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Friede auf dem Tempelberg

Was Bergsteigen die Politik lehrt

Frank-Walter Steinmeier

Die Perspektiven ändern sich. Große Dinge werden klein. Kleine Dinge werden dafür groß: der richtige Weg, das Wetter, die Frage: "Kommt auch jeder mit?" Und man lernt eines: Wir müssen ehrlich umgehen mit unserer Macht wie mit unserer Ohnmacht.

Frank-Walter Steinmeier, Bundesaußenminister. (Foto: dpa/David Ebener)
Frank-Walter Steinmeier, Bundesaußenminister. (Foto: dpa/David Ebener)

Lippe heißt die Gegend, aus der ich komme, zwischen Teutoburger Wald und Weser bin ich geboren. Berge sind weit weg; hügelig ist die Landschaft, drei- bis vierhundert Meter maximal. Mit dem Auto merkt man es kaum, aber als Kind, mit dem Fahrrad, ging es schon ganz schön auf und ab. Diese ruhige Landschaft mit ihren Wäldern und bescheidenen Dörfern hat mich tief geprägt. Ich bin als Kind nicht weit gereist. Meine Eltern waren bodenständig. Im Urlaub wurde am Haus gebaut und Billigflieger gab es noch nicht. Die richtigen Berge, Vogesen und Alpen, habe ich erst als Student kennen gelernt. Aber dann nicht mehr losgelassen!

Seit vielen Jahren verbringe ich mit meiner Familie jeden Urlaub in den Dolomiten. Gemeinsam mit Freunden brechen wir zu langen Gipfelexkursionen auf. Nirgendwo kann man die Seele besser auslüften, nirgendwo den Geist besser schweifen lassen als auf einer Bergwanderung.

Die Perspektiven ändern sich. Große Dinge werden klein. Das Berliner Gerangel erscheint ganz fern. Kleine Dinge werden dafür groß: der richtige Weg, das Wetter, die Frage: "Kommt auch jeder mit?" Und man lernt eines: Wir müssen ehrlich umgehen mit unserer Macht wie mit unserer Ohnmacht. Unsere Kräfte abschätzen, klug einteilen, damit der eingeschlagene Weg nicht plötzlich aus Mangel an Energie - oder Ideen - abgebrochen werden muss. Hier haben Bergsteigen und Politik vieles gemein.

              In den Bergen lernt man eines:
           Wir müssen ehrlich umgehen mit unserer Macht
            wie mit unserer Ohnmacht.

Aber nicht um Berge allgemein, sondern um einen Berg soll es in dieser Meditation ganz besonders gehen. Einen Berg, den ich oft gesehen, aber nie betreten habe, nicht betreten konnte: den Tempelberg in Jerusalem. Viele Male war ich in den vergangenen Jahren im Nahen Osten unterwegs, zwischen Jerusalem, Ramallah, Beirut und Amman. In Jerusalem habe ich gewöhnlich im King David Hotel gewohnt. Von dort hat man einen großartigen Blick auf den Tempelberg und die goldene Kuppel des Felsendoms.

An keinem Ort ist Geschichte so verdichtet wie auf diesem Berg. Dort stand der jüdische Tempel - vom König Salomon erbaut und zweimal zerstört. Jüdische Gläubige erinnern noch heute an der westlichen Mauer des Tempels, der Klagemauer, an ihr zerstörtes Heiligtum. Über ihnen, unter der Kuppel des Felsendoms, befindet sich der Stein, auf dem Abraham statt seines Sohnes Isaak einen Widder geopfert hat. Und es ist dort, wo nach islamischer Überlieferung viele Jahrhunderte später der Prophet Mohammed zum Himmel hinaufgestiegen ist.

Oft habe ich dort am Fenster gestanden und hinaus geschaut. Jedes Mal habe ich mir gewünscht, eines Tages frei und unbeschwert durch die Altstadt von Jerusalem gehen zu können, durch die Sukhs zu streifen, den Tempelberg zu besteigen. Doch solange die rechtliche Situation Ostjerusalems ungeklärt ist, bleibt das ein Traum. Wo immer ich hingehe, begleitet mich israelische Sicherheit. Das wäre auch in der Altstadt und auf dem Tempelberg so - ein Affront gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, die diesen Teil Jerusalems mehrheitlich bewohnt und als Hauptstadt eines palästinensischen Staates sieht.

Yitzhak Rabin, israelischer Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger, schrieb zwei Jahre vor seiner Ermordung über sein Jerusalem: "Ich schöpfe Kraft (...) aus dem Traum, dass zwei Völker in Frieden und gegenseitigem Verständnis auf demselben Fleck Erde miteinander leben können."

Für diesen Traum kämpfe auch ich. Der Nahe Osten braucht Frieden. Israelis und Palästinenser, Juden, Araber und Christen brauchen die Perspektive einer friedlichen Zukunft, gemeinsam, in versöhnter Verschiedenheit. An keinem Ort wird das klarer als in Jerusalem.

Patrioten Jerusalems

Der frühere Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek hat einmal gesagt: "Ich gehe kreuz und quer durch Jerusalem - und meine Augen können sich nicht satt sehen (...) Ich durchquere die Stadt - und das Herz geht mir auf." Für meinen Freund Amos Oz ist Jerusalem die Stadt seiner Kindheit, eine Stadt der jüdischen Migranten, der "Bibliothekare, Lehrer, der kleinen Angestellten und Buchbinder", die von literarischen Abenden und Tanztees mit kulturliebenden Arabern und kultivierten Briten träumten.

Sari Nusseibeh, einer der führenden palästinensischen Intellektuellen, Präsidenten der Al-Quds-Universität, gehört einer der beiden Familien an, die seit Jahrhunderten den Schlüssel zur Grabeskirche aufbewahren. Es ist ein Muslim, der jeden Morgen die Tore der Grabeskirche für die christlichen Pilger aufschließt!

Yitzhak Rabin, Teddy Kollek, Sari Nusseibeh, Amos Oz seien stellvertretend genannt für die vielen Patrioten Jerusalems. Ihre Hoffnung auf eine gute, eine bessere Zukunft, auf das friedliche Zusammenleben von Juden, Moslems und Christen in Israel und Palästina, an den Stätten ihrer Propheten, ist die Hoffnung vieler Menschen in dieser Stadt, in der Region und weltweit. Es ist auch meine Hoffnung, von der ich hoffe, dass sie eines Tages Wirklichkeit wird.

         Nichts für die Kurzatmigen und Hastigen

Bergwandern ist nichts für die Kurzatmigen und Hastigen. Es ist etwas für Menschen, die wissen, dass hinter jedem Hügel ein weiterer kommt. Dass man beharrlich voranschreiten muss, wenn man sein Ziel erreichen will. Friede auf dem Tempelberg - das ist ein großes, für den Frieden der Welt vielleicht das größte und wichtigste Ziel. Es lohnt sich, den nächsten Anstieg zu beginnen!

Erschienen in zeitzeichen August 08/2009.

 

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