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Zum Leben gemacht

Klartext: Sonntagspredigten für Januar und Februar

Max Koranyi

Gedanken zu den Predigttexten von Max Koranyi, Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Königswinter-Stieldorf.

Max Koranyi, Pfarrer in Königswinter. (Foto: privat)
Max Koranyi, Pfarrer in Königswinter. (Foto: privat)

Ganz gerecht

1. Sonntag nach Epiphanias, 11. Januar

Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtig­keit zu erfüllen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matthäus 3,15.17)

Nötig hätte er es bei Gott nicht gehabt. Denn der wusste schon vorher, wer er war. Seit Anbeginn der Welt sozusagen. Damals schon hatte er ihn zum König gekrönt. Christkönig. Große Vertrautheit zwischen Vater und Sohn.

Nötig allerdings hatten es wir, dass er vor uns ins Wasser geht. Wir waren zwar auch von Anbeginn als Gotteskinder gedacht. Aber mit der vertrauten Beziehung zum himmlischen Vater haperte es von Anfang an. Adam nämlich wollte sich irgendwann seine Gerechtigkeit selber pflücken. Das Ende vom Paradieslied. Viele nach ihm probierten, ihrem himmlischen Familienstand gerecht zu werden. Sie scheiterten alle. Und gerieten in den Strudel der Chaoswasser.

Nötig gehabt hätten wir’s schon, da drunten zu ersaufen. Das aber war nicht im Sinn des Vaters. Er hatte uns doch zum Leben gemacht. Da erinnerte sich Gott an sein erstes Kind. Und ernannte ihn zum eingeborenen Sohn. Dann schickte er ihn ins Wasser. Als die Wellen über ihm zusammenschlugen, öffnete sich oben der Himmel und unten unsere Wasserfalle in den Tiefen der Erde. Und wir waren frei. Gerecht gemacht durch Ihn. Dafür ein großes Lob vom Himmel für den Sohn: "Gut gemacht! So gefällst Du mir!"

Inzwischen sind wir anderen Kinder ans Ufer geschwemmt. Und nun berührt der Erste unter uns mutig und neu mit seiner Stirn das Wasser, das jetzt "Lebenswasser" heißt. Andere Geschwister folgen - alle am Ende demütig dem großen Sohn hinterher ins Nass. Keine Angst mehr vor der Flut. Das nennt man heute Taufe. Und die macht bei Gott ganz gerecht.

Fromme Mütter

2. Sonntag nach Epiphanias, 18. Januar

Jesus spricht zu Maria: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht ­gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, ge­schehen in Kana in Galiläa.

­(Johannes 2,4-5.11)


Das erste Zeichen kommt niemals auf Kommando. So wie wir es nur allzu gerne hätten: Problem erkannt, Problem gebannt. So einfach sind unsere Tage nicht. Schon gar nicht an den Hoch-Zeiten unseres Lebens. Bei einem Empfang traf ich auf eine Hochzeitsplanerin. www.agentur-traumhochzeit.de. "Die Leute wollen immer Ausgefalleneres", sagte sie. Manchmal allerdings bekommt man dann auf der letzten Zeitungsseite mit, dass wieder einmal eine Hochzeit in die Binsen gegangen ist. "Bräutigam verbrachte die Hochzeitsnacht volltrunken in Ausnüchterungszelle." Zu viel erwartet?

Es sind vor allem die Mütter, die gerne mal dem Brautpaar über die Schulter sehen. Sie kennen auch meist den besten Wein­importeur. Sie wissen auch, was gut beim Hochzeitseinzug in die Kirche klingt. Und was man heute so trägt. Sie schreiben auch ganz gern Jesus vor, welche Rolle er bei der Traumhochzeit zu spielen hat. Geht was aus, wird er schon einspringen. So einfach ist das.

So einfach ist das nicht. Wenn Jesus Hochzeitspaaren helfen will, dann weiß er selber am besten, wann die rechte Stunde dazu geschlagen hat. Vielleicht gerade dann nicht, wenn alle hinschauen und alle es erwarten. Sondern vielleicht eher an dunklen Tagen, verborgen vor den Augen der Welt. Dann aber hilft er gern und nur allzu oft, das abgestandene Wasser des Alltags wieder in funkelnden, spritzigen, kostbaren Beziehungswein zu verwandeln. Das Paar muss halt nur ein bisschen geduldig sein. Und die Mütter ein bisschen außen vor lassen. Oder vielleicht manchmal doch auf deren Worte hören, wenn sie denn weise sind: "Was er euch sagt, das tut."

 

Wirklich gesund

3. Sonntag nach Epiphanias, 25. Januar

Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. (Matthäus 8,8)

"Wie ein goldener Apfel auf silberner Schale, so ist ein Wort, geredet zu rechter Zeit." Kranke vor allen anderen brauchen gute Sätze. Im rechten Moment. Oft plappern wir am Krankenbett daher- vor Hilflosigkeit. Oder zitieren religiöse Formeln, die das Herz des Kranken längst nicht erreichen.

Nüchterne Heidenmenschen können da weiterhelfen. Sie wissen aus ihrem Berufsalltag, was ein klares Wort alles an Konsequenzen erreichen kann: "Geh hin! Komm her! Tu das!" Und es geschieht.

Ist ein lieber Mensch uns krank geworden, dann sollten wir uns erst einmal sammeln, bevor wir zu ihm gehen. Das geht ganz gut im Gebet. "Herr Jesus", kannst du laut in der Kirche oder auch im Stillen bei dir daheim dann sagen, "Herr Jesus, mein Freund / meine Frau / mein Kind liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen." Ein ganz einfaches Wort: Anrede. Notbeschreibung. Sorgenfalten. "Ich komm", wird Jesus gewöhnlich dann sagen. "Musst Du Dir wirklich die Mühe machen?", kannst du ihm dann antworten. "Sprich nur ein Wort, dann wird mein/e Liebste/r gesund." 

Jesus wird staunen, was wir ihm alles zutrauen. Weil wir doch bisher eher Randgestalten des Himmels waren. Aber egal: "Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast!", so klingt sein einfaches Wort. Einfaches Wort? Oh nein, es ist die Lebenszusage als Goldenes Wort auf silbernem Tablett angerichtet. Und dieses solltest du dir jetzt am Besten ganz schnell schnappen und es zu deinem Freund / deiner Frau / deinem Kind ins Zimmer hineintragen. "Jesus hat tatsächlich das Alltagswort gesagt: 'Geh einfach hin!'" 

Mit diesen Worten wirst du das Krankenzimmer betreten. Viel mehr wird gar nicht von dir verlangt. Du wirst die Hand deines/r Liebsten halten und ihm/r sagen: "Uns wird geschehen, was er gesagt hat, wenn wir daran glauben." Ein gutes Wort. Sprich nur dieses Wort. Es macht wirklich gesund.

Gipfeltreffen


Letzter Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar

Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut
sein. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und sie gingen vom Berg herab. (Matthäus 17,4-5.9)

Irgendwann muss man mal wieder runterkommen. Von den Gipfeln des Glücks. Von den lichten Höhepunkten des Lebens. Der letzte Christbaum wird morgen, zu Mariä Lichtmess (2. Februar), vor die Tür gestellt. Die Krippe wieder eingepackt. Das ist schon ein gewaltiger Stimmungsabschied. Als er klein war, war dies für unseren ältesten Sohn nicht auszuhalten. Also schnitt er sich die Baumspitze ab und legte sie auf seinen kleinen Schreibtisch. Das Lichterfest konnte nicht einfach vorbei sein.

Bergfest mit Jesus und drei Freunden: Weihnachten und Ostern an einem Tag. Der liebe Gottessohn strahlt. Und auf dieses Heiligenbild stellen sich die jüdischen Gerechten als ewige Himmelslichter gleich dazu. Gipfeltreffen mit Mose und Elia. Wer würde da nicht zu diesem Glücksmoment sagen wollen: "Verweile doch, du bist so schön!"? 

Der Weihnachtskreis aber rundet sich. Und eine lichte Wolke überschattet die Christfeststimmung. Jetzt heißt es, nicht mehr den eigenen Sehnsüchten nachzulauschen, sondern wirklich auf Jesus zu hören. Und der sagt deutlich genug, was jetzt kommen wird: "Hinunter von den Höhen. Hinein in den schwierigen Lebensalltag. Hinauf am Ende nach Jerusalem."

Glaube muss bereit zum Abschied sein. Und Neubeginn. Nach jedem Lichterfest. Nach jedem Gottesdienst. Nach jedem Gebet. Unverzichtbar sind diese Höhepunkte der Nähe zum Licht, sicherlich. Aber überwintern können wir dort oben nicht. Jesus geht runter. Weil es noch so viele dunkle Täler gibt, die noch nicht von ihm bestrahlt wurden.

Sonniges Gemüt

Septuagesimä, 8. Februar

Ich will diesem Letzten geben dasselbe wie dir. Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? (Matthäus 20,14-15)

Was braucht man wirklich zum Leben? Einen Silbergroschen pro Tag. Das ist schon mal klar, damit bekomme ich meine Familie satt, und trockene Füße natürlich auch. Und dann? Das Beste wäre jetzt ein sonniges Gemüt: "Ich habe alles, was ich brauche."

Aber so tickt der Mensch in den seltensten Fällen. Der eine denkt: "Bei dem, was ich leiste, ist der Groschen recht dünn. Vergleiche ich mich mit dem dort. Der macht nicht ein Drittel vom dem, was ich tu. Und kriegt am Ende das Gleiche raus. Da frag ich mal nach." Die andere sagt: "Gut - Brot und Haus sind jetzt da. Es sind aber noch Groschen übrig. Da kauf ich mir jetzt einen echten N. N. Den haben die Nachbarn nicht." Und lässt sich dann von anderen befragen, wie ihr das wohl gelungen ist.

Ein sonniges Gemüt würde anders ticken. Es sieht mit Wohlwollen und Wonne: Jeder Mensch auf Gottes Erde hat seinen Silbergroschen erhalten. Grundversorgung nennt man das. Mindestlohn. Jetzt kann das Leben richtig losgehen. Und keiner sieht scheel. Denn dazu kommt man gar nicht mehr. Da hat man immer noch was Besseres vor.

Da war einmal ein bärtiger Mann, der hatte genau diesen Traum. Jesus? Ja, der hat’s erfunden. Aber Karl Marx hat versucht, daraus einen Tagesplan zu machen. Gescheitert, sagst du? Sind etwa die gierigen Silbergroschen-Raffer erfolgreicher? Die Sozialschereauseinanderklaffer? Die Ersten, die die Letzten nicht brauchen und nicht sehen?

Man müsste noch mal ganz neu anfangen können: Jedem seinen Silbergroschen. Nach dem Krieg: Deutsche Mark. Nach der Mauer: Begrüßungsgeld. Und dann gemeinsam in den Abendhimmel schauen. Ein Glas Wein in der Hand. Allen das gleiche Glück gönnend.

Mit dem Sonntag Septuagesimä beginnt am 8. Februar, neun Wochen vor Ostern, der Osterkreis der Kirchenjahres.

Erschienen in zeitzeichen Januar 01/2009.

 

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