Offene Fragen aushalten
Auf dem Gebiet der Religion brauchen Menschen Ehrlichkeit
Erlösung als unverbrüchliche und unbehinderte Gemeinschaft mit Gott: Erfahrungen und Taten der Liebe und Vergebung setzen Kräften frei, die Menschen auf diesen Weg bringen, so Michael Welker.
zeitzeichen:
Wie erklärt man kirchlich nicht gebundenen Menschen, was Christen meinen, wenn sie von Erlösung sprechen?
MICHAEL WELKER:
Wenn Kräften, die Menschen in hohem Maße lähmen und quälen, die Macht genommen wird, wird diese Erfahrung mit dem Wort Erlösung verbunden. Man kann das politisch anschaulich machen in der Befreiung vom Faschismus oder von der Apartheid. Schwieriger ist es, Erlösung als die unverbrüchliche, unbehinderte Gemeinschaft mit Gott zu verstehen.
Worin besteht diese Gemeinschaft?
MICHAEL WELKER:
Um die Frage nach der erlösenden Gemeinschaft mit Gott zu beantworten, müssen wir zunächst verstehen, warum die Schöpfung auf Erlösung angewiesen ist. Dabei stehen einige eingespielte Denkgewohnheiten im Wege - zum Beispiel die Art, wie gegenwärtig über "die Natur" oder "das Leben" gesprochen wird: Natur und Leben werden heute fast wie Heilsbegriffe gebraucht.
Warum ist das problematisch? Ist die Natur, die Schöpfung, kein Ort, an dem Gemeinschaft mit Gott spürbar wird?
MICHAEL WELKER:
Die Schöpfung nur als Natur gesehen ist zutiefst ambivalent: Leben lebt immer auf Kosten von anderem Leben. Das wird gern verdrängt. Selbst wenn Sie Vegetarierin sind, müssen Sie massenhaft Geschöpfe vernichten, um sich zu erhalten. Leben ist also nicht nur endlich und hinfällig, sondern hat eine räuberische Grundenergie.
Wie passt dazu, dass Christen - von der Bibel ausgehend - formulieren, dass Gott seine Schöpfung "gut", um nicht zu sagen "sehr gut" fand?
MICHAEL WELKER:
"Gut" heißt im Schöpfungsbericht lebensförderlich, nicht zu verwechseln mit paradiesisch und herrlich. Die Schöpfung ist nicht nur auf sie erhaltende Kräfte angewiesen, sondern auf ihre Rettung und Erhebung. In diesem Zusammenhang spricht die Bibel von "neuer Schöpfung" und von Erlösung. Dahin geht ja auch eine unabweisbare Sehnsucht der Menschen: nach einer Qualität von Leben, die nicht der Vergänglichkeit, Endlichkeit, Hinfälligkeit und der inneren Brutalität der Natur unterworfen ist.
Erlösung, in Ihrer Terminologie die unverbrüchliche, ungehinderte Gemeinschaft mit Gott, bedeutet dann für die Christen: Ankommen in einer Welt jenseits von Fressen und Gefressenwerden?
MICHAEL WELKER:
Nicht nur die Christen sagen das, sondern viele Religionen und auch ein gutes Ethos blicken in diese Richtung. Wenn wir danach fragen, was unser Suchen nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit verbindet, stoßen wir auf die Erlösungsthematik.
Steckt in dieser Ambivalenz der Schöpfung auch das Böse? Bezieht sich darauf das "Erlöse uns von dem Bösen" im Vaterunser?
MICHAEL WELKER:
Ich denke nicht, dass die Bitte um die Erlösung vom Bösen im Vaterunser sich auf die Endlichkeit und Hinfälligkeit der Schöpfung, die Textur, dass Leben immer auf Kosten von anderem Leben lebt, bezieht. Diese Schattenseiten der Schöpfung stellen uns vor schwierige Fragen, aber sie erfassen noch nicht die Macht, die mit Lüge, Verschleierung und Verursachung von unnötiger Qual Menschen das Leben zur Hölle macht. Das Böse ist noch einmal eine Steigerung gegenüber der prinzipiellen Ambivalenz der Schöpfung.
Hat sich die Vorstellung davon, was Erlösung ist, im Laufe der Zeit, in der Kirchengeschichte, verändert? Wie haben sich geistesgeschichtliche, gesellschaftliche und machtpolitische Prozesse niedergeschlagen?
MICHAEL WELKER:
Sicher haben sich gesellschaftliche und machtpolitische Prozesse tief in die Geschichte der Kirche eingraviert, und zwar so vielfältig, dass dies nur mit Hilfe von Spezialisten im Einzelnen rekonstruiert werden kann. Theologisch fassbar werden die entsprechenden Orientierungsbedürfnisse und Orientierungsveränderungen zum Beispiel an den jeweiligen Reich-Gottes-Vorstellungen. Das Reich Gottes ist die Wirklichkeit der Gemeinschaft mit Gott und der Ort der Erlösung. Die Vorstellungen von diesem Reich werden bestimmt von den immer strittigen Fragen: Ist das Reich Gottes gegenwärtig oder zukünftig, ist es immanent oder transzendent, ist es innerlich oder äußerlich? Alle Kombinationen sind in der Geschichte der Kirche durchgespielt worden. Das wurde von außen gern als Glasperlenspiel denunziert - Religion habe es eben nur mit Phantasieprodukten zu tun.
Doch wahr ist, dass es sich bei diesem Prozess des kommenden Reiches Gottes um ein Geschehen handelt, das sowohl immanent als auch transzendent, sowohl innerlich als auch äußerlich, sowohl gegenwärtig als auch zukünftig ist. Denn dieses Geschehen vollzieht sich in emergenten Formen, das heißt hier, es ereignet sich in vielen kleinen und größeren Erfahrungen und Taten der Liebe und Vergebung, für die einen unsichtbar, für die anderen sichtbar und hoch beglückend. Die Betonung bestimmter Konstellationen in der Geschichte - zum Beispiel es ist gegenwärtig oder zukünftig - sagt uns etwas über vorherrschende Erlösungsvorstellungen.
Selbst im Augsburger Bekenntnis ist das Erlösungsverständnis nicht eindeutig: Einerseits gilt als erlöst, wer getauft ist, und als Voraussetzung für die Taufe gilt die Erlösungstat Christi. Andererseits entscheidet sich erst am jüngsten Tag, wer erlöst wird. Welche Rolle spielen Kreuz und Auferstehung für die Erlösung?
MICHAEL WELKER:
In der neueren Kreuzestheologie wurde das Thema "Der leidende Gott" sehr stark betont. Doch das Kreuz ist auch die große Auseinandersetzung Gottes mit den Mächten und Gewalten dieser Welt: Jesus wird ans Kreuz gebracht im Namen der Weltmachtpolitik, im Namen der Religion, im Namen von zweierlei Recht - jüdischem und römischem Recht, im Namen der öffentlichen Meinung: "Da schrien sie alle: Kreuzige ihn!" Die Mächte und Kräfte, die uns eigentlich schützen und halten sollen, kooperieren hier gegen Gottes Gegenwart - eine eindrückliche Darstellung der Sünde und des Bösen. Selbst die Jünger, Jesu engste Freunde, verraten ihn und fliehen.
Was bedeutet das für das Verständnis von Erlösung?
MICHAEL WELKER:
Entscheidend an dieser Perspektive ist: Wie führt Gott seine Auseinandersetzung mit den Mächten und Gewalten, nachdem ihr Widerstand gegen das Gute offenbart worden ist? Was bedeutet die Auferstehung? Ich persönlich liebe das Bild des Auferstandenen vom Isenheimer Altar, und wir singen in den Gemeinden zu Ostern immer wieder mit Paul Gerhardt vom siegreichen Christus: "Er schwingt fröhlich hier und da sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Gut behält". Doch die Botschaft der biblischen Texte ist eine andere. In unscheinbarer Weise, im Brotbrechen, im Friedensgruß, im Erschließen der Schrift vergegenwärtigt sich der Auferstandene, gewinnt er die Glaubenden für das neue Leben.
Und das heißt für die Wahrheit der biblischen Texte?
MICHAEL WELKER:
Der Auferstandene wird nicht gleich erkannt. Eine physische Wiederbelebung - dieses Dauerproblem zwischen Fundamentalisten und Agnostikern - wird biblisch nicht wirklich zu sehen nahe gelegt. Nur im Lukasevangelium isst der Auferstandene als Zeichen seiner Leiblichkeit, sonst muten uns die Texte immer den Wechsel zwischen Erscheinung und quasi sinnfälliger Wirklichkeit zu. Der Auferstandene bringt eine neue Qualität leiblichen Lebens.
Die Auferstehung, also die Kraft der Erlösung, konstituiert Grundelemente des Lebens der Kirche. Das ist aber noch nicht das ganze Spektrum der Erlösungswirklichkeit, es umfasst nur Aspekte dessen, was in der Tradition mit dem priesterlichen Amt Christi angesprochen wurde. Darüber hinaus sprechen die biblischen Texte im Kontext der Auferstehung davon, dass Menschen in Kontakt mit Gott gebracht und in die Lebenswirklichkeit des Reiches Gottes hinein genommen werden, in Erfahrungen und Taten der Liebe und Vergebung, in den Auseinandersetzungen der Wahrheit und Gerechtigkeit suchenden Gemeinschaften bis hin zum gewaltlosen Widerstand. Hier wird eine Fülle von Kräften frei gesetzt, die Menschen auf den Weg der Erlösung bringen.
Das klingt sehr anders als die Rede davon, der Tod Jesu am Kreuz habe uns von unseren Sünden erlöst.
MICHAEL WELKER:
Das Kreuz offenbart die Welt unter der Macht der Sünde. Das Leben des Auferstandenen, an dem wir Anteil gewinnen dürfen, befreit uns in vielen Formen von dieser Macht.
Zurück zur Verheißung der Auferstehung von den Toten. Sie haben gerade gezeigt, dass Auferstehung weit mehr meint als die Wiederbelebung eines Leichnams. Trotzdem ist gerade diese Vorstellung in ihrer Anstößigkeit sowohl unter Gläubigen als auch unter ihren Verächtern ein zentrales Thema. Sollte die Rede von der leiblichen Auferstehung ins christliche Raritätenkabinett verbannt werden?
MICHAEL WELKER:
Keineswegs. Wir haben im Dialog mit Naturwissenschaftlern über Fragen der Eschatologie um diese Rede ganz stark gekämpft. Der Auferstandene steht in Kontinuität und in Diskontinuität zu seinem vorösterlichen Leben. Für die naturwissenschaftlichen Skeptiker haben wir dies so zu übersetzen versucht: Die leibliche Auferstehung ist nicht naturalistisch zu fassen, sie ist eher als eine kulturelle Größe anzusehen, die aber nicht weniger real ist als die Mathematik.
Und was bleibt für den einzelnen Menschen in seiner ganz konkreten Todesangst, in seiner Sehnsucht nach ganz individueller Erlösung?
MICHAEL WELKER:
Paulus spricht – für unsere Ohren fremd - davon, dass das Vergängliche gesät wird zur Auferstehung, er spricht von dem, was das Bekenntnis Auferstehung des Fleisches genannt hat. Das griechische Wort für Fleisch ist sarx. Sarx erfasst die konkrete materielle und hinfällige menschliche Existenz, die um ihre Selbsterhaltung kämpft. Paulus lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass es gefährlich wird, wenn ein Mensch exzessiv an Reproduktion und Ernährung interessiert ist, denn diese Art der Orientierung am Fleisch führt in die Endlichkeit und nicht zur Erlösung. Trotzdem schließt er das Fleisch, die konkrete materielle Existenz, nicht von der Erlösung aus. So wie der Geist unseren Leib prägt, so sollen auch Fleisch und Leib ins Geistige und Geistliche verwandelt, erhoben, erlöst werden.
Liegt das noch im Horizont unserer Vorstellungskraft?
MICHAEL WELKER:
Der Glaube an die Auferstehung des Fleisches ist für ein rein naturalistisches Denken nicht nachvollziehbar. Und die Wechselverhältnisse zwischen Natur und Geist sind oft dunkel. Mit der Rede vom Fleisch erfasst Paulus die Tiefe unserer konkreten materiellen und vergänglichen Existenz. Wir haben ein Herz von Fleisch, in das Gott seinen Geist gibt. Der menschliche Leib ist nicht nur fleischlich, sondern auch vom Geist bestimmt, er kann geradezu ein "Tempel des göttlichen Geistes" werden. Über den Leib und in den Geist hinein wird sich Auferstehung ereignen. Diese Transformation ist für uns schwer zu fassen, aber ich denke, wenn wir einen wirklich tiefen Glauben anstreben, dann müssen wir bis in diese Dimension der menschlichen Existenz hinein denken und müssen festhalten, dass die Auferstehungshoffnung dem konkreten Individuum gilt.
Das ist übrigens kein neues Problem, auch kein rein theologisches: Es war schon ein zentraler Vorwurf Friedrich Schleiermachers an "Herrn Kant", dass die moderne Philosophie dazu neige, das konkrete, einmalige, leiblich-sinnliche Individuum negativ zu beurteilen oder außer Acht zu lassen.
Die Schwierigkeiten mit der Auferstehungshoffnung ist also Folge eines Theoriedefizites in der Anthropologie? Ist also Paulus nicht mehr zu retten?
MICHAEL WELKER:
Im Gegenteil: Wir brauchen eine neue Pauluslektüre. Unser Denken ist immer noch von dem scharfen Leib-Geist-Dualismus geprägt, den man so lange aus Paulus heraus- und in ihn hineingelesen hat. Doch Paulus thematisiert gerade die vielfältige Verschränkung von physischen Prozessen einerseits und mentalen und geistigen andererseits. Der Leib - das Zusammenspiel der Glieder, als Bild für die Gemeinde und das nachösterliche Leben Christi - ist bei Paulus gewissermaßen hochgradig geistgeladen. Es ist aber eine Herkulesaufgabe, wieder zu verstehen, was ein "geistlicher Leib" ist - ein unglaublich spannender Begriff.
Was ist das Spannende?
MICHAEL WELKER:
Paulus sieht einerseits, dass unser physisches Leben auch durch mentale und geistige Prozesse tief geprägt ist. Sie graben sich sozusagen in uns ein. Andererseits, sagt er, muss aber doch eine Kraft am Werk sein, die unser irdisches endliches Leben in eine geistige Wirklichkeit einzeichnet, die wir hier nur partiell erfassen können - partiell, nicht etwa gar nicht. Es gibt hier eine Analogie zum Reich Gottes, das - wie wir gesagt haben - sowohl gegenwärtig als auch zukünftig ist. Und dieses Reich Gottes ist noch einmal zu unterscheiden von der Endzeittheophanie.
Die so genannte Wiederkunft des Messias ist nicht sein Re-entry in das natürliche Leben, sondern sie ist die unverstellte Offenbarung des Auferstandenen. Also etwas, was unsere irdischen Vorstellungen notgedrungen übersteigt und unsere natürlichen historischen Bedingungen aufhebt. Was uns in der Eschatologie so begeistert und gefesselt hat, auch im Gespräch mit den Naturwissenschaften, ist, dass die großen Texte von Kontinuität und Diskontinuität zum irdischen Leben sprechen. Warum reden wir von neuer Schöpfung, neuem Himmel, neuer Erde? Das Ineinander von Kontinuität und Diskontinuität, diese Dauerirritation, wie wir sie auch in den Auferstehungszeugnissen finden - die Spannung zwischen Sinnfälligkeit und Erscheinung, Theophanie und Zweifel - wird von den seriösen religiösen Überlieferungen festgehalten.
Kann man den Menschen diese Dauerirritationen auf dem Gebiet der Religion zumuten? Geht es beim Glauben nicht um Gewissheiten? Gerade, wenn es um Erlösung geht?
MICHAEL WELKER:
Was die Menschen brauchen, gerade auf dem Gebiet der Religion, ist Ehrlichkeit. Auch Ehrlichkeit in schwierigen Glaubensfragen. Es muss doch darum gehen, die Menschen auf Erkenntniswege mitzunehmen, auf denen man zwar nicht lauter einfache Antworten auf schwierige Fragen parat hat, auf denen man aber beharrlich an diesen Fragen arbeitet und gerade so Vertrauen und Trost gewinnt. Auf diese Weise können Gewissheiten gewonnen werden, und dabei werden tragfähige Wahrheitsansprüche formuliert.
Aber es müssen auch offene Fragen ausgehalten werden. Ich denke, es ist wichtig, auch im Blick auf schwierige Themen wie Auferstehung, Reich Gottes oder Erlösung an geistlicher Bildung zu arbeiten. Die Frage aber, wie Erlösung zu verstehen ist, ein Leben mit Gott, das von dem Leiden dieser Endlichkeit und der Macht des Bösen befreit ist, diese Frage sollte nicht zur Ruhe kommen. Sie sollte immer neue Antworten in unserer Glaubens- und Lebenspraxis finden.
Das Gespräch führten Evamaria Bohle und Helmut Kremers am
26. Oktober 2009 in Heidelberg.
Michael Welker (62) ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Seit 2005 leitet er dort als geschäftsführender Direktor das von ihm wesentlich mitbegründete Forschungszentrum für Internationale und Interdisziplinäre Theologie FIIT.
Erschienen in zeitzeichen Dezember 12/2009.
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