Toleranz durch Glauben
Religion wächst durch Verständigung
Es ist eine Bereicherung, dass wir uns über Religion und Religionsausübung öffentlich auseinandersetzen dürfen, sagt Bodo Ramelow, stellvertretender Vorsitzender der Partei "Die Linke" im Bundestag. Er denkt darüber nach, wie man den Glauben fest sein kann und zugleich in der Glaubensausübung tolerant.
Im Herbst des vergangenen Jahres hat die Luther-Dekade begonnen, und ich freue mich darauf, dass wir als evangelische Christen die nächsten zehn Jahre nutzen dürfen und sollen, um über unseren Glauben, aber auch über unsere Perspektiven als Christen zu debattieren. Ich möchte hier einen kleinen Beitrag zu dieser Debatte anbieten.
Vor einigen Wochen hatte ich persönlich eine große Chance. Die Auenkirchgemeinde in Berlin-Wilmersdorf hatte mich eingeladen, eine Gastpredigt zu halten. Es gibt da eine Tradition, dass einmal im Jahr eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens solch eine Predigt halten darf. Das ist sicher für alle, die dazu eingeladen werden, eine große Ehre - aber für mich ist es eine ganz besondere. Schließlich steht meine Partei in der Nachfolge der SED, und die war im Umgang mit Kirchen und Gläubigen auch für viel Unrecht verantwortlich. Unter der Herrschaft der SED war der Staatsglauben mutiert, um einen Machtapparat unangefochten erscheinen zu lassen.
Ein solcher Staatsapparat musste untergehen, und aus heutiger Sicht war das gut so. Wer in der DDR im Glauben fest sein wollte, lernte sehr schnell eine Art "Furcht und Zittern" kennen, wie sie schon der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper beschreibt. Der Zeitzer Pfarrer Oskar Brüsewitz hatte sich in seiner Verzweiflung im August 1976 aus Protest gegen den Machtapparat sogar selbst verbrannt. Bei allem Respekt vor dieser Verzweiflungstat bleibt die quälende Frage für uns, ob der selbst gewählte Tod als Zeichen für unseren Glauben überhaupt ein zulässiger Weg ist. Ich glaube eher, dass der Weg der Christenheit unter machtpolitisch bedrohlichen Konstellationen darin bestehen muss, durch und mit unserem Glauben ein Zeichen zu setzen.
Heute bin ich froh, dass wir uns als Christen in diesem Land sicher fühlen und unseren Glauben leben können. Und als Linker bin ich dankbar, dass ich von anderen Christen eingeladen werde, mit ihnen über unseren Glauben zu diskutieren. Das zeigt, dass auch über tiefe Gräben Brücken gebaut werden können - wenn von beiden Seiten daran gearbeitet wird. Meine Chance ist, von Seiten der Linken mitzuwirken und Verständigung zu ermöglichen.
"Zusammen Glauben leben zu können,
ist eine Stärkung des Gemeinwesens."
Bezogen auf die Luther-Dekade sehe ich aber auch eine Chance für uns als evangelische Christen. Auch in der Gegenwart können nicht alle Gläubigen in unserem Land ihre Religion nach ihren Wünschen ausleben. Allerorten wird zurzeit über den Religionsunterricht diskutiert, aber die nur langsam fortschreitende Einführung eines muslimischen Religionsunterrichts wird dadurch kaum beschleunigt. Die Debatte darum führt zum Teil zu heftigen Reaktionen. Unabhängig davon, wie man zu der jeweiligen Angelegenheit steht, ist es aber eine Bereicherung, dass wir uns über Religion und Religionsausübung öffentlich auseinandersetzen können. Eine offene Debatte ist die Grundvoraussetzung für eine positive Entwicklung.
In der Türkei stehen die Zeichen eher andersherum. Dort gibt es leider keinen so offenen Diskussionsprozess, und als ich vor kurzem zu einem offiziellen Besuch in Ankara war, sprach ich mit türkischen Parlamentariern über dieses Thema. Ich sagte ihnen, dass wir als Christen erwarteten, dass wir in Tarsus, am Geburtsort unseres Apostels Paulus, in der dortigen Kirche (und nicht in einem Museum) beten dürften.
Wir dürfen uns keine dieser Debatten ersparen. Mit der Verständigung über den Bau von Moscheen in Deutschland sollte auch eine Diskussion über alevitische Cem-Häuser oder Kirchen in der Türkei einhergehen. Deshalb möchte ich anregen, darüber nachzudenken, was uns heute Martin Luther raten würde, um in unserem Glauben fest, aber in der Glaubensausübung auch tolerant zu sein. Was wäre der weise Fingerzeig für uns heute?
Bestimmt wären es Klarheit und Toleranz, die wir uns wünschten, ja, die wir einfordern müssten, damit wir uns gemeinsam im Glauben und in der Vielfalt aushalten können. Diese Toleranz müssen wir aber auch untereinander aufbringen. Protestanten, Katholiken, Orthodoxe, Freikirchler, keiner hat die absolute Wahrheit für sich gepachtet. Wir alle stehen unter den Worten der Heiligen Schrift, und diese Worte gelten für uns, bis heute.
Aus dieser Gewissheit heraus, können wir gestärkt und ohne Furcht fordern, dass jeder Mensch auf dieser Erde das Recht haben muss, seinen Glauben leben zu können! Wo dieses Recht nicht praktiziert wird, muss unser Protest hörbar sein! Werden wir wieder zu richtigen Protestanten für Frieden und Toleranz. Das ist unsere Chance!
Meine Hoffnung ist, dass wir die Anstöße von Martin Luther nicht als trennend zu anderen christlichen und zu den anderen abrahamitischen Religionen begreifen, sondern dass wir die Wurzeln unseres Glaubens aus Antiochien, aus Jerusalem, aus Damaskus aufnehmen und in die heutige Zeit übertragen. Zusammen Glauben leben zu können ist eine Stärkung des menschlichen Gemeinwesens. Deshalb sollten wir mit unserem Lächeln signalisieren, dass wir trotz mancher Furcht und manchem Zittern unter Gottes Schutz und Begleitung stehen und deshalb auch für andere Menschen eintreten können, die uns brauchen.
Erschienen in zeitzeichen Januar 01/2009.
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