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Dem Stern folgen

Sich der eigenen Leitbilder bewusst sein

Angela Merkel

Den Weisen aus dem Morgenland hat ein Stern den Weg nach Bethlehem gewiesen. Sie verstanden ihn als ein Zeichen innerhalb der sie leitenden Grundideen. Entscheidend für den Weg, den der Einzelne geht, sind seine Leitbilder, denen er vertraut und folgt. Sie geben seinen Entscheidungen eine Richtung. Eine Meditation der Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin. (Foto: dpa/Arne Dedert)
Angela Merkel, Bundeskanzlerin. (Foto: dpa/Arne Dedert)

Das Matthäusevangelium berichtet von den Weisen aus dem Morgenland. Ein Stern hat ihnen den Weg nach Bethlehem gewiesen. Sie haben dem Zeichen Vertrauen geschenkt und sind ihm auch ohne hieb- und stichfeste Informationen über Ort und Zeit des Ereignisses gefolgt. Dies ist vor allem deshalb so bemerkenswert, da wir wissen, dass konkrete Fakten, Daten und Nachrichten unsere Sicht auf die Welt prägen. Sie bilden eine Grundlage für unsere Entscheidungen und unser Handeln. Dennoch: Dieselbe Lagebeschreibung kann zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen und Konsequenzen führen. Entscheidend für den Weg, den der Einzelne wählt, sind seine Leitbilder und Überzeugungen, denen er vertraut und folgt. Sie geben seinen Entscheidungen eine Richtung.

Solche Leitbilder und Überzeugungen sind oft nur schwer klar zu umreißen, in Gänze zu erfassen oder gar jemandem, der sie nicht teilt, rational zu vermitteln. Woher wissen die Weisen aus dem Morgenland, dass ihnen der Stern, den sie sehen, tatsächlich die Geburt Jesu anzeigt und den richtigen Weg zu ihm weist?

Die Weisen aus dem Morgenland verstehen den Stern als Zeichen innerhalb der sie leitenden Grundideen, die für sie eine hohe Bindung haben. Deshalb folgen sie auch nicht der Bitte von König Herodes, der sie bei ihrer Ankunft in Jerusalem auffordert, ihn zum Kind zu führen, sobald sie es gefunden haben. Gottes Gebot steht dem entgegen. Im Traum befiehlt er den Männern, nicht nach Jerusalem zu König Herodes zurückzukehren. Obwohl diese Eingebung im Schlaf eine geringere Glaubwürdigkeit zu haben scheint, folgen ihr die Weisen aus dem Morgenland und nicht dem konkreten Wunsch des weltlichen Herrschers. Jemand, der ihren Glauben nicht kennt, wird ihre Entscheidung kaum verstehen können.

Solche Leitbilder und Überzeugungen sind oft nur schwer klar zu umreißen, in Gänze zu erfassen oder gar jemandem, der sie nicht teilt, rational zu vermitteln.  

Ich halte es für wichtig, sich der eigenen Leitbilder und Überzeugungen bewusst zu sein und ihnen zu folgen. Für mich persönlich entspringen diese aus dem christlichen Glauben und dem Bild vom freien, von Gott geliebten Menschen mit seiner Verantwortung für die Schöpfung. Sie bilden die Koordinaten für mein Handeln. So basiert zwar jede Entscheidung auf der bestmöglichen Kenntnis der konkreten Faktenlage und den unterschiedlichen Handlungsoptionen. Aber die Richtung, die ich einschlage, muss mit meinen Grundfesten in Einklang stehen.

Ich weiß mich verbunden mit vielen Menschen in unserem Land, deren Leitbilder und Überzeugungen ähnlich aussehen. Und ich glaube, dass uns die christlichen Werte und Traditionen die richtige Richtung für ein gedeihliches Miteinander und ein Leben in Frieden weisen. Standfestigkeit im Glauben lässt uns weltlichen Versuchungen widerstehen, deren Verlockung häufig in konkret zu fassender schneller Anerkennung besteht. Dagegen mag eine ständige Relativierung des eigenen Standpunkts vielleicht bewirken, kurzfristig gut dazustehen - allerdings um den hohen Preis der Gefahr, langfristig an Glaubwürdigkeit, Handlungskraft und Chancen zu verlieren.

Gleichwohl können auch andere Religionen und Weltbilder eine Grundlage für gute Entscheidungen und richtiges Handeln bilden. Andere Kulturkreise beruhen auf für uns oft weniger vertrauten Glaubensrichtungen und Anschauungen. Sie führen uns vor Augen, dass die christliche Tradition, die uns prägt und die uns Orientierung bietet, neben anderen Traditionen steht, die ebenfalls das Potenzial haben können, Menschen in Würde und gegenseitiger Anerkennung in ihren Entscheidungen zu leiten.

Zweifel habe ich allerdings, wenn Weltliches zu Göttlichem verklärt und menschliches Streben allein auf weltliche Güter wie Macht und Reichtum konzentriert und nicht auf höhere Ideale ausgerichtet wird, wenn nur das eigene Ego im Mittelpunkt steht und keine andere Weltanschauung neben der eigenen toleriert wird. Das führt letztlich zur Heraufstufung der einen und Herabstufung der anderen. Das ist eines der Grundübel, das menschliche Würde und ihre Unteilbarkeit missachtet und schließlich zu sinnloser Zerstörung führen kann.

Gemeinsames und Trennendes unserer Leitbilder

Die Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturkreisen sind heute durchlässiger denn je. So leben auch bei uns inzwischen viele Muslime. Sie sind willkommen. Sie sind eingeladen, sich in unserem Land in vielfältiger Weise einzubringen. Wir finden etliche Gemeinsamkeiten in unseren Traditionen und Leitbildern, aber auch Trennendes, das zu unterschiedlichen Haltungen in den Fragen des alltäglichen Miteinanders führen kann. Unser Staat bietet einen großen Freiraum, unterschiedliche Auffassungen zu integrieren - auf der Grundlage unserer freiheitlichen christlich-jüdischen Tradition.

In der Advents- und Weihnachtszeit bietet es sich besonders an, innezuhalten und sich der eigenen Grundüberzeugungen zu besinnen. So können wir Kraft und Zuversicht dafür schöpfen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, einzuschätzen und entsprechend zu handeln. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der Zeitschrift zeitzeichen Stunden der Ruhe und der Einkehr. Möge Ihnen ein segensreiches Weihnachtsfest und ein guter Start ins neue Jahr beschieden sein!

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

 

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