Roberts Religion
Schade: Schlecht recherchiert
Robert Misik stellt die berechtigte und notwendige Frage nach dem Verhältnis von Politik und Religion. Sein Ansatz lässt aber wirklichen Tiefgang vermissen. Und es stellt sich die Fragen, welches eigene negative Gottesbild ihn in seiner Wahrnehmung alles Religiösen beeinträchtigt.
"Wer mit drei Fingern auf andere zeigt, auf den weisen zwei Finger zurück", sagt ein Sprichwort. Die Wahrheit der alten Spruchweisheit springt dem Leser von Robert Misiks Gott behüte. Warum wir die Religion aus der Politik heraushalten müssen schnell entgegen. Der Autor stellt die berechtigte und notwendige Frage nach dem Verhältnis von Politik und Religion. In einer Zeit, in der Religionen und religiöses Denken jeglicher Couleur und in allen Weltteilen Fanatismen auf dem Vormarsch sind, muss dieses Problem erörtert werden.
Doch entscheidend für den Erfolg einer Erörterung ist nicht nur das Ob, sondern vor allem auch das Wie. Und an dieser Stelle scheiden sich meine Wege von denen des Autors. In neun Kapiteln jagt Robert Misik durch die Weltgeschichte der Religionen. Diese Jagd zeigt zwar die Breite seines Ansatzes, lässt aber einen wirklichen Tiefgang vermissen. Zu oft bleiben die Ausführungen in Allgemeinplätzen oder Behauptungen stecken. Robert Misik wirft verschiedenste Sachverhalte in einen Topf, aus dem ein kaum mehr entwirrbarer Mix des zu kritisierenden Religiösen entsteht, der von seiner Seite pauschal negativ bewertet wird.
Unwillkürlich fragt man sich als Leser, warum ein Autor ein solches Buch verfasst: Wirklich um einer zu diskutierenden Sache willen oder doch eher um sich des eigenen Frustes zu entledigen? Mehr und mehr wächst die Meinung, dass wohl das Letztere der Fall sein wird. Exegetische Erkenntnisse blendet der Autor ebenso aus wie die tiefe Symbolik religiöser Sprache. So wird der Ausspruch Jesu "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert" platt in Richtung militärischer Gewalt gedeutet, die dem Wanderprediger aus Galiläa, der sich dem eigenen Tod am Kreuz gerade nicht widersetzt, wohl kaum nachzuweisen ist. Von der Recherche theologischer und insbesondere exegetischer Positionen und Entwicklungen der letzten Jahre ganz zu schweigen. Warum versteigt sich ein Autor in Kritik und Ablehnung der Religionen so sehr, dass sie, wie er fordert, "besiegt" werden müssten? Welche private Abrechnung, muss man fragen, führt Misik mit diesem Buch, die mit der Sache und den Themen, die in der öffentlichen Debatte nicht ausgeblendet werden sollten, nichts zu tun habt?
Abgesehen von der mangelhaften theologischen Recherche, stellt sich bei Formulierungen wie der "Videoüberwachung Gottes" (Aussage im Interview mit Wolfgang Ritschl, ORF, März 2007) oder Zitaten wie "... der Gott der Offenbarung ist ein Gott in der Höhe, der Mensch ist aus dieser Perspektive ein aufrechter Wurm, der sich seinem Schöpfer auf Knien nähern soll" auch die Frage, welches eigene negative Gottesbild Robert Misik in seiner Wahrnehmung alles Religiösen beeinträchtigt. Biblisch ist es nicht, denn nach 1. Mose 1 beispielsweise steht dem sich offenbarenden Gott der Mensch als sein Ebenbild gegenüber.
Im Schlussteil findet sich die Passage: "Doch eine schöne Maxime, an die ich mich möglichst zu halten versuche, lautet: Ein jeder rede von der Schande der eigenen Leute." Wäre es dann nicht vor allem angemessen gewesen, als Autor den Atheismus zu kritisieren, wenn er sich selbst nicht als Christ, Muslim, Jude ... versteht? Selbst der kämpferische Augustinus empfiehlt als Lebenshaltung: Liebe - und dann tu, was du willst. Eben diese Liebe als Grundhaltung, nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch im achtungsvollen Umgang mit anderen, ihm fremden Positionen, wäre dem Journalisten und Autor Robert Misik zu wünschen.
Robert Misik: Warum wir die Religion aus der Politik heraushalten müssen. Ueberreuter, Wien 2008, 192 Seiten, Euro 19,90.
Erschienen in zeitzeichen 11/2008.
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