zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
Startseite > Archiv  >  Glaube  >  Paulus

Paulus, ein Journalist

Eine Meditation

Joachim Frank

Zentrale Stellen in den Paulus-Briefen wirken, als hätte der Apostel sie per SMS versenden oder twittern wollen. Aber: Präsentation und Weitergabe dieser Kostbarkeit sind unzulänglich, prekär, vom Scheitern bedroht.

(Foto: privat)
(Foto: privat)

"Zeichen und Wunder haben wir geseh'n." Was nach Auskunft eines neuen geistlichen Lieds für die Jünger Jesu galt, entspricht bis heute der biblischen Sozialisation: Der Jesus für Anfänger ist der Wohl- und Wundertäter, der Brot vermehrt oder Kranke heilt. Noch bevor es dann an die richtig schweren Brocken - Leiden, Tod und Auferstehung - geht, kommen im Aufbaukursus "Jesus für Fortgeschrittene" die Gleichnisse dran, in denen Jesus von der Liebe Gottes und vom Himmelreich spricht.

Ich erinnere mich gut, wie ich im Religionsunterricht einmal das Gleichnis vom Senfkorn illustrieren sollte, aber aus Mangel an zeichnerischer Begabung kläglich scheiterte: Meine Senfpflanze, nach Auskunft der Bibel "größer als andere anderen Gewächse" nahm sich ziemlich mickrig aus.

                        Intensität der Bildsprache Jesu

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen faszinieren mich Kraft und Intensität der Bildsprache Jesu. "Heilige Schrift" ist die Bibel für mich nicht zuletzt wegen ihrer Sprache. Zumal sie dank ihrer Wirkungsgeschichte ein kulturelles Firmament gemeinsamen Verstehens aufgespannt hat wie kein anderer Text. Wer all die Redewendungen, Assoziationen und Anspielungen biblischen Ursprungs aufzählen wollte, hätte wahrhaftig viel zu tun.

Neben Jesus, dem Geschichtenerzähler und Prediger, tritt im Neuen Testament der Briefeschreiber Paulus als Großmeister der Sprache hervor. Mir, dem römischen Katholiken, haben ihn vor allem zwei Protestanten vermittelt: Martin Luther und Johann Sebastian Bach. Wenn zum Beispiel der Römerbrief in der "Einheitsübersetzung" formuliert, "so nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an" (Römer 8,26), dann ist das zweifellos eine gewichtige theologische Aussage. In Bachs Motette BWV 226 und mit den Worten der Lutherbibel, "der Geist hilft unsrer Schwachheit auf", gewinnt der gleiche Satz einen ganz anderen Rhythmus, aber auch eine ganz andere existenzielle Wucht. Er wird zu einem Stück Lebens-Qualität. 

Nun mag man das als typisch bildungsbürgerliche Attitüde betrachten - ähnlich der Ansicht, eine Aufführung von Bachs Matthäus- oder Johannes-Passion vermittle ein weitaus tieferes geistliches Erlebnis als jede noch so feierliche Karfreitags-Liturgie. Ich stelle darum den Lobpreis für Luthers Bibel und Bachs Musik hintan und mache - ausgehend von sehr gegenwärtigen Kommunikationstechniken - auf ein anderes Phänomen paulinischer Texte aufmerksam.

                                      "Zur Freiheit hat uns Christus befreit":
                                                            38 Zeichen.

Ähnlich wie ein Hörfunk-Kollege einmal feststellte, dass viele Gleichnisse Jesu nach Umfang und Dramaturgie perfekt auf die gängigen 1:30-Formate unserer Radioprogramme zugeschnitten seien, lässt sich für zentrale Stellen in den Paulus-Briefen festhalten. Sie wirken, als hätte der Apostel sie per SMS versenden oder twittern wollen:
"Denn ich bin gewiss: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (nach Römer 8,38f): 109 Zeichen.

"Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe" (1. Korinther 13,13): 97 Zeichen
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Galater 5,1): 38 Zeichen.

Im "Paulusjahr" 2008/2009 hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, auf die Qualitäten des Apostels als Kommunikator abgehoben und den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811 bis 1877) zitiert: "Wenn der heilige Paulus heute wieder auf die Erde käme, würde er Journalist werden." Ein Heiliger mit Facebook-Konto, einer Homepage und eigenem Blog, als Redakteur bei einer Zeitung, einem Radio- oder Fernsehsender - für einen Medienschaffenden ist das eine ebenso reizvolle wie schmeichelhafte Vorstellung.

Auch einen meiner Lieblingsverse würde der Apostel heute leicht mit dem Handy unters Volk bringen können. Im 2. Korinther-Brief, seiner persönlichsten Epistel, schreibt Paulus: "Wir tragen unseren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen." (2. Korinther 4,7). Paulus erinnert daran, dass jedem Christen ein höchst kostbares Gut anvertraut ist; der Glaube macht reich.

               Heilsame Irritation

Aber, und das ist genauso wichtig: Präsentation und Weitergabe dieser Kostbarkeit sind unzulänglich, prekär, vom Scheitern bedroht. Das relativiert die Selbstgewissheit einer ecclesia triumphans. Der Satz vom Schatz in zerbrechlichen Gefäßen über eine - sagen wir - pompöse Papstmesse gestellt, müsste unweigerlich eine hoffentlich heilsame Irritation auslösen.

Just in diesen Tagen kam mir der Vers wieder als ein solches Korrektiv in den Sinn. Die Missbrauchs-Skandale in Schulen des Jesuiten-Ordens lassen viele Menschen an der Glaubwürdigkeit der Kirche zweifeln. Und in der Tat machen solche Verbrechen den Glanz des Schatzes stumpf, den die Kirche hütet. Ihre Gefäße sind sogar so zerbrechlich, dass sie andere verletzen. Das muss alle beschämen, die mit diesem Schatz hantieren und hausieren gehen möchten. Es reicht für die Kirche nicht, sich auf ihre "Frohe Botschaft" und deren Wert zu verlassen. Ebenso wichtig ist die Achtsamkeit für ihr Erscheinungsbild, für die Performance der Boten. Merke: "Wir tragen unseren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen."

Erschienen in zeitzeichen März 03/2010.

 

Auch unterwegs

Bald neu:
zeit
zeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs. 

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Archiv

Hier entsteht ein Archiv mit allen Artikeln der zeitzeichen-Magazine.