Das Erbe der Roten Khmer
Mutiger Blick auf die Vergangenheit
Die Gräuel der Vergangenheit waren lange hinter einer Mauer des Schweigens verborgen. Erst jetzt setzt eine Enttabuisierung ein. Wegen des UN-Tribunals über den Völkermord, das seine Arbeit 2006 aufgenommen hat. Aber auch wegen der jungen Generation, die endllich wissen will, was damals geschah. Bettina von Clausewitz berichtet.
Erst jetzt, fast dreißig Jahre nach der Terrorherrschaft der Roten Khmer von 1975 bis 1979, öffnet sich der Vorhang langsam. Dabei hat nahezu jede Familie Tote und tragische Biografien zu beklagen: von zerrissenen Familien, verlorenen Kindheiten und Vergewaltigungen bis hin zu Zwangsehen.
"Unsere Eltern und Großeltern haben so viel gelitten, dass sie bis heute lieber über die Vergangenheit schweigen", meint die Studentin Thy Heang. "Jetzt ist es unsere Aufgabe für die ganze kambodschanische Gesellschaft, die Geschichten von damals zu erzählen." Die 24-Jährige gehört zu einer Gruppe von Journalistikstudentinnen und -studenten an der Universität Phnom Penh, die 2007 in kurzen Dokumentarfilmen einzelne Lebensgeschichten aus der Zeit Pol Pots aufgezeichnet hat, dem "Bruder Nr. 1" der Roten Khmer, dessen vierjährige Diktatur als eines der blutigsten Kapitel der Geschichte weltweit gilt.
Bis zu zwei Millionen Menschen - rund ein Viertel der Bevölkerung - kamen damals durch Hunger, Folter und Exekutionen ums Leben. Denn in ihrem Wahn, einen streng maoistischen Bauernstaat zu errichten, verboten die Roten Khmer nicht nur Kultur, Religion und Bildung, sie zerstörten auch Tempel, Moscheen und Kirchen oder missbrauchten sie als Munitionslager und Viehställe. Schon eine Brille zu tragen oder ein Buch zu lesen konnte tödlich sein.
Erst die junge Generation, die nach 1979 geboren ist, wagt jetzt einen Blick zurück auf diese düstere Vergangenheit. Inspiriert und ermutigt von dem auch international viel beachteten UN-Tribunal in der Hauptstadt Phnom Penh. Bisher wurden zwar nur fünf hohe Führungskader der Roten Khmer inhaftiert, Pol Pot selbst starb 1998, aber das Tribunal hat eine Signalwirkung, denn es rührt an die kollektiven Wunden der Gesellschaft, die zutiefst traumatisiert ist.
An den öffentlichen Anhörungen haben schon tausende Khmer selbst aus abgelegenen Dörfern teilgenommen. Der eigentliche Prozessbeginn jedoch wurde bereits mehrmals verschoben und wird jetzt für Anfang 2009 erwartet. Das Tribunal sei wichtig, nicht um Rache zu üben, sondern um Gerechtigkeit zu schaffen, das sagen alle Protagonisten der Studenten-Filme, vom misshandelten Musiker über Folteropfer bis hin zu Dorfbewohnern, und formulieren damit, was viele in Kambodscha denken.
Immer wieder wird bei der Vergangenheitsbewältigung aber auch die Rolle der Religion thematisiert. Von der 25-jährigen Studentin Sin Putheary etwa, deren Großmutter ihr für den Film erstmals aus ihrem Leben erzählte. "Meine Großmutter geht oft zu religiösen Zeremonien in den Tempel, weil es ihr hilft, mit den Rachegefühlen gegenüber den Mördern ihrer Familie umzugehen"“, meint Sin Putheary. "Buddha hat uns gelehrt, keine Rache zu üben. Deshalb glaube ich, ohne Religion kann es keine Versöhnung geben."
Zukunftsängste
Die religiös geprägte Sehnsucht nach Frieden, Stabilität und Harmonie hat vermutlich auch den Ausgang der Parlamentswahlen vom 27. Juli 2008 mitbestimmt. Denn die Volkspartei CPP von Premierminister Hun Sen, der bereits seit 23 Jahren in wechselnden Konstellationen an der Macht ist, hat eine komfortable Mehrheit der 123 Sitze gewonnen. Unter der Herrschaft des 56-Jährigen, der ebenso wie viele andere in der Politik früher Mitglied der Roten Khmer war, ist das Wirtschaftswachstum zwar auf elf Prozent geklettert, und die Hauptstadt boomt, gleichzeitig aber hat die Armut bedrohlich zugenommen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt bereits in Armut.
"Manche Kollegen haben schon ihre Tuktuks verkauft, weil sie nichts verdienen und nicht mal mehr ihre Kosten reinkriegen", klagt der Fahrer einer traditionellen Motorradrikscha in Phnom Penh beim Feilschen um die Taxifahrt zum Markt. Ausländer können ruhig ein wenig mehr zahlen, lautet die Botschaft. Aber auch internationale Organisationen kommen an ihre Grenzen. Im April 2008 hat das Welternährungsprogramm WFP die Ausgabe von kostenlosen Mahlzeiten für 450.000 Kinder an 1.300 Schulen im ganzen Land gestoppt, weil der Reispreis international sprunghaft gestiegen ist.
Aber nicht nur die Armut wächst, sondern auch die Befürchtungen engagierter Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die zumeist seit den ersten demokratischen Wahlen unter UN-Vermittlung 1993 aktiv sind. "Meine Sorge ist, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und sich der demokratische Spielraum in Zukunft noch weiter verringert", kommentiert Nhek Sharin, der Direktor der Menschenrechtsorganisation Star Kampuchea. Er tut das mit dem landesüblichen Lächeln, das die Sorgenfalten ein wenig überdeckt. Aber die politischen Fakten, mit denen Nhek Sharin ebenso wie viele andere ngos in Phnom Penh täglich konfrontiert ist, sprechen eine deutliche Sprache.
Bei Star Kampuchea, das sich für den Aufbau einer selbstbewussten Zivilgesellschaft einsetzt, haben die Mitarbeitenden täglich mit den Bruchstellen der demokratischen Fassade zu tun. Wenn sie sich etwa für die Landrechte vertriebener Bauern engagieren oder Bürgerinitiativen unterstützten, die um ihre Fischereirechte kämpfen. Illegale Landnahmen von Politikern, Militärs oder Geschäftsleuten, erkauft mit falschen Titeln, sind in Kambodscha an der Tagesordnung. Denn mit Korruption ist hier jeder Rechtsbruch möglich. "Auch die Kluft zwischen Armen und Reichen wird sich in Zukunft weiter vergrößern", so die Prognose von Nhek Sharin, dessen Organisation vom deutschen Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt wird.
Weitaus positiver dagegen sieht Eang Chhun die politische Entwicklung. Er ist Pfarrer einer evangelischen Khmer-Kirche. "Ich unterstütze die Regierung, denn sie bemüht sich um Frieden"“, meint der 58-Jährige, der ehrenamtlich Präsident des kleinen Kambodschanischen Christenrates ist, einem Mitglied des Weltkirchenrates in Genf. Eang Chhun stammt aus einer streng buddhistischen Familie in Kambodscha, wo 95 Prozent Buddhisten sind, und wurde erst später Christ, lange nachdem er wie Millionen seiner Landsleute in der Pol-Pot-Zeit als Zwangsarbeiter auf den Reisfeldern schuften musste. "Ich würde nicht sagen, dass die Regierung heute perfekt ist, aber seit 1993 haben wir wieder Religionsfreiheit und Redefreiheit, und die Kinder können zur Schule gehen", meint Eang Chhun, "es ist auf jeden Fall sehr viel besser als früher."
"Jeder soll ein großes Loch machen
und die Vergangenheit darin begraben."
Wer allerdings soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Menschenrechtsverletzungen öffentlich anklagt, lebt gefährlich. Das hat der Wahlkampf gezeigt, in dem etwa die oppositionelle Sam Rainsy-Partei nur in den wenig genutzten Printmedien werben durfte, nicht aber in Radio und Fernsehen. Kritiker wurden eingeschüchtert und ein Journalist auf offener Straße erschossen. "Wir halten es für möglich, dass in Zukunft auch die Büros unserer Partnerorganisationen durchsucht und Aktivisten verhaftet werden"“, meint Asienreferent Karl Schönberg vom Evangelischen Entwicklungsdienst, der Kambodscha als ein "Land am Scheideweg" sieht.
Dass Meinungsfreiheit und Menschenrechte in Kambodscha keine Selbstverständlichkeit sind, haben auch die Studenten mit ihrem ambitionierten Filmprojekt schon erfahren, noch bevor sie professionell in den Journalismus einsteigen. Zwei der zehn Filme wurden von der Universitätsleitung blockiert, wie die deutsche Dozentin Isabel Rodde erzählt, eine Ausstrahlung im Fernsehen ist erst recht nicht in Sicht. Wie im Nachkriegsdeutschland sitzen auch hier viele ehemalige Führungskader in Leitungspositionen und haben - anders als die Opfer - kein Interesse an einem Blick zurück.
Premierminister Hun Sen soll sogar empfohlen haben: "Jeder soll ein großes Loch machen und die Vergangenheit darin begraben." Bei aller Sympathie für die Regierung ist sich Pfarrer Eang Chhun in diesem Punkt mit den Studenten einig, die das bedrückende Schweigen überwinden wollen: "Das Tribunal ist außerordentlich wichtig! Wir dürfen die Vergangenheit nicht auslöschen, denn die junge Generation muss unsere Geschichte doch auch begreifen und ihre Lektion über Nationalismus lernen", meint der Theologe mit Nachdruck. "Wir vergeben den Tätern, aber vergessen können wir nicht. Es geht nicht um Rache, sondern darum, die Herzen weiterzuentwickeln."
Erschienen in zeitzeichen 01/2009.
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