildgegenstand oder wird mit der Schlange "Satan" zur Quaternität. Während die Engel andernorts nur noch für kitschige Betrachtungen dienen, buchstabiert Kiefer "Die Ordnung der Engel" künstlerisch. Während der hundert Jahre dauernde byzantinische Bilderstreit allenfalls Thema kirchengeschichtlicher Seminare ist, wird er bei Kiefer zum Kampf um die Palette des Malers wie um die Möglichkeiten von Malerei überhaupt.
Bilderstreit gehört zu einer Serie von Bildern, die zwischen 1976 und 1980 entstanden sind. Der Streit wird als militärischer Kampf um die Farbpalette dargestellt, die im Zentrum des Bildes steht und auf der noch einige blasse Farbtupfer zu erkennen sind. Umstellt ist sie vollkommen anachronistisch von Panzern als Attributen moderner Militärtechnologie. Verstreut über das Bild sind Namen von Protagonisten im Bilderstreit des 8. und 9. Jahrhunderts: Leo II., Konstantin V., Johannes von Damaskus, Theodor Studites, Nikophoros I., Irene. Dabei verteilen sich die Namen so, dass die Bilderfeinde außerhalb und die Bilderfreunde auf der Palette zu finden sind. Kiefers Stellung in diesem Feldzug scheint auf den ersten Blick klar, wie Jürgen Harten im Katalog "Bilder sind nicht verboten" zum Katholikentag 1982 notierte: "'in hoc signo vinceris' schreibt Kiefer auf eine gemalte Fahne mit dem Emblem der Palette. Keine verlorene Schlacht kann den Glauben an den Sieg der Malerei zerstören, denn noch in dem Bild der verbrannten Erde triumphiert das Emblem der zerborstenen Palette."
Kiefers Bilder wollen
"Geschichte als Wirklichkeit von heute" zeigen
Auf den zweiten Blick relativiert sich diese Deutung jedoch. Vielmehr ist es so, dass Kiefer den historischen Bilderstreit als einen aktuellen Streit um die Kunst aufgenommen hat. Auf der einen Seite stehen jene Momente, die den absoluten Geltungsanspruch des Werks vertreten, auf der anderen Seite jene, die von der absoluten Scheinhaftigkeit der Kunst zeugen. Dieser Bilderstreit im Bild ist keine Illustration eines historischen Ereignisses, er verdeutlicht die fortdauernde Ambivalenz des Kunstwerkes zwischen seinen Möglichkeiten und seiner Infragestellung.
Diese Dialektik hat Anselm Kiefer immer wieder - künstlerisch wie theoretisch - beschäftigt. Als er 1990 den Ricardo-Wolf-Preis erhielt, sagte er in seiner Preisrede in der israelischen Knesset: "Zwei Dinge waren bei meinen Arbeiten wichtig: zunächst der Satz - 'du sollst dir kein Bild machen', nicht als Verbot, sondern als Mahnung, dass es eigentlich unmöglich ist, ein Bild zu machen, und als Auftrag: gerade weil es eigentlich unmöglich ist, es dennoch zu tun. Die Juden haben Gott nie ausgesprochen, immer nur in negativen Umschreibungen: Ain soph, grenzenloses Nichts. Das Entstehen des Bildes, wie ich es verstehe, ist ein analoges ... Das Bild lässt im Scheitern (und es scheitert immer) die Größe dessen aufleuchten, das es nicht erreichen kann ... Das zweite, das mir als Künstler immer bewusst ist: die Trennung ... Ich rede von ... den zwei Hälften eines Bildes, das nie mehr eins werden kann... "
Das leitet zu weiteren Motiven über, die das Werk Kiefers bestimmen: Die Beschäftigung mit den Schriften der Kabbala, die Lektüre der Werke von Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die Auseinandersetzung mit den mythischen Bildern deutscher Geschichte - um nur einige zu nennen.
"Nicht weil er eine moralische Botschaft hat, ist Kiefer ein ausgezeichneter Künstler,
sondern weil er gesellschaftliche Themen im Medium der Kunst
einer Bearbeitung unterzieht."
Am 19. Oktober erhält Kiefer nun den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Man kann Anselm Kiefer als den Intellektuellen unter den bildenden Künstlern der Gegenwart bezeichnen und ihn deshalb eine gute Fortsetzung der Reihe der bislang Geehrten nennen. Die Begründung der Preisverleihung ist allerdings von einer Ambivalenz gekennzeichnet, die zeigt, wie wenig die bundesrepublikanische Gesellschaft in der Gegenwart ein Verständnis von Bildender Kunst entwickelt hat. Denn man ehrt Kiefer als "weltweit anerkannten Künstler, der seine Zeit mit der störenden moralischen Botschaft vom Ruinösen und Vergänglichen konfrontiert". Schon die Rede von der moralischen Botschaft des Künstlers ist insofern irreführend, als Moral nur das Material ist, das der künstlerischen Bearbeitung unterliegt. Nicht weil er eine moralische Botschaft hat, ist Kiefer ein ausgezeichneter Künstler, sondern weil er gesellschaftliche Themen im Medium der Kunst einer Bearbeitung unterzieht. Kiefers Bilder "stellen Moral nicht symbolisch dar, sondern sie setzen sie in Funktion" wie Stephan Schmidt-Wulffen einmal schrieb.
Auch die weitere Begründung offenbart die Schwierigkeiten, mit der Kunst Kiefers angemessen umzugehen: "Anselm Kiefer erschien im richtigen Moment, um das Diktat der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden. Der Künstler agiert als genialer, bewusster Eroberer, der die Mittel einer texturreichen, expressiven Malerei an sich reißt und wie Beutestücke in die eigene Bildwelt transferiert." Das Ausspielen von Gegenständlichkeit gegen Abstraktion führt nicht nur bei Anselm Kiefer in die Irre und ist für die Kunst der Gegenwart bedeutungslos. Ob zudem der martialische Gebrauch von Begriffen der Genieästhetik heute noch sinnvoll ist, um Künstler auszuzeichnen, erscheint mir fraglich. Sie passen allenfalls zu einer Zeit, die alles in Superlativen misst. Anselm Kiefer bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu Recht, aber aus anderen Gründen als den benannten.
Wenn uns die Künste zeigen, was es heißt, im Medium der Sinne Erfahrungen zu machen, und wenn sie uns die zwanglose Verbindung von Sinnlichkeit und Reflexion ermöglichen, dann ist Anselm Kiefer jener Künstler der Gegenwart, der uns dies auf eine geradezu bezwingende Weise vor Augen führt. Erfahren wird eine Welt, die sich nicht dem geordneten Weltbild fügt, die über das Objektive hinausweist. 1987 hat Manfred Schneckenburger zu seiner Kunst geschrieben: "Die Gefahr, Kiefers Werk mit flächendeckenden Schlagworten zu begradigen, ist groß. Mythos, Geschichte, Kunst stecken ein Bermuda-Dreieck der Kiefer-Exegese ab, in dem die vielschichtige Brisanz der Bilder leicht verloren geht." Gerade wegen dieser Brisanz ist Anselm Kiefer immer auch ein umstrittener Künstler gewesen. Seine Stärke ist es, dass er diese Frag-Würdigkeit im besten Sinne bis in die Gegenwart erhalten hat. Wenn es unmöglich ist, ein Bild zu machen und der Auftrag an den Künstler darin besteht, gerade weil es eigentlich unmöglich ist, es dennoch zu tun, dann ist das Werk von Anselm Kiefer ein herausragendes Zeichen dessen, was künstlerische Arbeit leisten kann.
Erschienen in zeitzeichen 10/2008.
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