Stufen des Lebens
Interessen von Menschen mit Behinderungen wahrnehmen
Achtsamkeit vor jeder Stufe - das wünscht sich die Schauspieler Najda Uhl für unseren Alltag. Denn durch ihr Engagement im Oberlinhaus, einer diakonischen Einrichtung, hat sie gelernt: Stufen sind Barrieren, die Menschen mit Behinderungen ausgrenzen. Gedanken über Psalm 121, der über das Ausrutschen, das Fallen, das Stolpern spricht.
Gott wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Psalm 121,3.
Stell' dir vor, du willst im Sommer auf den Balkon und kommst nicht hinaus. Weil da eine Schwelle oder Stufe ist, die unüberwindbar vor dir steht. Ungefähr fünfzehn Zentimeter ist eine normaleTreppenstufe hoch. Nicht viel. Und doch ist es manchen aus eigener Kraft nicht möglich, diese Stufe zu erklimmen. Der Wille ist da, doch die Möglichkeiten fehlen. Das, was mir so leicht fällt, ist für viele Menschen eine unüberwindbare Hürde. Rollstuhlfahrer sehen die Welt und ihre Stufen mit ganz anderen Augen, als es Menschen ohne Behinderung tun. Für Rollstuhlfahrer kann eineTreppe eine Hürde sein, die sie nicht nehmen können oder wollen.
Vor einigen Wochen wollte ich mit meiner kleinen Tochter Thomas besuchen. Thomas wohnt in Potsdam, im Oberlinhaus, einer großen diakonischen Einrichtung. Vorher wollte ich noch schnell in der Nähe des Oberlinhauses ein paar Einkäufe erledigen. In vielen der Läden gelang es mir nicht, ohne nette fremde Hilfe die Stufen mit dem Kinderwagen zu überwinden. Im letzten Geschäft fragte ich, wie das denn die Rollifahrer vom Oberlinhaus schaffen. Die Antwort war ein freundliches, aber etwas ratloses Schulterzucken.
Thomas empfing uns mit der ihm eigenen Fröhlichkeit. Seit nunmehr 27 Jahren sitzt er im Rollstuhl und engagiert sich sehr für die Belange seines Umfeldes. Ein Badeunfall, der Kopfsprung in das Wasser brach dem damals 17-jährigen das Genick. Seitdem ist Thomas querschnittsgelähmt. Gelegentlich sitzt er vor seinem Haus und raucht eine Zigarette. Dabei beobachtet er das Kommen und Gehen vieler im Oberlinhaus, Rollstuhlfahrer und Geher, behinderter Menschen und nicht behinderter Menschen. Los ist immer etwas im Oberlinhaus. Manche rollen mit ihrem Elektrostuhl die schiefe Ebene hinunter, andere gehen leichtfüßig durch das große Portal.
Warum ist diese Zusage
in ein Gebet aufgenommen worden?
Für einen Moment ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass man von Thomas ziemlich viel lernen kann, zum Beispiel Achtsamkeit. Achtsamkeit vor jeder Stufe, die ich leichtfüßig nehmen kann. Das würde ich mir für unseren Alltag viel öfter wünschen. Dass wir die Interessen von Menschen mit Behinderung deutlicher wahrnehmen. Dass wir lernen, eine Schwelle, eine Stufe oder einen Bahnhof ohne Fahrstuhl als das zusehen, was sie sind: Barrieren für viele Menschen, die so aus unserem täglichen Leben ausgegrenzt werden. Oftmals ist es nur eine Kleinigkeit, in der Planungs- oder Bauphase eine schiefe Ebene mit einzuplanen.
Gott wird deinen Fuß nicht gleitenlassen, las ich an einer Wandzeitung im Oberlinhaus. Ein Psalm seit vielen Jahrhunderten. Warum ist diese Zusage in ein Gebet aufgenommen worden? Warum werden das Ausrutschen, das Stolpern, das Fallen extra erwähnt? Sind unser Gehen und Laufen, die uns so selbstverständlich erscheinen, etwas viel Wertvolleres, als uns bewusst ist?
Und wo war Gott, als Thomas kopfüber ins Wasser und damit in sein völlig neues Leben sprang? Die Frage beschäftigt mich immer wieder. Die Bibel ist voll von Klagen Betroffener, die das Gefühl haben, dass sie in ihrer Not allein sind. Wahrscheinlich hilft dann immer wieder nur ein trotziges "Dennoch" wie in Psalm 73: Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei deiner rechten Hand/ und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, / so frage ich nichts nach Himmel und Erde.Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet/ so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. ... Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, daß ich verkündige all dein Tun.
Viele Monate lang war Thomas ans Bett gefesselt. Doch dann kam sein Lebensmut wieder. Das Leben hat einen Sinn, auch nach einem Unfall. Welchen, das muss jede und jeder Betroffene selbst beantworten. Inzwischen ist Thomas in seiner Wohnstätte im Heimbeirat aktiv. Er hat nach seinem Unfall eine neue Lebensstufe durchschritten, auch ohne laufen zu können. Demnächst wird für ihn und andere Körperbehinderte im Oberlinhaus ein neues Haus gebaut. Mitte Juni dieses Jahres haben wir dafür den Grundstein gelegt.
Erschienen in zeitzeichen 11/2008.
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