Was man so braucht
Eine Meditation von Doris Bewernitz
"Dreimal umziehen ist wie einmal abbrennen", heißt es. Was sich vermutlich auf die Dinge bezieht, die dabei zu Bruch oder verloren gehen. Schön wär's! Bei jedem Umzug stehe ich vor demselben Problem: Ich habe zu viel.
Bedingt durch Kinderauszug und Teuerung werden meine Wohnungen von mal zu mal kleiner. Anfangs fiel das noch leicht. Ganze Möbel- und Geschirrkollektionen wanderten in die Wohnungen meiner erwachsenen Kinder. Doch das ist vorbei. Meine jetzige Noch-Wohnung beherbergt ausschließlich Dinge meines eigenen Hausstandes, meiner eigenen Geschichte, Dinge, die mir zu- und angewachsen sind im Laufe eines halben Jahrhunderts. Jetzt geht’s ans Eingemachte.
Ich will hier nicht verhehlen, dass mich Umzugsvorbereitungen neben allem Abschiedsschmerz immer auch eine wenig euphorisieren. Aufbruchsstimmung, etwas Neues beginnt. Damit es aber wirklich beginnen kann, muss Altes losgelassen werden. Mitunter verspüre ich den übermütigen Drang, alles, was ich habe, von mir zu werfen. Als könnte ich mich damit meines bisherigen Lebens entledigen und ganz neu anfangen. Wie verlockend das klingt: Ganz von vorn anfangen wie ein neugeborenes Kind! Und dann wird mir mulmig. Ich hänge doch so an dem, was ich habe. Was bin ich ohne meine Dinge?
Die Geschichte mit Jesus und dem reichen Jüngling hat mich schon als Kind fasziniert. Jesus fordert den jungen Mann auf, all seinen Besitz zu verkaufen und den Erlös an die Armen zu verteilen. Angesichts des Reichtums dieses Mannes finde ich interessant, mit welchem Satz Jesus seine Rede einleitet: "Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast ..." Und Matthias Claudius warnt seinen Sohn Johannes: "Hänge dein Herz an kein vergänglich Ding!" Es scheint, dass das, was wir zu viel haben, etwas mit uns anstellt. Dass es etwas anderem den Platz streitig macht. Dass es etwas verhindert. Der reiche Jüngling wurde "unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter".
Ab und zu eine Zäsur zu machen, tut gut.
Das ist wie eine Häutung, die Platz schafft.
Warum ist es so schwer, Dinge loszulassen? Warum umgeben wir uns damit und sagen: "Dies gehört (zu) mir?" oder: "Das brauche ich?" Ich hänge an diesen Dingen, weil sie die Brücke zu einer Erinnerung sind, die zu einem Menschen führt, der mir etwas bedeutet.
Seit einem Monat sortiere ich nun. Manches konnte ich leicht loslassen. Anderes allerdings widersetzte sich und wanderte erneut in die Kisten. Beim Sortieren stellte ich fest, dass fast alles, von dem ich mich schwer trennen kann, mit Menschen zu tun hat: Geschenke, Briefe, Fotos...
Und doch habe ich gestern die Briefe von T. weggeworfen. Feine, handgeschriebene Briefe! Nein, ich habe sie nicht einfach weggeworfen, sondern im Ofen verbrannt. Ich hatte sie aus dem Fach unter der Kommode herausgeholt. Das hatte ich schon oft getan. Sie waren mit einer braunen Kordel zusammengebunden, und oft hatte ich die Kordel aufgeknotet und ein paar Passagen gelesen. Und oft dabei geweint.
Als ich sie diesmal hervorholte, war es anders. Ich sah T.s zarte, schüchterne Handschrift. Immer Füller, immer ganz akkurat, als fürchte er, jemandem aus Versehen auf die Füße zu treten. Ich sah ihn wieder vor mir, wie ich ihn kennengelernt hatte, in dieser absurden Situation im Krankenhaus. Wir hatten uns schnell angefreundet. Sein Humor, sein Lebenshunger und seine Offenheit hatten mich fasziniert. Als ich entlassen wurde, sagte er mir, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Ich war schockiert.
Ein Jahr lang schrieben wir uns. Ein Jahr, in dem ich so viel über einen Menschen erfuhr wie selten zuvor. Und sehr viel über mich selbst. Als ich jetzt dastand mit diesen Briefen von ihm, hatte ich kein Bedürfnis mehr, die Kordel aufzuknoten. Ich war einfach nur dankbar. Ich wusste: das, was da drin steht, ist alles in mir. Unverlierbar. Ich brauche seine Briefe nicht mehr. Da habe ich sie zum Ofen getragen, und dann haben sie für fünf Minuten meine Küche gewärmt.
Keine materiellen Vehikel
Diese Dimension hat mich überrascht. Dass ich so plötzlich wusste: was ich unverlierbar in mir habe, braucht keine materiellen Vehikel. Da wurde mir ganz federleicht zumute.
Ab und zu eine Zäsur zu machen tut gut. Umzüge eignen sich hervorragend dazu. Jedes Ding, das man einmal für wert erachtete, im eigenen Leben eine Rolle zu spielen, noch einmal zur Hand zu nehmen. Mitunter erstaunt festzustellen: egal, wie identitätsstiftend es einmal gewesen sein mag, man kann es loslassen. Das ist wie eine Häutung, die Platz schafft. Auch im Herzen.
Dreißig Kisten habe ich bereits gepackt. Zehn, vielleicht fünfzehn, kommen noch dazu, dann ist die Wohnung leer. Als ich hier einzog, waren es fünfundsechzig. Nein, ich habe nicht alles, was ich besitze, samt und sonders weggegeben. Da stehen die Kisten, säuberlich beschriftet: Küche, Bad, Zimmer... Da nehme ich also wieder etwas mit. Aber schon viel weniger als sonst. Und wie ich mich kenne, werde ich sicher noch ein paar Mal umziehen. Das wird schon. Man muss Geduld mit sich haben.
Erschienen in zeitzeichen März 03/2009.
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