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Bereichernd

Verzicht bringt Gewinn

Thomas Brose

Für die Benediktinerin besteht die Voraussetzung einer christlich gedeuteten, in der Tiefe heilenden Lebenskunst darin, sich nicht über Lebensumstände hinwegzutäuschen, sondern die eigene Kreatürlichkeit anzunehmen.

Einfach glücklich sein - das verheißen handliche Bände aus der Ratgeberecke. Sie listen Tipps und Tricks auf, um schlank und fit zu sein und geben nützliche Hinweise, um trotz Stress in Beruf und Freizeit voll genussfähig zu bleiben.

Seit einiger Zeit jedoch steigt vor allem die Zahl jener Titel, die eher auf Lebenskunst-Regeln setzen als Diätvorschriften weiterzuempfehlen: Denn schön soll das Leben sein, stilvoll durchkomponiert, eine fein austarierte Mischung ganz unterschiedlicher Ingredienzien. Der alte, aus Lehm geformte Adam, so scheint es, ist megaout. Dagegen findet das postmodernde Selbst sein Lebensmaterial vor - so wie der Bildhauer sich am Marmor abarbeite, um schließlich ein vollendetes Kunstwerk zu schaffen und damit der Utopie des totalen Selbstentwurfs endlich ein Gesicht zu geben.

Totaler Selbstentwurf

Dass diese Illusion keineswegs bloß eine sympathische Übertreibung darstellt, arbeitet Corona Bamberg in ihrem großen Essay "Askese in zwölf Schritten" heraus. Es scheint kein Zufall, dass diese Autorin um ihre Herkunft weiß und sich als benediktinische Ordensfrau gut auskennt mit Abhängigkeit, Eingebundensein und Geschöpflichkeit, den tatsächlichen Existenzbedingungen des Menschseins. Einleitend nennt sie drei humane "Grundvollzüge": "Ordnung", "Offenheit" und "Kampf". "Wobei die Betonung auf 'menschlich' liegt. Diese Vollzüge, heißt das, sind nicht beschränkt auf religiöses, speziell christliches Leben. Sie haben Geltung für jedes planmäßige Bemühen um den rechten Umgang mit sich und seiner Welt. Sie gehören dem Menschsein in seiner human-geistlichen Ganzheit zu."

Die Lektüre von Bambergs Buch kann mithelfen, sich von der Zwangsvorstellung zu befreien, in einer Welt voller Ich-AGs und autonomer Selbstinszenierungen zu leben. Für die Benediktinerin besteht die Voraussetzung einer christlich gedeuteten, in der Tiefe heilenden Lebenskunst nämlich darin, sich nicht über Lebensumstände hinwegzutäuschen, sondern die eigene Kreatürlichkeit anzunehmen.
"Den geglückten Menschen gibt es nur im Leib. Aber auch das Scheitern gibt es nicht ohne den Leib."

Die Theologin kennt die asketisch-gnostischen Traditionen, in denen ein Grundverdacht gegen alles Fleischliche ausgesprochen und der Leib des Menschen mit einem "Gefängnis der Seele" (Soma-Säma) gleichgesetzt wird. Selbst der Christentumskritiker Friedrich Nietzsche erklärt: "In die freie Höhe willst du? Nach Sternen dürstet deine Seele? Aber auch die wilden Hunde wollen Freiheit, sie heulen vor Lust in ihrem Kerker."

     "Nicht Hass auf den Körper war ein Motiv für ihre Askese. 
     Der Körper war vielmehr von faszinierender Gegenwart."

Eine Form von Askese, die Maß hält zwischen Ordnung und Freiheit, so die Autorin, müsse daher aufs Ganze gehen: "Der ganze Mensch mit Leib, Seele und Geist, muss eingeübt werden in geordnete Offenheit. Das gilt, entgegen verbreiteter Behauptung, auch für die Asketen der ersten Jahrhunderte. Nicht Hass auf den Körper war ein Motiv für ihre Askese. Der Körper war vielmehr von faszinierender Gegenwart."

Am Ende ihrer beeindruckenden Zusammenschau, die als erster Band der Reihe "Spuren. Essays zu Kultur und Glaube" erscheint, kommt Corona Bamberg auf "Jesus den Asketen" zu sprechen. "Was Jesus eigentlich am Herzen lag", schreibt sie fern jeder Gesetzesfrömmigkeit, "war nicht die fromme Leistung, nicht der buchstabengetreue Gehorsam, nicht das jeweils Schwerere. Es war das Gutsein des Menschen, der Gottes Liebe in sich hat. Askese sollte heimkehren helfen in das Land der Ähnlichkeit mit Gott, in die regio similitudinis des nach Gottes Ebenbild Geschaffenen.“"

Corona Bamberg: Askese. Faszination und Zumutung. EOS Verlag,
St. Ottilien 2008, 224 Seiten, Euro 14,80.

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2009.

 

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