Brücken über die Oder
Vergebung als Auftrag für Europa - eine Meditation
Verzeihen: ein Prozess, in dem aus Zorn, Wut und Trauer die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Lösung, dann der Schritt auf den Anderen zu und schließlich das Verzeihen selbst resultiert.
Ist das nicht eigentlich die große Leistung, die metaphorisch in der Europäischen Union ihren Auftrag findet? War nicht der Anfang dieses Friedensprojektes "Verzeihen"? Zwar ist die sittliche Begabung, zu vergeben und gegen das Vergessen einen Neuanfang zu setzen, tief in unserer gemeinsamen abendländisch-christlichen Kultur verwurzelt. Verzeihen ist aber ein persönlicher, innerer Prozess. Es geht nicht nur um Entschädigung oder Versöhnung. Verzeihen muss zunächst beim Geschädigten, beim individuellen Opfer beginnen. Es handelt sich um einen Prozess, in dem aus Zorn, Wut und Trauer die Erkenntnis der Notwendigkeit einer Lösung, dann der Schritt auf den Anderen zu und schließlich das Verzeihen selbst resultiert.
Europa: Verzeihen in großen Dimensionen
Im europäischen Kontext sprechen wir von Verzeihen in großen Dimensionen. Es geht nicht um das Verzeihen zwischen Freund und Freundin, Mann und Frau. Es geht um das Verzeihen zwischen Nationen, Kulturen und Gesellschaften. Meiner Generation ist die Gnade der späten Geburt zuteil geworden, auch wenn wir in ein Land hineingeboren wurden, das sich nach den verheerenden Erlebnissen des II. Weltkrieges erst selbst finden musste.
Wenn wir am 23. Mai den Bundespräsidenten wählen, tun wir das auch in dem Bewusstsein, dass sechzig Jahre seit der Staatsgründung der beiden deutschen Staaten vergangen sind. Die Überwindung der Teilung und das Glück der Wiedervereinigung sind keine Zufälle. Als die Welt noch in Trümmern lag, akzeptierte man die Teilung als unausweichlich und hoffte auf bessere Zeiten. Bis dahin hatte das eigene Überleben und das der Familie Vorrang. Dass gerade wir als Deutsche eine zweite Chance bekommen haben, verdanken wir unseren Nachbarn, die im Vertrauen auf unsere Demokratiefähigkeit zum Neuanfang bereit waren. Und die bereit waren, zu vergeben in dem Glauben an etwas Größeres, an eine Vision.
Vergeben im Glauben an eine Vision
Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gaspari - Männer mit tiefen christlichen Wurzeln - waren fest davon überzeugt, dass die Zukunft dieses neuen Europa nicht in einer Neuauflage des gerade erst überstandenen Weltkrieges riskiert werden durfte. Ihnen ging es um den Wiederaufbau, um die Versöhnung, darum, tiefe Wunden in mühsamer Kleinarbeit zu heilen. Wir haben allen Grund, stolz auf ein Experiment zu sein, das längst nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken ist und das den Menschen in Europa ein Leben in Freiheit, Würde und Wohlstand garantiert.
Dank der Europäischen Union konnte dort Vertrauen und Freundschaft wachsen, wo über Jahrhunderte Misstrauen und Feindschaft gediehen. Sinnbildhaft dafür steht das Europäische Parlament, das seit 1979 von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt und in dem die Vision der Gründerväter verwirklicht wird. Seit 1951 arbeiten die Europäer an einem gemeinsamen Haus - die Geschichte im Blick und im tiefen Respekt für und vor einander. Am 9. Mai 1950, genau fünf Jahre nach dem Krieg, hatte Schuman Deutschland auf der Grundlage der Gleichberechtigung die Hand der Versöhnung gereicht. Der Christ Schuman machte Weltpolitik aus seinem tiefen Glauben heraus.
Das geht aber nur, wenn sich die Menschen der ethischen Maßstäbe ihrer Existenz bewusst sind. Nur dann sind sie in der Verantwortung für ihr Handeln wirklich frei. Daran sollten wir denken, wenn die Staats- und Regierungschefs von Gipfel zu Gipfel eilen, um hinter der Glücksspielmentalität am Finanzmarkt aufzuräumen. Denn auch das ist einer der Wesenszüge, den wir mit dem zusammenwachsenden Europa verbinden: in der Not stehen sich die Staaten mit Rat und Tat zur Seite. Solidarität muss gelebte Praxis sein, sonst bleibt die universelle Menschenwürde eine Leerformel. Genau hier aber lag und liegt ein Missverständnis darüber vor, worin nun eigentlich das Wesen der EU besteht. Sie will weder ein neues Imperium sein, noch kann sie es sich leisten, den Binnenmarkt gegen die Schwächen einer Freihandelszone einzutauschen.
Solidarität als gelebte Praxis
Wir sollten uns lieber fragen, ob der Moment von Verdun, als sich Francois Mitterrand und Helmut Kohl über die Gräber hinweg die Hand reichten, auch ohne die europäische Integration möglich gewesen wäre. "Wir bitten um Verzeihung und verzeihen" - mit diesen Worten haben sich vor über vierzig Jahren die polnischen Bischöfe an die Deutschen gewandt. Diese Aufgabe müssen Deutsche und Polen als Mitglieder der EU endlich Realität werden lassen. Wie deutsche Vertriebene ihren polnischen Nachbarn begegnen und wie herzlich sie in Polen aufgenommen werden, zeigt, dass sich der normale Bürger längst für Lukas entschieden hat: "Vergebt, so wird auch euch vergeben."
Erschienen in zeitzeichen April 04/2009.
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