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Ebenbild Gottes

Eine Meditation

Horst Seehofer

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes waren klug genug, den Grundrechte- katalog nicht als hehres ethisches Desiderat zu formulieren, nicht nur als den alltagsfernen Anspruch einer moralisch sensiblen Elite. Im unmittelbaren Anschluss an die Feststellung der Unantastbarkeit der menschlichen Würde haben sie Verantwortlichkeiten benannt.

Horst Seehofer, Ministerpräsident des Freistaates Bayern. (Foto: dpa)
Horst Seehofer, Ministerpräsident des Freistaates Bayern. (Foto: dpa)

Wir leben ohne Zweifel in einer Zeit, die für jeden Einzelnen von uns eine Herausforderung darstellt. Zahlreiche Menschen vermissen in Zeiten des Strukturwandels und der Internationalisierung Orientierung und Verlässlichkeit. Die wirtschaftliche Krise lässt existenzielle Ängste verspüren und so manchen den Eindruck gewinnen, der Mensch werde von denen, die die Fäden in der Hand halten, auf seinen ökonomischen Nutzen reduziert.

Eine solche Lage ist für eine Gesellschaft eine Belastungsprobe: Wer unsicher ist, schottet sich ab, wird misstrauisch. Seine Bereitschaft zu sozialem Handeln sinkt, sein Kosmos wird kleiner und ichbezogener. Er sieht sich kaum mehr in der Lage, sein individuelles Wollen gegenüber dem sittlichen Sollen zurückzustellen, das unser Zusammenleben in der Gemeinschaft so sehr braucht. Wer ohnehin einem überzogenen Individualismus anhängt, sieht sich in Zeiten krisenhafter Entwicklungen in seiner Haltung möglicherweise einmal mehr bestätigt.

Niemals verzagen

In dieser Situation sind alle gefragt und gefordert, die Verantwortung tragen: Politiker, Verbandsvertreter, Repräsentanten der Wirtschaft, Träger der Kultur in unserem Land, Vertreter der Kirchen. Von ihnen allen erwarten wir eine klare Botschaft - eine Botschaft, deren Inhalt nicht nur einem aktuellen Zustand geschuldet sein soll, sondern die darüber hinaus prinzipielle Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen darf.
Diese Botschaft ist einmal ein Appell an die Menschen, niemals zu verzagen, sondern bei aller Veränderung, bei allen Problemen immer auch die Chancen und die neuen Möglichkeiten zu sehen, die sich ergeben. Als der Optimist, der ich selber bin, weiß ich: Ein gesundes und ein realistisches Maß an Zuversicht und Selbstvertrauen lässt jeden besser mit neuen Herausforderungen zurechtkommen.

Diese Regel gilt auch für die derzeitige wirtschaftliche Situation: Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir ökonomisch das Richtige und ethisch das Gebotene tun, am Ende gestärkt aus der gegenwärtigen Krise herausgehen werden - wirtschaftlich gestärkt, um wichtige Erfahrungen reicher und im grundsätzlichen Festhalten an unserer Sozialen Marktwirtschaft bestätigt.

Kein alltagsferner Anspruch

Diese Botschaft stellt auch Forderungen an die Menschen. Am 23. Mai 2009 waren es sechzig Jahre, dass unter dem Eindruck der Katastrophe des Zwei­ten Weltkriegs das deutsche Grund­gesetz verkündet wurde. Gleich zu Beginn, im ersten Artikel, beschäftigt sich das Grundgesetz mit der menschlichen Würde, indem es feststellt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dieser Grundsatz ist unveränderbar und unverhandelbar. Kein Verfassungsorgan kann an ihm rütteln. Und er ist die Grundlage der in den Folgeartikeln 2 bis 19 aufgeführten Grundrechte, denn ohne die Freiheit der Person, des Glaubens, der Meinungsäußerung, ohne die Gleichheit vor dem Gesetz und all die anderen wichtigen Grundrechte ist die Würde des Menschen schlichtweg undenkbar.

Die Mütter und Väter des Grundgesetzes waren klug genug, den Grundrechtekatalog nicht als hehres ethisches Desiderat zu formulieren, nicht nur als den alltagsfernen Anspruch einer moralisch sensiblen Elite. Ganz bewusst haben sie im Text des Artikel 1, im unmittelbaren Anschluss an die Feststellung der Unantastbarkeit der menschlichen Würde Verantwortlichkeiten benannt und Verbindlichkeiten geschaffen: Die Würde des Menschen zu achten und zu schützen sei die Pflicht der staatlichen Gewalt, heißt es dort. Und, im zweiten Absatz: "Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt." Dieses Bekenntnis ist ein fortwährendes, ein sich immer wieder erneuerndes Ja. Ein Ja, das immer wieder auch eingefordert werden muss.

         Grundsätzliches Bedürfnis des Menschen,
                    sich auf einen Kanon an Grundwerten und 
               Grundrechten zu verpflichten.

Viele Menschen - ich bin einer von ihnen - geben dieses Ja vor dem Hintergrund ihres christlich-abendländischen Menschenbildes, das den Menschen als Ebenbild Gottes, als ein unverwechselbares Individuum begreift. Andere geben ihr Ja aus einer zwar säkularen, aber den Grundsätzen eines aufgeklärten Humanismus verpflichteten Haltung heraus. Und wieder andere akzeptieren und respektieren die Werteordnung ihres neuen Heimatlandes Deutsch­land auch dann, wenn sie nicht vollkommen deckungsgleich mit derjenigen ihres Herkunftslandes ist. Denn sie wissen, dass diese Ordnung die Grundlage für ein Leben in Würde, Freiheit und Wohlstand ist.

Es macht letztlich keinen großen Unterschied, woher dieses Ja zu den Grundwerten und Grundrechten, die unser Land prägen, kommt. Wichtig ist allein, dass jeder Einzelne weiß und bekennt: Wir alle haben diese Aufgabe. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es dem Menschen auf der ganzen Welt grundsätzlich ein Bedürfnis ist, sich auf einen Kanon an Grundwerten und Grundrechten zu verpflichten. Denn ist nicht die Goldene Regel, man solle seinen Nächsten so behandeln, wie man umgekehrt auch gerne von ihm behandelt werden würde, in allen Weltanschauungen und Religionen zu Hause?

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2009.

 

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