Gabe ohne Gegengabe
Jesu Hingabe ermöglicht eine neue Beziehung
Die Bibel erzählt die klassische Opfergeschichte um. Das Opfer wird zur Gabe, die eine neue Beziehung zwischen den Menschen und Gott entstehen lässt. Hans-Martin Gutmann darüber, was es heißen kann, dass Jesus "für unsere Sünden gestorben" ist.
zeitzeichen:
Herr Professor Gutmann, ein Kernelement der Messe, der römisch-katholischen wie der lutherischen, ist das "Agnus Dei": Die Gemeinde singt: "Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser." Können Sie in diese Bitte einstimmen?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ja, das kann ich. Ich bin hier in Hamburg Universitätsprediger, und ich leite auch Abendmahlsgottesdienste, die ich mit Studierenden vorbereite. Da singen wir nicht immer, aber immer wieder das Agnus Dei.
Und was bedeutet das für Sie?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Im Hintergrund steht das Gottesknechtslied des alttestamentlichen Jesajabuches. Das handelt von einem Menschen, der leidet, der ausgestoßen wird und der kein schöner Anblick ist. Aber dieser Mensch wird nun nicht als passives Opfer gesehen, das an seinem Schicksal selber schuld ist, so wie das landläufig geschieht. Die klassische Opfergeschichte wird vielmehr umerzählt. Das Opfer ist in der Bibel nicht einfach der Sündenbock, den die Gesellschaft zu brauchen scheint. Das machen besonders die Passionsgeschichten des Neuen Testamentes deutlich. Opfer wird in der Bibel vielmehr als Gabe verstanden. Und damit wird eine positive Beziehung zwischen dem Opfer und den Anderen aufgebaut.
Kann man sagen, in der Bibel wird aus dem passiven Opfer ein aktives Opfer?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ich möchte es anders ausdrücken: In gesellschaftlichen Krisen werden gerne Sündenböcke gesucht. Jemand wird als Schuldiger an der Krise identifiziert. Im schlimmsten Fall wird er umgebracht in der Hoffnung, dass so die Krise beseitigt und der gesellschaftliche Friede wieder hergestellt wird. Das ist eine zerstörerische Form des Opfers. In der Bibel ist das anders. Das Alte Testament versteht Gott als Geber des Lebens und das Opfer als eine symbolische Rückerstattung des Lebens dadurch, dass Menschen Tiere opfern. Dabei steht nicht die Schlachtung des Tieres im Vordergrund, sondern vielmehr die Gabe. Die Gegengabe, mit der Menschen ihr Leben symbolisch an Gott zurückgeben für seine Gabe allen Lebens, soll ja auch denen zugute kommen, die es besonders brauchen, Witwen, Waisen, Schuldner und so weiter.
Und Jesus verkörpert beide Formen des Opfers, er wird von seinen Feinden zum passiven Opfer gemacht und gibt zugleich sein Leben freiwillig dahin, oder?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ja, die Menge fordert, Jesus zu kreuzigen, und es kommt zu einem Prozess, bei dem offensichtlich falsche Zeugen auftreten. Aber, und das ist das Entscheidende, keiner der Verfasser der neutestamentlichen Schriften behauptet, Jesus sei an seinem Geschick schuld. Das heißt das Neue Testament durchbricht den üblichen Mechanismus, wonach das Opfer an seinem Geschick selber schuld ist. Im Gegenteil, der neutestamentliche Text, der am stärksten die Metapher des Opfers für den Tod Jesu benutzt, der Hebräerbrief betont: Jesus war unschuldig. Generell wird dort im Neuen Testament, wo der Tod Jesu als Opfer dargestellt wird, dieses immer als Gabe, als Hingabe an andere verstanden.
Die Bedeutung des Todes Jesu wird im Neuen Testament und in der Tradition der Kirche auch mit der Formel beschrieben: "Jesus ist für unsere Sünden gestorben." Doch damit tun sich heute viele Menschen schwer. Sollte man also besser auf diese Formel verzichten?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Sie erwähnen eine der vielen Formeln, mit denen die Verfasser des Neuen Testaments wie spätere Theologen versucht haben, die Frage zu beantworten: Wie hat es passieren können, dass Jesus, in dem Gott Menschen begegnet ist, der Kranke geheilt und mit Armen gefeiert hat, in dem das Leben präsent war, am Kreuz hingerichtet wurde? Ich plädiere dafür: Belassen wir es bei dem Reichtum der verschiedenen symbolischen Formeln für den Tod Jesu. Statt sie beiseite zu schieben, sollten wir lieber fragen, was sie in unserer Zeit und Situation bedeuten können. Die Formel "für unsere Sünden" drückt eine intensive Beziehung zwischen dem Gebenden und dem, dem gegeben wird, aus. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Beziehung von Seiten der Menschen nicht in Ordnung ist. "Sünde" steht ja für den Abbruch von Beziehung. Und diese wird von Gott in Jesus Christus wieder geheilt, nicht allein durch Jesu Tod, sondern auch durch sein Leben. Das Neue Testament erzählt ja immer wieder, dass Jesus geheilt und Sünden vergeben hat. Das war, das ist seine Gabe an den Menschen.
"Für uns gestorben" heißt also: Die Gabe seines Opfers ist, dass wir nicht mehr selbstbezogen leben, sondern zu anderen in Beziehung treten, zu Gott und zu unseren Mitmenschen.
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ja, Jesus spitzt zu, was schon im Alten Testament zusammengehört, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten.
Sie haben das Opfer Jesu als Hingabe interpretiert, als Gabe. Aber Gaben, so ist es zumindest im Alltag, fordern immer auch Gegengaben. So revanchiert man sich für ein Geschenk oder für eine Einladung, das wird erwartet. Und auch im Alten Testament ist das Opfer ja eine Gegengabe.
HANS-MARTIN GUTMANN:
An diesem Punkt wird wichtig, wie der Hebräerbrief das Opfer Jesu interpretiert. Gaben sind auch im Alltag nie unproblematisch, sondern höchst ambivalent. Derjenige, der gibt, übt ja auch Macht aus. Sie kennen Äußerungen von Vätern, die dem Sohn, der Tochter sagen: "Solange Du deine Füße unter meinen Tisch steckst, machst du, was ich sage." Und nun betont der Hebräerbrief, das Opfer Jesu sei das einzige, das letzte Opfer, die unüberbietbare Gabe, die vom Menschen nicht wieder gut gemacht werden kann und auch nicht wieder gut gemacht werden muss. Sie ist vielmehr ein freies Geschenk Gottes. Der Mensch gibt an Jesus Christus nur seine Sünde zurück, das was seine Beziehung zu Gott und den Mitmenschen zerstört. Und Jesus Christus nimmt diese Gegengabe auf und verwandelt sie. Das heißt, der Mensch soll nur das abgeben, was er loswerden muss, um lebensfähig zu sein.
Der Kreuzestod ist früher, wie gerade in alten Kirchen zu sehen ist, oft sehr drastisch dargestellt worden, so drastisch, dass es auf manche wie eine Verklärung der Gewalt wirkt.
HANS-MARTIN GUTMANN:
Sicher hat die bildende Kunst die Wunden Jesu, aus denen das Blut fließt und das die Versöhnung herstellt, ins Zentrum gestellt. Da muss man freilich fragen, in welchem gesellschaftlichen Kontext diese Kunstwerke entstanden sind, eine Frage, die auch für die Verwendung von Metaphern gilt, die in ganz verschiedenen historischen Situationen den Tod Jesu interpretieren.
Nehmen Sie die Vorstellung Anselm von Canterburys, wonach der Sohn Gottes sterben musste, um die Ehre Gottes wiederherzustellen, die durch die Sünde des Menschen verletzt worden war. Da wird Gott wie ein feudaler Gutsherr gesehen, dessen Ehre durch den Ungehorsam der Abhängigen verletzt wird. Das heißt, darin wie Anselm den Tod Jesu verstanden hat, hat sich die damalige feudale Gesellschaftsordnung gespiegelt.
Auf Kriegerdenkmälern liest man häufig das Wort Jesu nach Johannes 15,13: "Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde." Und in britischen Kirchen wird dieser Vers auch bei den Gottesdiensten zum "Remembrance Day", dem Volkstrauertag, zitiert. Wird hier ein Bibelvers missbraucht? Und zeigt der Missbrauch nicht, wie gefährlich bestimmte Metaphern für den Tod Jesu sind?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Jede Metaphorik ist ambivalent, auch die genannte. Interessanterweise taucht Johannes 15,13 auch in der populären Kultur unserer Tage auftaucht. In dem James Cameron-Film Avatar geht es - wie auch schon in Titanic zehn Jahre zuvor - ständig um den Einsatzes des eigenen Lebens für andere. Das ist ja auch eine angemessene Rezeption dieses Bibelverses. Etwas anderes ist die Rechtfertigung von Kriegen, die nun wirklich allem widerspricht, was Jesus gesagt und wie er gelebt hat.
Wenn in modernen Filmen viel von Hingabe die Rede ist, vom Einsatz des Lebens, dann ist das offensichtlich ein Gedanke, der Menschen anspricht.
HANS-MARTIN GUTMANN:
Er spielt zumindest in Hollywoodfilmen eine wichtige Rolle, weniger in europäischen. Das mag mit der religiösen Tradition und Situation der usa zusammenhängen. Aber es trifft offensichtlich etwas, was Leute auch in anderen Kulturen anspricht.
Sie haben daraufhingewiesen, dass Jesu Opfer einmalig war und eine einseitige freie Gabe Gottes an den Menschen, die keine Gegengabe erfordert. Aber im Protestantismus gibt es doch eine Tradition, wonach Nachfolge Jesu bedeutet, Opfer zu bringen und eigene Bedürfnisse und Interessen zurückzustellen, also eine Gegengabe zu erbringen?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Nun ist die Vorstellung, dass man nicht für sich selber am meisten herausschlägt, sondern auch an andere und an das Gemeinwohl denkt, durchaus nötig und lebensförderlich. Bei dem, was Sie ansprechen, ist doch das Problem, dass die Opferrolle, die Rolle, zu entsagen, zu verzichten, sich hinzugeben vor allem den Frauen zugeschrieben worden ist. Auch hier zeigt sich die Ambivalenz einer Metapher wie Opfer. Wie gesagt, keine Gesellschaft kommt ohne die Bereitschaft aus, füreinander einzustehen. Doch problematisch wird dies, wenn man die Hingabe allein einer Gruppe als Aufgabe zuschreibt. Traditionell sind das die Frauen gewesen, gerade auch in der Kirche.
Sie haben die Opfertradition des Alten Testaments relativ positiv dargestellt. Dabei gab es im Alten Testament doch aber auch eine heftige Opferkritik.So sagt Gott nach dem Propheten Hosea: "Liebe will ich, nicht Schlachtopfer."
HANS-MARTIN GUTMANN:
Die Propheten klagen die Aufkündigung des Zusammenhangs zwischen der Gottesbeziehung und der Beziehung zu den Menschen an. Für sie wird das Opfer, in diesem Fall das Tieropfer, pervers, wenn Menschen den Tempel besuchen, Opfer darbringen, fromme Lieder singen und gleichzeitig ihren Reichtum vermehren, ein Haus nach dem anderen bauen und das Recht der Armen mit Füßen treten. Das heißt, beim Opfer gilt im Alten Testament die Wechselseitigkeit: Ich gebe Gott dem Geber des Lebens symbolisch das Leben zurück und setze mich dabei für Gerechtigkeit ein, für die Geschundenen und die Armen. Die Propheten lehnen also nicht das Opfer an sich ab, sondern klagen seinen rechten Gebrauch ein.
Traditionell wird die Opfermetapher vor allem im Zusammenhang mit dem Tod Jesu am Kreuz verwendet. Und dies wird gerade auch in unserer Abendmahlstradition deutlich. Für Sie gehört die Metapher des Opfers aber auch zum Verständnis des Lebens Jesu, richtig?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ich finde es hochproblematisch, wenn die Opfervorstellung, die ja nur eine Deutungskategorie für den Tod Jesu ist – nicht die vorherrschende, sondern eine unter vielen anderen – vom Leben Jesu abgetrennt wird. Man muss vielmehr verstehen, dass für Jesus der Zusammenhang von Sündenvergebung, Heilung und Feier des Lebens immer wichtig war. Und Sündenvergebung bedeutet - wie gesagt - die Eröffnung einer neuen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen und unter den Menschen. Das haben Menschen erfahren, als sie Jesus begegnet sind, und das muss sie fasziniert haben.
Dann müssten Sie eigentlich Bestrebungen unterstützen, beim Abendmahl von der starken Betonung des Todes Jesu und dessen Interpretation als Opfer wegzukommen und stärker das Leben Jesu und seine Verkündigung des Reiches Gottes in den Blick zu nehmen.
HANS-MARTIN GUTMANN:
Das Evangelische Gottesdienstbuch, die Gottesdienstordnung, die in den meisten Landeskirchen gilt, erlaubt, das Abendmahl auf sehr unterschiedliche Weise zu feiern. Ich denke dabei auch an das Feierabendmahl während des Kirchentages oder an Abendmahlfeiern mit Fußwaschung und Bildbetrachtung. Ich halte alles für möglich, soweit es sich nicht vollständig von den liturgischen Traditionen der Kirche löst. Ich finde es sinnvoll, ab und zu das Agnus Dei nicht zu singen. Aber ich finde es ganz und gar unsinnig, zu sagen, wir dürfen das nicht mehr singen.
Sie sind kein Traditionalist und legen doch Wert auf die Tradition, warum?
HANS-MARTIN GUTMANN:
Ich bin tief davon überzeugt, dass die Subjektivität von Menschen aus sich selbst heraus nicht lebensfähig ist. Wir brauchen vielmehr, um wir selbst werden zu können, Geschichten, Bilder, Metaphern, Symbole und Rituale, die es schon gibt. Ich kann nur mit meinem Kollegen Fulbert Steffensky sagen: Wir leihen uns die Sprache der Toten. Das, was ich aus mir selber heraus sagen kann, ist im Grunde nämlich sehr schmal. Das ist doch von Kindesbeinen an so: Menschen werden lebensfähig, indem sie ihre eigene Intention der Sprache anvertrauen, die immer schon vor ihnen da ist, und den symbolischen Metaphern und Erzählungen der biblischen und kirchlichen Tradition. Ich finde es problematisch, wenn wir aufgrund des jeweils gerade vorherrschenden Lebensgefühles bestimmte Metaphern und Vorstellungen einfach ausscheiden. Wir sollten vielmehr das, was uns gegeben ist, so erzählen, feiern und leben, dass die Grundlinie der biblischen Tradition immer wieder neu deutlich wird, die Verheißung, dass Gott die Beziehung des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen wieder herstellt, etwas, das wir nicht können.
Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 29. Januar 2010 in Hamburg.
Hans-Martin Gutmann lehrt Praktische Theologie am Evangelisch-Theologischen Fachbereich der Universität Hamburg. Der 57-Jährige hat sich viel mit dem Thema Opfer und Gewalt auseinandergesetzt.
Erschienen in Zeitzeichen März 03/2010.
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