Wohin das Volk läuft
In der größten Kirche der USA kriselt es
Die konservative "Southern Baptist Convention" (der Südliche Baptistenverband), SBC, gerät ins Stolpern: Die Zahl der Taufen geht zurück, und es ist der Verdacht entstanden, dass in der Mitgliederstatistik viele "tote Seelen" stecken. Konrad Ege, Korrespondent in den USA, berichtet über Baptisten und andere Protestanten kurz vor der Wahl.
Die US-Amerikaner sind ein religiöses Volk, rund 90 Prozent glauben, Gott existiere, oder zumindest ein höheres Wesen. In den Vereinigten Staaten geht man viel häufiger in die Kirche als im alten Europa. Die baptistischen und andere evangelikale Kirchen sind konservativ - und sie wachsen. Die so genannten "Mainline"-Kirchen dagegen, die Volkskirchen der Methodisten, Presbyterianer, Lutheraner und Episkopalen, die theologisch und politisch liberaler sind, schrumpfen: Das sind die gemeinhin akzeptierten "Fakten" über die religiöse Szene der USA. Doch die Landschaft ist in Bewegung.
Sommer 2008, Indianapolis im Mittleren Westen, Jahresversammlung des "Südlichen Baptistenverbandes", der weitaus größten protestantischen Kirche der USA. Die 16,3 Millionen Mitglieder zählende Southern Baptist Convention ist das Paradepferd des konservativen Evangelikalismus, das Schwergewicht im US-amerikanischen Protestantismus. Bei bitteren Flügelkämpfen in den achtziger Jahren zwischen dogmatischen Konservativen und "liberalen" Kirchenmitgliedern, die besonders die Glaubens- und Gewissensfreiheit des Einzelnen und die Selbstständigkeit der Gemeinde betonten, geriet der Verband in konservative Hände. An der Unfehlbarkeit der in ihrem Sinne ausgelegten Bibel wird nicht gerüttelt, Frauen dürfen nicht Pastorinnen werden. Kürzlich haben die Buchläden der Südlichen Baptisten sogar eine Ausgabe des evangelikalen Magazins Gospel Today aus den Regalen genommen, weil es einen Artikel über Pastorinnen enthielt und gar ein Foto von fünf Pastorinnen auf der Titelseite zeigte.
Das politische Gewicht in die Waagschale werfen
Die Baptisten werfen ihr politisches Gewicht in die Waagschale. Verlässlich verteidigen Kirchenführer die Republikanische Partei bzw. halten den Mund bei unangenehmen Fragen, etwa, ob Folter jemals gerechtfertig sei. Die Südlichen Baptisten waren in den siebeneinhalb Jahren von George W. Bush die republikanische Partei beim Gebet. Man hat Prestige, wird in den Medien darum gebeten, doch die "christliche Haltung" zu diesem oder jenem zu erläutern. 80 Prozent der vom baptistischen Institut Lifeway Research interviewten SBC-Pastoren erklärten, sie würden im November für den Republikaner John McCain stimmen. Ein Prozent sprach sich für Barack Obama aus. Kritiker der Vermengung des politischen und theologischen Konservatismus konnten freilich (trotz der biblischen "Begehrensverbote") nur mit Neid auf die SBC blicken: Der Erfolg schien den "Fundis" recht zu geben. Die SBC verzeichne doch jahrein-jahraus wachsende Mitgliederzahlen, wenn auch in letzten Jahr nur geringfügig wachsende.
In Indianapolis allerdings konfrontierten die Jahresversammlungsdelegierten ungewohnte Daten. Im Jahr 2007, wurde berichtet, sei die Mitgliederzahl um 0,24 Prozent zurückgegangen. Das ist nicht viel, passt aber nicht zum Selbstverständnis.
Viel bedrohlicher, aus Sicht der Kirchenführung, ist der deutliche Rückgang der Taufzahlen. Baptisten praktizieren "die Taufe der Glaubenden", also die Erwachsenentaufe. Und Taufen gelten als Indikator der Vitalität der Gemeinden. 2007 wurden im Südlichen Baptistenverband 346.000 Menschen getauft, knapp 5,5 Prozent weniger als 2006, zwölf Prozent weniger als 2002 und 22 Prozent weniger als 1972. Und noch dramatischer war der Einbruch der Zahl der Taufen pro Kirchenmitglied. 1950 kam bei den Südlichen Baptisten ein Täufling auf 19 Kirchenmitglieder. 2007 war es ein Täufling pro 47 Mitglieder.
Die Südlichen Baptisten sind gegenwärtig "eine Kirche im Niedergang"
Geradezu schockierend die Worte des Kirchenstatistikers Ed Stetzer: "Die Südlichen Baptisten sind gegenwärtig eine Kirche im Niedergang." Kirchendaten zufolge entsprechen nur 30 Prozent der 44.000 Baptistengemeinden dem evangelikalen Ideal einer missionierenden und wachsenden Kirche: 70 Prozent stagnierten oder schrumpften. Der in Indianapolis planungsgemäß aus dem Amt scheidende Kirchenpräsident Frank Page warnte, die Südlichen Baptisten müssten diesen Trend "umgehend" durch Evangelisierung und mit Programmen zur Revitalisierung der Gemeinden kontern, sonst werde rund die Hälfte der Gemeinden bis 2030 eingehen. Und es kommt noch schlimmer: Die Sorgen um die Mitglieder- und Taufdaten haben eine schmerzhafte Diskussion über die "wirklichen" Mitgliedszahl belebt. Es gebe nämlich lange nicht so viele "wirkliche" Südliche Baptisten wie behauptet werde. 16,3 Millionen seien illusorisch.
Die SBC ermittelt die offiziellen Mitgliedszahlen durch Addieren der jährlich von den Gemeinden gemeldeten örtlichen Mitgliedszahlen. Nach Ansicht des baptistischen Kirchenstatistikers Cliff Tharp sind diese Gemeindezahlen "übertrieben hoch". Es würden Gläubige mitgezählt, die schon seit Jahren nicht mehr teilnähmen. Die berüchtigten Karteileichen; Gemeindemitglieder, die weggezogen sind, nicht mehr kommen, oder einfach nicht die Zeit gefunden haben, sich abzumelden. Wie viele das sind? Nach Angaben der baptistischen Instituts Lifeway Research sind nur rund 12 Millionen der 16,3 Millionen "Mitglieder" wirklich resident members, das heißt, sie wohnen vor Ort. Rund sechs Millionen kämen am Sonntagvormittag zum Gottesdienst. Etwa acht Millionen seien bei den Sonntagsschulen registriert, etwa vier Millionen kämen im Durchschnitt zum Unterricht.
Öffentlichkeitsarbeit gegen liberale Schrecklichkeiten
In ihrer Öffentlichkeitsarbeit hält die SBC freilich an "16 Millionen" fest. Die Zahl verschafft Respekt, wenn Kirchensprecher zu Felde ziehen, gegen die Homoehe und sonstige liberale Schrecklichkeiten. Wie das Zahlenspiel dem kirchlichen Verkündigungsauftrag gerecht wird, ist eine andere Frage. David Dockery, Präsident der baptistischen "Union Universität" in Tennessee, hat kürzlich im Informationsdienst der SBC klare Worte gesprochen: Die "Südlichen Baptisten" hätten über die Jahrzehnte hinweg ihre Prioritäten von "christlicher Glaubenstreue" und "spiritueller Reife" auf "zahlenmäßiges Wachstum" verlagert. Das sei kein bewusster Schritt gewesen, habe sich eben so entwickelt. Die Kirche habe aber die Verantwortung, sich um die abwesenden Mitglieder zu kümmern. Alles andere nütze weder der Gemeinde noch dem Scheinmitglied. Auftrag der Kirche sei es doch, Menschen zu Christus zu bringen und ihnen zu vermitteln, was es bedeute, Mitglied einer christlichen Gemeinde zu sein.
Johnny Hunt, der 55-jährige Pastor, der mehr als 15000 Mitglieder zählenden First Baptist Church in Woodstock, in Georgia, wurde in Indianapolis zum Nachfolger von Frank Page gewählt. Der Mann hat anscheinend einen Hang zum Dramatischen: Die SBC stehe entweder "unmittelbar vor einer Erneuerung oder vor dem Zerfall", sagte Hunt. Der Weinberg sei groß. Hunt will angeblich besonders mit jungen Pastoren arbeiten. Thesen zu den Ursachen und Gründen der Krise gibt es mehr als genug. Vielleicht werde zu wenig Missionsarbeit gemacht, zumindest weniger als früher. Das Image der Baptisten als Steigbügelhalter des mittlerweile äußerst unbeliebten George W. Bush (Zustimmungsrate 28 Prozent) dürfte auch wehtun. Untersuchungen zufolge entspricht die konservative Haltung prominenter Südlicher Baptisten kaum der Meinung vieler auf den Klappstühlen bei der Bibelstunde: Besonders viele junge Baptisten und Evangelikale sind auf der Suche nach einem ganzheitlichen Christentum, das Sorge um Notleidende und Klimaschutz mit Verkündigung und Protest gegen Abtreibung verbindet.
Auf der Suche nach ganzheitlichem Christentum.
Die Südlichen Baptisten präsentierten sich nicht immer im besten Licht, räumte Frank Page im Baptistischen Informationsdienst ein. Es mehren sich Berichte, dass Gemeinden ihren Namen verändern und "Baptist" weglassen. Baptisten machten oft von sich hören, mehr wegen Verurteilen und Kritisieren und nicht wegen der Frohen Botschaft, sagte Page. Baptisten müssten sich bemühen, "die Menschen zu lieben und ihnen ohne Vorbedingungen zu dienen". Die bitteren innerkirchlichen Kämpfe und die konservative Parteinahme haben ihre Spuren hinterlassen. Baptisten hätten den Ruf, "dass wir entweder jemanden verurteilen oder miteinander streiten", klagte der Theologe Bill Leonard.
Kirchenstatistiker Tharp weist auch auf demografische Veränderungen hin, die Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesuch beeinflussten. Man sei mobiler, lebe mehr in Großstädten, und habe weniger Kinder, vor allem die weiße Bevölkerung. Das ist problematisch für die sehr weißen Südlichen Baptisten. Die meisten Kirchen in den USA leben rassengetrennt, aber die "Südlichen Baptisten" bringen besonders viel Gepäck mit und haben es wohl schwer beim Missionieren unter Schwarzen. Die Kirche wurde 1845 im Bundesstaat Georgia zur Verteidigung der Sklaverei gegründet. Baptisten im Norden der USA setzen sich damals für ihre Abschaffung ein; die Südlichen Baptisten rechtfertigten die Sklaverei und den Gedanken der weißen Superiorität. Erst 1995 bat die Southern Baptist Convention um Vergebung für die Sünde der Sklaverei.
Beheimatet ist die SBC weiterhin überproportional im Süden der USA. für US-Amerikaner im Nordosten und im Westen ist der regionale Name eine Hemmschwelle. Versuche, den Namen des Verbandes zu ändern, scheiterten jedoch an traditionalistischem Widerstand.
Die "Südlichen Baptisten" sind freilich nicht die einzige US-amerikanische Kirche, die Mitglieder verliert, sehr großzügig mit dem Begriff "Mitgliedszahl" umgeht, und ihre Listen nicht eben aggressiv von "Mitgliedern" säubert, die wohl kaum wüssten, ob ihre Kirchenverwaltung vor zwei Jahren neue Sitzpolster bestellt oder eine neue Orgel eingebaut hätte. Der Protestantismus ist in den USA auf dem Rückzug: Einer kürzlichen Umfrage des Demoskopieinstituts Pew Forum on Religion and Public Life zufolge sind nur mehr ungefähr die Hälfte der US-Amerikaner Protestanten, verglichen mit zwei Dritteln in den Siebzigerjahren.
Protestantismus auf dem Rückzug
Negativ-Rekordhalterin unter den protestantischen Kirchen ist die der anglikanischen Gemeinschaft angehörende Episkopalkirche (2,2 Millionen). Dem vom ökumenischen Nationalen Kirchenrat verlegten "Jahrbuch amerikanischer und kanadischer Kirchen" zufolge haben die Episkopalen 2007 4,4 Prozent eingebüßt, die Presbyterianische Kirche (USA) (drei Millionen) 2,4 Prozent, die Evangelische Lutherische Kirche in Amerika (4,8 Millionen) 1,6 Prozent und die Methodisten (acht Millionen) ein Prozent.
Starken Mitgliedszuwachs erfahren die so genannten "Mega"- bzw. "Gigakirchen" mit mehr als 2.000 bzw. mehr als 10.000 Angehörigen. Nach Angaben des Journals Outreach Magazine gibt es in den USA rund 1.300 Megakirchen und 36 Gigakirchen. Die meisten dieser Großgemeinden sind evangelikal oder pfingstkirchlich geprägt und viele gehören keinen nationalen Kirchen an.
Die römisch-katholische Kirche hat nach eigenen Angaben 67, 5 Millionen Mitglieder, Tendenz steigend, Dank der Einwanderung aus mehrheitlich katholischen Ländern südlich des Rio Grande. Wachstum ist in den USA auch für den Islam, Buddhismus und sonstige "andere Religionen", außer dem Judentum zu verzeichnen. Und 16 Prozent der von Pew Befragten erklärten, sie gehörten keiner bestimmten organisierten Religionsgruppe an. Tendenz stark steigend.
Zahl der Religionslosen wächst
Für immer mehr US-Amerikaner verliert die Kirchenzugehörigkeit ihrer Gemeinde ohnehin an Bedeutung. Pew zufolge haben sich 28 Prozent der rund 225 Millionen erwachsenen Amerikaner von der Konfession oder Religion ihrer Kindheit - zum Beispiel katholisch, protestantisch oder jüdisch - abgewendet und einem anderem Glauben angeschlossen oder sind religionslos. Zudem seien 16 Prozent von einer protestantischen Kirche zur einer anderen übergewechselt. Außerdem seien 70 Prozent der gläubigen US-Amerikaner der Ansicht, nicht nur ihre eigene, sondern viele Religionen führten zum ewigen Leben. Das glaubt auch Barack Obama, der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei. Daher dürften die Pastoren des Südlichen Baptistenverbandes mit der Lehre auf Granit beißen, dass man nur über Jesus Christus in den Himmel komme. "Das Volk" läuft wohl in eine andere Richtung.
Erschienen in zeitzeichen 11/2008.
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