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Unausrottbar

Neue Geschichte der Astrologie

Helmut Kremers

Die Sterndeuterei begleitet die Menschheit schon seit dem alten Mesopotamien. Der alte Sternenglaube erwies sich als unausrottbar - und als so flexibel, dass er sich geschmeidig in religiöse Kontexte einpasste. Kocku von Stuckrad verfolgt all die vielen Haupt- und Nebenwege der Astrologie mit Akribie.

"Es ist ein Dreck um ihre Kunst", grollte Martin Luther in einer Tischrede im Mai 1546. Er meinte die Astrologen. Dabei hatte es ihm noch zwei Jahrzehnte zuvor gefallen, wenn man die Vorhersage eines kaiserlichen Hofastrologen von 1488, es werde ein reformatorischer Prophet auftreten, auf ihn bezog, und er hatte dafür auch bedenkenlos sein Geburtsjahr verlegt.

Doch mochte Luther auch von der Astrologie bestenfalls zu Propagandazwecken etwas halten - sie blieb doch auch an der Universität Wittenberg im Kreis der Wissenschaften anerkannt, ja, war sogar Pflichtfach. Der Grund: Der gelehrte Philipp Melanchthon war ihr Anhänger, und er stand damit in der protestantischen Gelehrtenwelt nicht allein.

Die Sterndeuterei hatte bis dahin die Menschheit schon seit Urzeiten begleitet. Schon im alten Mesopotamien wurde sie zu einer Höhe entwickelt, die lange nicht überboten wurde; in Griechenland blühte sie, ebenso in Rom. Erst unter den christlichen Kaisern wurde das anders - die Christen sahen die Astrologie mehrheitlich als konkurrierenden Glauben an. Doch der alte Sternenglaube erwies sich als unausrottbar - und als so flexibel, dass er sich geschmeidig in religiöse Kontexte einpasste. Selbst zwischen Astronomie und Astrologie verlief kein Graben - vielmehr waren die großen Astronomen von Kopernikus über Kepler bis zu Galilei ebenso wie Newton alle auch praktizierende Astrologen.

Erst die Frühaufklärung brachte ei­nen Wandel. Zunehmend galt die Astrologie als Scharlatanerie, spätestens im 18. Jahrhundert wurde sie fast ganz aus den Universitäten hinausgedrängt. Dazu verschärften sich kirchliche Häresievorwürfe. In den meisten europäischen Ländern brachte das fast das Ende der Astrologie - nicht aber im Mutterland der Aufklärung, in England, wo sie sich einer erstaunlichen außerakademischen Blüte erfreute. Von dort aus kam es dann später auch zu ihrer Reanima­tion auf dem Kontinent. Dort hatten zuvor schon die Romantiker wieder ein gewisses Interesse an der Astrologie bekundet - allerdings ei­nes, dass ihrem Bestreben einer Verzauberung der Welt diente, bei der man Wahrheits- und Evidenzfragen außer Acht lassen konnte.

Kocku von Stuckrad, Professor am Institut für die Geschichte der hermetischen Philosophie an der Universität Amsterdam, verfolgt all die vielen Haupt- und Nebenwege der Astrologie mit Akribie, eingehend und manchmal erschöpfend. Spätestens wenn er sich den zahlreichen mit der Esoterik verknüpften Spielarten seit dem späten 19. Jahrhundert widmet, vermisst man eine ordnende Bewertung. Zu sehr bleibt der Autor bei seiner Linie der nüchternen Berichterstattung. Natürlich würde man gern wissen, ob von Stuckrad der Astrologie mehr entgegenbringt als das Interesse eines Wissenschaftlers an seinem Gegenstand. So ist man auf sein Resümée gespannt. Und da erfährt man, dass es keine seriösen Studien gibt, die ein "Funktionieren" der Astrologie beweisen, aber viele, die das Gegenteil nahelegen. Doch versieht von Stuckrad unser Wissenschaftsverständnis mit so kräftigen Fragezeichen, dass sich kein Astrologiegläubiger für einen Banausen halten muss, wenn er bei seinem Glauben bleibt. Alles in allem: Wer sich für die Geschichte der Astrologie interessiert, wird hier kundig bedient. Etwas weniger astrologische Facherläuterung und et­was mehr Erzählung zur Illumination des jeweiligen "Sitzes im Leben" der Astrologie hätte dem Rezensenten gefallen. Wer als Zweifler das Buch in die Hand nahm, wird wohl am Ende nicht behaupten, es sei ein Dreck um die Kunst - aber seine Zweifel werden ihm wohl nicht abhanden kommen.

Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. Verlag C.H.BEck, München 2008, 413 Seiten, Euro 14,90.

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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