Im Wandel der Zeiten
Klartext - Sonntagspredigten für Dezember und Januar
Jörg Machel ist Pfarrer der evangelischen Emmaus-Ölberg-Kirchengemeinde in Berlin-Kreuzberg.
Neue Würde
3. Advent, 14. Dezember
Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
(Matthäus 11,5-6)
Schauen wir in eine kleine Lehmhütte am Rande von Dinajpur im Norden von Bangladesh. Dort lebt Kiran mit ihrer Familie. Sie isst erst, wenn ihr Ehemann Bari satt ist und wenn dann auch noch die beiden Söhne und die Tochter gegessen haben. In dieser Hinsicht geht es ganz traditionell zu. Eigentlich ist vieles ganz traditionell in ihrem Leben. Sie wurde mit zwölf Jahren verheiratet, bekam mit sechzehn ihr erstes Kind und lebt jetzt ganz in der Nähe ihrer Schwiegereltern. Ihr Leben ist hart, denn sie ist arm. Ihr Mann findet nur gelegentlich Arbeit, und der kleine Acker, den sie besitzen, kann die Familie kaum ernähren. Trotzdem ist Kiran eine glückliche Frau. Das strahlt sie aus, und das sagt sie auch, wenn man sie fragt.
Alle in der Familie sind gesund, und bisher hat es immer gereicht. Wirklich gehungert haben sie schon seit Jahren nicht mehr. Das liegt vor allem daran, dass Kiran einen Job gefunden hat. Sie hatte das Glück, in ein Frauenprogramm aufgenommen zu werden. In einem Frauenprojekt von Shanti hat sie Spinnen und Weben gelernt. Dort konnte sie mit anderen Frauen über ihre Lebenssituation sprechen und wirklich etwas für sich und die Familie tun. Zuerst wollte sie ihr Mann nicht dorthin gehen lassen. Doch als Bari begriff, dass es dadurch auch Arbeit und Geld für seine Frau geben würde und damit ein Auskommen für die ganze Familie, willigte er ein. Nun ist er begeistert und erträgt die Sticheleien anderer Männer mit einem Lächeln. Es geht ihnen einfach besser als seinen Neidern, und das macht ihn gelassen. Vieles ist für Kiran geblieben, wie es immer war. Bangladesh lebt mit seinen Traditionen, und Veränderungen brauchen viel Zeit. Aber manches hat sich geändert. Seit sie das meiste Geld nach Hause bringt, entscheidet auch Kiran mit darüber, wie das Geld ausgegeben wird. Sie wird in der ganzen Großfamilie höher geachtet. Und auch die kleine Tochter gedeiht im Schatten dieser neuen Würde besser als zuvor.
Die Leiterin des Frauenprojekts war in Deutschland, um für den Verkauf der gefertigten Produkte zu werben. Und sie hat Fotos mitgebracht: Auf einem Basartisch sieht man all die Sachen liegen, die in Bangladesh gefertigt wurden. Auf einem Bild schaut sich eine Kundin gerade eine Tasche an, die Kiran auf ihrem Webstuhl gewebt hat.
Was bleibt
4. Advent, 21. Sezember
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
(Lukas 2,1)
Es ist dieser auswendig gelernte Text, es sind die vertrauten Lieder, die den Reiz der Weihnachtstage ausmachen, erzählt mir Hildegard. Mit ihrem Team sorgt sie dafür, dass die Wohngemeinschaft aus Alzheimer-Patienten auch in diesem Jahr ein schönes Weihnachtsfest erleben wird.
Sechs hochbetagte Frauen leben in unserem alten Pfarrhaus zusammen und werden durch das Diakonische Werk betreut. Es ist tatsächlich eine Wohngemeinschaft und keine Krankenstation. Das merkt man sofort, wenn man in die Wohnung kommt. Die Möbel stammen aus den Wohnungen der verschiedenen Bewohnerinnen. Vasen, Bilder, Teppiche und Nippes zeigen an, dass man sich in einer Privatwohnung befindet. Krankenpflege-Hilfsmittel gibt es natürlich auch hier, aber sie dominieren nicht das Wohngefühl. Es geht familiär zu. Einige Bewohnerinnen halten sich in ihren Zimmern auf, die meisten aber sind in der Wohnküche. Die ist groß und gemütlich. Wer kann, hilft beim Gemüseschnippeln für den Eintopf.
Wir reden über Advent und Weihnachten. Nicht alle können miterzählen. Zwei aber erinnern sich an frühere Zeiten. Bei Frau Lehmann gab es am Heiligen Abend immer Kartoffelsalat mit Würstchen, bei Frau Krüger war Grünkohl Tradition, jedes Jahr. Beide schwärmen von Weihnachten und natürlich von der Adventszeit. Sie mögen den Winter und die vielen Lichter. Und sie erinnern sich an manches. Besonders die weit zurückliegenden Jahre scheinen eigentümlich nahe in diesen Tagen. Es ist schon erstaunlich, wie fern das gerade Erlebte meist ist und wie nahe jene Zeiten, die weit zurückliegen. Darüber können wir reden.
Sieben Geschwister hatte Frau Lehmann, und sie muss laut loslachen, als sie davon erzählt, wie sie der Mutter Vorwürfe machte, dass der Vater gerade am Heiligen Abend immer zur Arbeit ging. Der sollte sich gefälligst mal frei nehmen, wie die anderen Väter auch, klagte sie damals. Nie war der Vater dabei gewesen, wenn der Weihnachtsmann zur Bescherung kam, fiel ihr auf. Erst viel später wurde ihr klar, dass der Vater selbst unter der Maskerade des Weihnachtsmannes versteckt war.
Wie es denn mit den Bewohnerinnen sei, die gar nicht mehr erzählen können und sich auch nicht mehr an frühere Zeiten erinnern, möchte ich wissen. Hildegard hält mir eine Honigwachskerze unter die Nase: diesen Geruch, so ist sie sicher, vergisst man nicht - und den Geschmack von Spekulatius und den Klang der vertrauten Lieder auch nicht.
Selbst wenn man nicht mehr mitsingen kann, bleibt doch die Freude an der vertrauten Stimmung, auch wenn es für diese Erinnerungen keine Worte mehr gibt. "Wenn die Räume erst mal weihnachtlich geschmückt sind", sagt Hildegard, "wird allen das Herz weit, das spüren wir jeden Tag im Advent."
Eigener Rhythmus
Heiliger Abend, 24. Dezember (Christvesper)
Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet.
(Lukas 12,37)
"Mein erstes Weihnachten habe ich in diesem Jahr schon Anfang November gefeiert", erzählt mir Dorothea, die Leiterin des Ricam-Hospizes im Berliner Stadtteil Neukölln. Ich hatte mich erkundigt, wie man denn in einem Hospiz, das ja für schwerkranke und sterbende Menschen da ist, Advent und Weihnachten feiert. Und eigentlich hatte Dorothea mir auf meine Frage mit diesem einen Satz schon alles Entscheidende gesagt: Im Hospiz feiert man Weihnachten nach den Vorgaben und Bedürfnissen der Patienten.
In diesem Fall wurde die Weihnachtsgans schon in den ersten Novembertagen serviert, da es sich abzeichnete, dass Herr Schneider nur noch kurz zu leben hatte. Es war einfach nicht mehr darauf zu hoffen, dass man gemeinsam in die Adventszeit gehen könnte. Er selbst hatte den Vorschlag gemacht, das Weihnachtsfest vorzuziehen. In seinem Zimmer stellte man einen kleinen Weihnachtsbaum auf und richtete einen wunderschönen Adventsteller für ihn und seine Gäste her. Er lud ein paar Freundinnen und Freunde ein und ließ in der Hospizküche einen herrlichen Festschmaus zubereiten, dessen Duft das ganze Haus erfüllte. Herr Schneider war gerade einmal fünfzig Jahre alt und wollte sein Leben auskosten, bis zur letzten Stunde.
Und genau darauf sind die Helferinnen und Helfer im Hospiz eingestellt. Sie setzen alles daran, solche Wünsche zu erfüllen. So war die Bitte um ein vorgezogenes Weihnachtsfest gar nichts Besonderes für sie. Man ist auf ungewöhnliche Wünsche eingestellt und hat Erfahrung darin, solchen Wünschen zu entsprechen.
Und es bestätigte sich auch bei diesem Patienten eine häufige Beobachtung im Hospizalltag: Er wusste sehr genau um seinen Zustand. Es war tatsächlich an der Zeit gewesen, einen letzten Wunsch zu äußern. Zwei Wochen nach dieser ungewöhnlichen Weihnachtsfeier starb Herr Schneider. Die durchschnittliche Verweildauer in diesem Hospiz sind eben gerade einmal 21 Tage. Das heißt, jemand, der am Beginn der Adventszeit ins Hospiz kommt, wird das Weihnachtsfest mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben.
Doch das mit der Statistik ist ja so eine Sache. Für den Einzelnen lässt sich aus solchen Rechnungen wenig ableiten. Die Lebensuhr eines jeden Menschen folgt einem ganz eigenen Rhythmus. Und so, erzählte mir Dorothea, haben große Ereignisse ihre ganz eigene Strahlkraft. Auch wenn der Körper dem Ende sehr nahe ist, gibt es keinen Automatismus, der zum Ende führt. Gerade wenn man sich auf etwas sehr freut, kommen Kraftreserven zum Vorschein, auf die niemand mehr zu hoffen wagte. So wird es wohl auch in diesem Jahr sein, hier im Hospiz: Es gibt also durchaus gute Gründe, sich darauf zu freuen, dass die meisten Patienten das Christfest noch erleben werden und dass man im Kreis von vertrauten Menschen feiern wird, auch wenn alle darum wissen, dass es ein letztes Fest in dieser Runde sein wird.
Warum eigentlich?
2. Sonntag nach dem Christfest, 4. Januar
Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
(Lukas 2,47)
Niemand konnte vorhersehen, welche Sprachgewalt Amalie einmal entwickeln würde. Als Kleinkind war sie so eindeutig bewegungsorientiert, dass es niemanden erstaunte, wie wenig Amalie zu reden versuchte. Doch von einem Tag auf den anderen begann sie zu sprechen. Und jeden Tag überraschte sie mit neuen Wörtern und Wendungen. Doch neben ihrem Hang alles zu kommentieren, erstaunte sie mit ihrer unerbittlichen Lust am Fragen: Ein forschendes "Was machst du da?" leitet ihre Attacke für gewöhnlich ein, und das nachgeschobene "Warum?" vollendet ihren Angriff.
Ein Tag mit Amalie stellt alles in Frage, was einem so ganz und gar selbstverständlich zu sein schien: Wer zuletzt an den Frühstückstisch kommt, wird befragt, und wer zuerst aufsteht, muss Auskunft geben. Amalie fragt: "Warum isst du das?" Und der Vegetarier bekommt Gelegenheit, über seine Essgewohnheiten zu reden. Warum essen wir, wie wir essen, warum essen wir, was wir essen, warum empfinden wir Stress bei der Arbeit und Ruhelosigkeit in den Pausen? Amalie tritt mit ihren kleinen hingeworfenen Fragen Lawinen des Nachdenkens los. Vieles, was sich so ganz nebenbei an Gewohnheiten und Abläufen eingeschliffen hat, was so ganz selbstverständlich funktioniert und unumstößlich scheint, lässt sich bei genauerem Hinsehen nur schwach begründen.
Vielfach wird die Hektik dieser Zeit beklagt. Doch dann zerplatzt das vor Amalies "Warum?" wie eine Seifenblase. Denn oft gibt es keinen rechten Grund, sich so zu hetzen. Es gibt unendlich viele Zwänge, die wir uns ohne äußere Not selbst auferlegen, und die kleine Amalie lässt nicht locker und fragt wieder und wieder: "Warum eigentlich?"
Erschienen in zeitzeichen 12/2008.
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