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Maskenrummel

Eine Meditation der Schriftstellerin Lene Mayer-Skumanz

Lene Mayer-Skumanz

Ein altes griechisches Wort/ für "Schauspieler", hab ich gelesen,/bedeutet "Antworter"./ Schauspieler haben Masken ­getragen./ Durch die Maske, schallverstärkt,/ drang die Sprache des Dichters./ Oder des Possenschreibers./ Öfter des Possenschreibers... - Eine Meditation der Schriftstellerin Lene Mayer-Skumanz.

Lene Mayer-Skumanz, Schriftstellerin. (Foto: privat)
Lene Mayer-Skumanz, Schriftstellerin. (Foto: privat)

Ein neckisches Stubenmädel verkauft mir Fisch,
ein Harlekin preist mir Oliven an,
ein Löwe beschnuppert die Ananas
und fragt, für wann ich sie brauche.
Zwischen den Buden auf ab, auf ab
lärmt tapfer die Blasmusik,
freundliche Clowngesichter.
Der kleine Marktplatz quillt über
von Hoffnung auf Faschingslaune
und Karnevalspaß.
Sogar die alte Sauerkrautfrau
trägt verwegen ein spitzes Hütchen
und hat sich Herzen auf die Wangen gemalt.
Sie legt zwei Krapfen in meinen Korb
und bietet in winzigen Gläsern
den "Selbstbrennten" an.
Ich trinke gern auf ihr Wohl.
"Man kommt dem Rummel schwer aus",
sagt sie entschuldigend. "Tu ich halt mit
bei der Marktbelebung ...
Muss ich halt auch wer sein ..."
Ich antworte, dass sie immer wer ist,
und schaue ihr beim Zuhören zu -
auf dem Markt kann das niemand
so gut wie die Sauerkrautfrau. 
Sie hobelt ihr Kraut und hört zu,
mit Nicken und Seufzen im richtigen Augenblick,
und jeder darf ihr sein Herz ausschüt­­ten
und alte Geschichten erzählen zum x-ten Mal.
"So ist das Leben", brummt sie,
"der Herrgott wird wissen, warum ..."
Stark und voll Sanftmut
trägt sie das Leid der Welt,
es glühen die Herzchen
auf ihren Runzelwangen,
auch der Löwe von nebenan
kommt auf ein Schlückchen.

                                         Ich antworte, dass sie immer wer ist,  
                                              und schaue ihr beim Zuhören zu -
                                              auf dem Markt kann das niemand
                                                   so gut wie die Sauerkrautfrau. 

Warum geht mein Gemüsemann
ausgerechnet als Löwe,
frage ich mich im Weiterschlendern,
und der dort drüben als Clown,
als Wurstel, als Zauberer ...
Als was würde ich mich verkleiden,
wäre ich Marktfrau hier
und käme dem Rummel nicht aus,
wegen der "Marktbelebung"?
Als Hexe, als Handleserin?
Auch Karten könnte ich legen
und allen Frauen mit schweren Einkaufstaschen
zumurmeln: "Bald, meine Liebe,
haben Sie das Nein-Sagen drauf,
schütteln Sie einen Teil der Last
von den müden Schultern, lassen Sie sich
nicht dauernd vereinnahmen.
Sie sind auf dem besten Weg,
sagen Sie öfter nein ...
Ich bin auch grad dabei,
das zu lernen ... 
Gelt ja, sind wir schon zwei ..."
Ohne Verkleidung brächte ich so was
nie über die Lippen.
Eigentlich schade.

Einen Karnevalstag, einen einzigen ­Fasnachtabend lang
mit einer besonderen Maske
mich trauen, wer andrer zu sein oder ganz ich selbst?
Ein Clownkostüm als heiter-ernsthaftes Zeichen
für die Vergänglichkeit?
Hab ich nicht Alltagsmasken in steter Verwendung?
Spiele ich meine Rolle gut? Sind es verschiedene Rollen?
Mache ich Theater? Warum? Für wen?
Für das eigene arme Ich,
damit es sich besser fühlt?
Ein altes griechisches Wort
für "Schauspieler", hab ich gelesen,
bedeutet "Antworter".
Schauspieler haben Masken ­getragen.
Durch die Maske, schallverstärkt,
drang die Sprache des Dichters.
Oder des Possenschreibers.
Öfter des Possenschreibers ...

Vor zweitausend Jahren
begleitete ein junger Kerl
seinen Vater zur Arbeit,
trug ihm das Handwerkszeug,
lernte von ihm, wurde Steinmetz.
Jeden Morgen ein Anmarsch
von eineinhalb Stunden
in die durch Aufstand und Krieg
noch immer zerstörte Stadt,
Sepphoris hieß sie,
Wiederaufbau von Stadtmauern,
Banken, Bethäusern und Geschäften,
Bau eines Theaters für fünftausend Zuschauer.
Jeden Abend eineinhalb
müde, zerschlagene Stunden Rück­marsch
ins kleine Kaff, wo sie wohnten,
wo es für einen Bauhandwerker
zu wenig Arbeit gab: Nazaret.
Und der wissbegierige Junge
schaute sich um in der Stadt,
lernte und lernte und nahm sich vor,
später nie mehr hierher zu gehen,
so kommt in den Geschichten über ihn
die Stadt mit dem großen Theater
in keiner einzigen Zeile vor.
Aber die Theaterleute blieben
dem jungen Mann im Gedächtnis,
die Rollenspieler ...
"Maskenträger!", sagt er später zu denen,
die ihre Rolle als Frommer, als Guter,
als Kluger aufdringlich spielen,
um "wer zu sein"
und Applaus zu kriegen.

Wer bin ich? Bin ich "wer"?
Will oder muss ich "wer" sein?
Und dazu eine Maske tragen?
Vor Zeiten, als es wie heute
Männer und Frauen, Herren und Sklaven,
Starke und Schwache gab,
hat uns Paulus beruhigt, er meinte,
jeder von uns sei "wer"
im Namen von Jesus Christus.
Ein tröstliches Wort.
Ich kann Ihnen auch
ein lebendiges Beispiel bieten:
die Sauerkrautfrau.

Erschienen in zeitzeichen Februar 02/2009.

 

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