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Nicht einfach

Vatikan und "Drittes Reich"

Hajo Goertz

Hubert Wolf, der als einer der besten Kenner der vatikanischen Geheimarchive gilt, gelingt es, kirchliche Zeithistorie in Zusammenhängen und Hintergründen so spannend wie Kriminalromane darzustellen. Damit weckt er auch die Neugier von Nichtfachleuten auf seriöse quellengestützte Kirchengeschichte.

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Die Kontroverse zwischen den Kirchenhistorikern scheint geklärt. Die evangelischen Geschichtswissenschaftler Klaus Scholder und Gerhard Besier vertraten jeweils nuanciert die Ansicht, das gerade eben 75 Jahre alte Reichskonkordat sei Ergebnis einer Art Gegenseitigkeitsgeschäft gewesen: Es gebe ein "Junktim" zwischen der Zustimmung der katholischen Zentrumspartei zu Hitlers Ermächtigungsgesetz im März 1933, der öffentlichen Rücknahme der Verurteilungen des Nationalsozialismus durch die katholischen Bischöfe wenige Tage später, die damals viele Katholiken irritierte, und der Selbstauflösung des Zentrums Anfang Juli und sowie der Unterzeichnung des völkerrechtlichen Vertrages zwischen Hitler-Deutschland und dem Vatikan am 20. Juli.

Gegen die These eines inneren Zusammenhangs dieser dicht aufeinanderfolgenden Ereignisse stellten sich vor allem katholische Historiker, namentlich der Mainzer Theologe Ludwig Volk und der Bonner Professor Konrad Repgen, die allerdings oft genug als Verteidiger ihrer Kirche, erschienen. Die "Junktimsthese" habe einen gewissen Charme, meint nun der Münsteraner katholische Kirchengeschichtler Hubert Wolf, sie lasse sich aber nicht untermauern.

Wolf kommt zu diesem Schluss aufgrund seiner Recherchen in den vatikanischen Archiven; er hat die vor kurzen zugänglich gemachten Akten aus den Dreißigerjahren intensiv erforscht. Damals wirkte der spätere Papst Pius XII., Eugenio Pacelli, als Kardinalstaatssekretär im Vatikan, und er führte die Verhandlungen mit dem deutschen Vizekanzler Franz von Papen über das Reichskonkordat. Aus den Aktennotizen fand Wolf heraus, dass Pacelli sogar "ziemlich sauer" über die deutschen Bischöfe und die Führung der Zentrumspartei gewesen sei, da ihre Loyalitätshandlungen gegenüber Hitler die vatikanische Verhandlungsposition deutlich geschwächt hätten. So sei zwar mit dem Reichskonkordat eine gewisse Absicherung kirchlichen Lebens gelungen, nicht aber die völlige Sicherung der katholischen Laienverbände vor einer Gleichschaltung.

Die Vorgeschichte, die Verhandlungen und Nachwirkungen des Reichskonkordats bilden ein zentrales Kapitel im neuen Buch von Wolf. Es gelingt dem Kirchengeschichtler, der als einer der besten Kenner der vatikanischen Geheimarchive gilt, kirchliche Zeithistorie in Zusammenhängen und Hintergründen so spannend wie Kriminalromane darzustellen. Damit weckt er auch die Neugier von Nichtfachleuten auf seriöse quellengestützte Kirchengeschichte.

Aufschlussreich und höchst aktuell ist das Kapitel "Streit im Vatikan über den Antisemitismus". Erst in diesem Jahr hat Papst Benedikt XVI. Verdacht erregt, als er anordnete, dass am Karfreitag zwar nicht mehr, wie früher "für die perfiden Juden", wohl aber für die Bekehrung der Juden zum Christentum gebetet werde. Katholiken und Juden sahen darin eine Abwertung des mosaischen Glaubens. Wolf fand in den vatikanischen Akten der Zwanzigerjahre Belege einer Auseinandersetzung in der damals noch so genannten "Inquisition", der päpstlichen Glaubensbehörde. Die Kardinäle hatten sich mit der For­derung einer Priestergemeinschaft zu beschäftigen, der sogar hochrangige Mitarbeiter des Papstes angehörten, die Karfreitagsgebete für die "perfiden Juden" zu streichen. Die Zurückweisung wertet Wolf als Anzeichen eines katholischen Antisemitismus, der seiner Ansicht nach nicht als Antijudaismus verharmlost werden dürfe. Durch die liturgische Verfügung von Papst Benedikt, so der Autor, sei die Diskussion um das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum nicht einfacher geworden.

Hubert Wolf: Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. Verlag C.H.BEck, München 2008, 360 Seiten mit 29 Abbildungen; Euro 24,90.

 

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