Palliativmedizin
Hilfe beim Sterben
Stefan Putz betreut Sterbende zu Hause. Der Berliner Home-Care-Arzt lindert nicht nur Schmerzen, er hilft seinen Patienten auch, ihren Alltag so gut wie möglich zu bewältigen. Der Berliner Journalist Jörg Brause hat ihn begleitet.
Wenn es gut geht, stirbt Wolfgang Ritter in seinem Haus in Berlin. Begleitet von seiner Frau, die den Todkranken seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus pflegt, in seiner vertrauten Umgebung. Umgeben von Regalen mit vielen Gläsern, Sammlerstücken, die der Kranke einst zusammentrug, einem antiken Schrank und einigen Familienfotos.
Wolfgang Ritter ist 66 Jahre alt. Ein Tumor zerstörte seinen Kiefer. Er kann nicht mehr sprechen und atmet über eine Kanüle im Hals. Auf seiner Stirn flammt die Haut rot auf. Eine Folge der letzten Chemotherapie. Aus einem speziellen Pflaster sickern kleine Mengen Morphin in seinen Körper, das die sonst unerträglichen Schmerzen lindert. Welchen Leidensweg er hinter sich hat, davon kann Wolfgang Ritter (alle Patientennamen in diesem Beitrag wurden geändert) nicht mehr erzählen.
Vielleicht würde er auch nicht viel sagen wollen heute morgen, als sein Arzt Stefan Putz in Begleitung eines Journalisten vorbeikommt. Nach einem kurzen Händeschütteln schließt er wieder die Augen, lehnt sich zurück und versinkt in den Kissen seines Bettes. Es scheint, als wolle er einfach nur seine Ruhe haben. Wenn er ab und zu heftig hustet und kräftig schluckt, ahnt man, wie schlecht es ihm heute geht. Laute, die Vera Ritter beunruhigen. Die ganze Nacht über schon gehe das so, erzählt sie. Jetzt hofft sie auf eine Antwort und Hilfe von Stefan Putz.
Der Home-Care-Arzt betreut seit siebzehn Jahren Sterbende zu Hause und weiß, dass bei aller Dramatik manche Krankheitszeichen eine einfache Ursache haben, die sich schnell mildern lassen. Wie viel trinkt ihr Mann? Im Gespräch mit Vera Ritter erörtert der Arzt seine Überlegungen.
Als ihrem Mann nicht mehr zu helfen war,
hatte niemand in der Klinik einen Rat,
wie es weitergehen könnte.
Die Ehefrau kümmert sich rund um die Uhr. Kaum ein medizinisches Detail, das ihr nicht vertraut wäre. Aber sie sagt: "Am Anfang steht man allein da und weiß nicht weiter." Als vor einigen Monaten ihrem Mann nach der Chemotherapie nicht mehr zu helfen war, hatte niemand in der Klinik einen Rat, wie es weitergehen könnte. Von "Home-Care" erfuhr sie erst Wochen später, nach eigenen Recherchen.
Der palliativmedizinische Dienst betreut Krebspatienten, bei denen keine Hoffnung auf Genesung besteht. 24 Stunden sind Ärzte und Pflegeteams erreichbar. Längst eine Institution in Berlin, erfolgt die Finanzierung noch immer im Rahmen eines Modellprojekts, über das alle zwei Jahre neu verhandelt wird. Warum es keine dauerhafte Vereinbarung mit den Krankenkassen gibt, darüber gibt der Arzt keine Auskunft.
Eine gute halbe Stunde dauert der Hausbesuch nun schon. Für einen Moment öffnet Wolfgang Ritter die Augen, um kurz darauf wieder in sein Schweigen abzutauchen. Erst als das Gespräch auf ein Krankenbett kommt, wehrt er mit den Händen ab. Was der Grund für seine Einwände ist, darüber verständigen sich die Eheleute erst später, als der Arzt wieder unterwegs ist.
Während der Autofahrt zum nächsten Besuch eines todkranken Menschen deutet Stefan Putz auf die satten roten und gelben Blätter an den Bäumen der Allee, durch die wir fahren. "Wie schön das Laub sich verfärbt hat." Heißt es nicht, im Herbst sterben mehr Menschen? Ja, meint der Arzt, Tod und Herbst, da scheint für manche eine Verbindung zu bestehen. "Aber gestorben wird immer und zu jeder Zeit." Der Tod richtet sich nicht nach dem Kalender.
Rund 2.500 krebskranke Menschen betreuen Home-Care-Ärzte jährlich, von denen zwölf Prozent aber doch in eine Klinik eingeliefert werden müssen. Stefan Putz kennt den Leidensweg von Krebskranken seit seiner Arbeit auf einer Station für Strahlentherapie. "Da starben natürlich Leute. Da musste ich lernen, mit dem Tod umzugehen. Das Schlimmste bei dem Job war, wenn man den Menschen die Hoffnung auf Heilung nehmen musste." Für den jungen Arzt war es eine schwierige Zeit. "Manchmal war ich mit den Nerven am Ende", erzählt er. "Eine ältere Schwester sagte damals zu mir, die ersten zehn Toten habe sie auch noch gezählt."
Ein Zustand vergleichbar einem Halbschlaf
Eine Viertelstunde später erreichen wir einen roten Klinkerbau, das Theodorus-Hospiz. Im Dienstzimmer empfangen Krankenschwestern und Pfleger den Mediziner mit großem Hallo. Man duzt sich untereinander. Mit wenigen Worten ist schnell geklärt, um wen sich Stefan Putz kümmern muss. "Frau Kaiser redet nur von Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen", sagt eine Schwester. Der Arzt sieht nach der älteren Frau. Keines Blickes würdigt sie ihn. Geistesabwesend schaut sie an die Decke, wehrt jede Ansprache ab. Die hohe Dosierung der Medizin nahm ihr zwar die Pein, macht aber auch müde und apathisch. Stefan Putz lässt ihr ihre Ruhe. Heute kann er nur helfen, die Schmerzen zu nehmen.
Zurück im Auto kommt das Gespräch auf das Medikament Dormicum, von dem eben die Rede war. Der Mediziner erklärt dem Laien dessen Wirkung bei der "präfinalen Sedierung". Das Wort klingt bedrohlich, unpersönlich sowieso wie viele Fachbegriffe an diesem Tag. Was damit gemeint ist, bezeichnet aber doch eine große Erleichterung in den letzen Tagen und Wochen für Sterbende, wie Stefan Putz es erläutert: "Wenn jemand wahnsinnige Schmerzen hat oder Luftnot, kann man die damit lindern. Dann tritt ein Zustand vergleichbar einem Halbschlaf ein. Man merkt nichts mehr, weil das Bewusstsein eingetrübt ist, bleibt aber ansprechbar und kann sich noch bewegen. Wird das Medikament abgesetzt, ist der Patient gleich hellwach. Und das Tolle ist, er erinnert sich nicht an den vorherigen Zustand."Wieder "aufgewacht", fällt oft die Entscheidung, lieber mit Beschwerden zu leben, als ganz abgeschnitten von der Umwelt und ihren Nächsten zu sein.
Dafür die richtige Balance zwischen noch erträglichem Schmerz und Wohlbefinden zu finden, braucht es viel Zeit für Gespräche mit den Patienten wie deren Angehörigen, auch um Ängsten zu begegnen.
Lieber mit Beschwerden leben, als ganz abgeschnitten
von der Umwelt und den Nächsten zu sein.
„Die Seelsorge ist mir bei meinen Besuchen sehr wichtig“, sagt Stefan Putz. Und der 60-Jährige, dem nicht die Spur eines ärztlichen Dünkels anzumerken ist, versteht es überdies, Geborgenheit entstehen zu lassen - so auch beim nächsten Hausbesuch. Mit einem offenen Lächeln strahlt er eine Herzlichkeit aus, die auch Hermann Ziesing für ihn einnimmt. Der alte Mann schüttelt die Hand des Arztes, ganz so als empfange er lieben Besuch. Der 78-Jährige lebt mit seinem Lebenspartner im zweiten Stock eines grauen Mietshauses aus den Fünfzigerjahren. Heiß und stickig steht die Luft in der Wohnung. Weil der Kranke schnell friere, heizten sie so kräftig, sagt sein Partner.
Hermann Ziesing liegt in einem Bett, das den winzigen Raum fast ganz ausfüllt, ein schmaler, hagerer Mann mit leuchtend blauen Augen. Mit einem Schwung Heiterkeit spekuliert er über die Ähnlichkeit des Besuchers mit einem Schauspieler. Aber mit wem bloß? Keinem fällt ein Name ein.
Stefan Putz spricht ihn auf die Schmerzen an, fragt nach, ob noch etwas weh tue. Meist müssen Arzt und Patient Schritt für Schritt erst herausfinden, wie hoch die Medizin dosiert sein muss. Die Dosis allmählich zu steigern, darauf komme es an, dann würden gefürchtete Nebenwirkungen erst gar nicht auftreten, wird Stefan Putz später erklären. Hermann Ziesing stutzt, überlegt und sagt immer wieder, es sei gut so. "Sie sollen und Sie müssen keine Schmerzen haben", ermutigt der Arzt den Rentner, dessen Hand er beim Gespräch hält, zu einer Einschätzung.
Ein Krankenbett im Wohnzimmer soll Hermann Ziesing helfen, mehr am Leben teilhaben zu können. Besuch könnte kommen und er könnte wieder fernsehen. Das sind so scheinbar selbstverständliche Überlegungen, die aber am Lebensende zur großen Herausforderung werden können. Die Kosten sind dabei kein Problem. Aber wo ist in der kleinen Wohnung Platz dafür? Stefan Putz und Ziesings Partner überlegen, während der alte Mann mit Gleichmut dem Gespräch folgt.
Fällt der Abschied vom Leben leichter, wenn man alt ist? Trotz des Krebses? Aber das kann man nicht fragen, nicht die Sprache auf den nahen Tod bringen. Man kennt sich ja kaum. Aber plaudern lässt sich gut mit dem alten Mann. Ja, 78 Jahre seien ein schönes Alter. Er lächelt. Noch mal suchen wir den Namen des Schauspielers.
Seit einem Dreivierteljahr habe er die Wohnung nicht mehr verlassen, berichtet er. Damals habe er sich schon an vieles nicht mehr erinnern können. "Man nimmt an der Welt nicht mehr so teil", sagt der Alte dann. Und schlägt den Schauspieler Horst Janson als Ähnlichkeitskandidaten vor.
Der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe ist selten
Aber was, wenn es ganz schlimm kommt, der Krebs weiter fortschreitet und die Angst vor unvorhersehbaren Qualen immer größer wird?
Mit dem Wunsch nach Sterbehilfe konfrontiere ihn selten ein Patient. "Die meisten Menschen wollen nicht sterben, bis sie zu einem Punkt kommen, an dem Sie loslassen können", sagt Stefan Putz. "Sterben ist auch ein Prozess, den wir bewusst erleben können sollten." Deshalb lehne er eine völlige Betäubung des Bewusstseins ab, umgangssprachlich auch als "zudröhnen" bezeichnet.
Zur gleichen Zeit in der Palliativstation im Virchow Klinikum Berlin, im "Meerzimmer". Hier lebt eine noch junge Frau. Die 41-Jährige erkrankte an einem unheilbaren Karzinom in ihrer Lunge. Fotos von Küstenlandschaften, einem Leuchtturm und eine mit Muscheln verzierte Uhr hängen an der Wand. Vielleicht zwei Wochen lebt die Berlinerin noch hier, bevor sie nach Hause entlassen werden kann - wenn ihre Schmerzen gelindert und ein Bruch im Halswirbel versorgt sind.
Dann stirbt sie vielleicht zuhause wie die meisten Krebspatienten, deren ärgste Beschwerden und Schmerzen hier so behandelt werden können. Wer in einem der zehn Einzelzimmer betreut wird, hat nicht mehr lange zu leben.
Die Palliativabteilung sei eine "Intensivstation für bestimmte Symptome, die vor elf Jahren eingerichtet wurde", sagt Oberarzt Peter Thuss. Der körperlichen Qualen gibt es viele als Folge der unheilbaren Tumore, die sich hier behandeln ließen, ohne weitere unnötige Pein hervorzurufen. Es gehe um die "Sicherung der Qualität des Sterbens". Wer einen Blick in das Meerzimmer wirft, sich den Alltag auf der Station anschaut, stellt fest, hier geht es um mehr als um eine optimierte medizinische Versorgung Todkranker.
Sicherung der Qualität des Sterbens
Die Krankenschwester Jeanette Markwordt sagt es so: "Wir versuchen Geborgenheit zu geben, Zuwendung und Empathie sind wichtig, um die Patienten zu unterstützen." Nähe und Geborgenheit sind gerade deshalb möglich, weil sich Ärzte- und Pflegeteam viel Zeit für die Sterbenden nehmen können. Die dürfen ihren Alltag selbstbestimmt gestalten, unterstützt von psychologisch geschulten Pflegern, einer Psychologin und einer Sozialarbeiterin, die ihnen ihre Wünsche erfüllen, wo es nur geht.
"Wer mag, kann morgens mit uns an einem großen Tisch frühstücken. Aber jeder entscheidet selbst, ob er Gesellschaft sucht oder lieber allein sein möchte", erzählt die Krankenschwester.
Ein zweites Bett steht im Meerzimmer bereit - für Besuch, der über Nacht bleibt. "Wir ermutigen Ehepartner oder Freunde und Angehörige, die Möglichkeit für eine Übernachtung zu nutzen", sagt Peter Thuss. Ein Angebot, das nicht von allen, aber von vielen wahrgenommen wird. Die Nähe zum Tod ertragen manche nicht. Und verschiedene Krankheitssymptome störten, etwa Atembeschwerden, sagt der Arzt, so dass einige lieber nicht hier schlafen.
Wer zurück nach Hause geht, den können Home-Care-Ärzte weiter betreuen. Erst seit 25 Jahren gibt es in Deutschland überhaupt Palliativstationen. Damals war die besondere ärztliche Fürsorge für Sterbende eine Revolution, stand dem ärztlichen Selbstverständnis, zu heilen, entgegen.
Die wenigsten Menschen sterben zu Hause.
80 Prozent der Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Für ebenso viele geht dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Auf der Palliativstation im Virchow Klinikum sterben ein Drittel der Patienten und rund acht Prozent in einem Hospiz. Immerhin die Hälfte aber zu Hause. Und wenn es gut geht, begleiten sie auch dort ihre Nächsten in ihren letzen Stunden.
Zurück zum Home-Care-Arzt Stefan Putz. Er hat seinen Wagen ein paar weitere Kilometer über verstopfte Straßen gesteuert. Wir halten vor einem Hochhaus. Ich erfahre die Geschichte einer jungen Frau, die, seinerzeit keine vierzig Jahre alt, vor Jahren einmal nur noch mit Hilfe zweier Sauerstoffgeräte atmen konnte. "Ihre größte Angst war, dass ein Gerät plötzlich defekt sein könnte oder der Strom ausfällt und sie ersticken müsste." Als ihre Hustenanfälle unerträglich wurden, beratschlagte sich die Berlinerin mit ihrer Familie und dem Arzt. "Es waren sehr gläubige Menschen, die eng zusammenstanden. Dann waren sich alle einig, mit einer Schmerzpumpe ihre Beschwerden zu lindern, als sich abzeichnete, dass sie nicht mehr lange leben würde." Einmal noch versammelte sich die Familie am Bett der jungen Frau, bis sie durch die narkotisierende Wirkung der Schmerzmittel in Halbschlaf fiel. Wenige Tage später starb sie.
Manchmal zieht sich der Abschied von der Welt lange hin, wenn Menschen noch etwas beschäftigt, Angelegenheiten nicht geregelt sind. "Das hält sie dann auf und hindert sie, loslassen zu können." Dann stemmt sich jemand lange gegen den Tod. Wie jene Mutter, deren Lieblingssohn im Zwist mit dem Vater lag. "Ich habe ihrem Mann gesagt, dass seine Frau sich quälen werde, bis ihr Kind sie besucht hat. Erst als der Sohn kam und ihre Hand hielt, konnte sie loslassen."
Siebzehn Jahre fährt Stefan Putz nun schon durch Berlin. Zu Jungen und Alten, Armen und Reichen, hilft den Todkranken mit seinem ärztlichen Können ebenso wie mit aufmunternden wie Trost spendenden Worten. Aber noch heute gehe ihm das nahe, wenn ein Mensch sterbe. "Besonders, wenn ich jemanden längere Zeit betreut habe. Dann muss man auch mal weinen können, um Abschied zu nehmen", sagt er.
Erschienen in zeitzeichen April 04/2009.
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