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Lob der Ungleichheit?

Soziale Gerechtigkeit zwischen primitivem Egalitarismus und Meritokratie

Hans-Peter Müller

Jeder weiß, dass Ungleichheit unvermeidlich ist - aber reicht das, um ein Lob auf sie anzustimmen?

Kann man in modernen Gesellschaften westlichen Typus für Ungleichheit sein? Wer würde ungeschützt gar ein "Lob der Ungleichheit" ausbringen wollen? Vermutlich kein vernünftiger Mensch mit Augenmaß und demokratischer Weltanschauung. Plädoyers dieser Art finden sich im westlichen Kulturkreis allenfalls bei Rassisten, religiösen Radikalen und manchen Ökonomen. Rassisten unterscheiden zwischen eigener "reiner" Rasse und betrachten den Rest der Welt als "Untermenschen". Religiöse Fanatiker teilen die Welt in Gläubige und Ungläubige auf. Und orthodoxe Ökonomen kennen nur Markt, Leistung und Wettbewerb, und die daraus resultierende Ungleichheit ist ein Produkt vernünftiger Auslese und daher gerecht.

Die schweigende Mehrheit gehört dem Lager des primitiven Egalitarismus an. Sein Motto "Gleichheit ist gut, weil gerecht! Ungleichheit ist schlecht, weil ungerecht!" deutet den stillschweigenden Grundkonsensus in der westlichen Welt an. Das ist als Grundintention nicht falsch, wenn auch zu einfach, wie wir sehen werden. Sicher: Was wären unsere Gesellschaften ohne die Menschen- und Bürgerrechte, die Demokratie und die Idee des freien und gleichen Staatsbürgers? Das "Lob der Gleichheit" entspricht unserem Werteprogramm und unserem Verständnis von Institutionen. All das scheint völlig unkontrovers zu sein.

Wenn es um uns selbst geht,
ziehen wir die Ungleichheit vor.

Was aber ist dann mit der Existenz von sozialer Ungleichheit und der Tatsache, dass Menschen von Natur aus ziemlich unterschiedlich sind? Wie gehen wir mit sozialer Ungleichheit und natürlicher Unterschiedlichkeit um? Dann gibt es noch den interessanten Alltag. Jeder prüfe sich selbst: Im Prinzip sind wir für Gleichheit und Gleichbehandlung, aber wenn es um uns selbst geht, ziehen wir natürlich die Ungleichheit vor.

Im Restaurant ist kein Platz mehr frei - aber Gott sei Dank kennen wir den Restaurantbesitzer und ergattern wie durch ein Wunder noch einen Tisch, auch ohne Reservierung, während andere Besucher abgewiesen werden. Schlechtes Gewissen? Im Gegenteil, wir fühlen uns gut dabei, ungleich, nämlich bevorzugt behandelt zu werden.

Der Wert der Gleichheit wird durch die Realität der Ungleichheit also stets auf eine harte Probe gestellt. In egalitären Gesellschaften geraten alle Formen der Ungleichheit im Prinzip unter Legitimitätsdruck. Sind sie fair, sind sie gerecht? Aber auch ein hartnäckiger Egalitarist wird kaum leugnen können, dass gerade in modernen Gesellschaften viele Quellen sozialer Unterschiede existieren. Die Arbeitsteilung und funktionale Differenzierung, Spezialisierung und Professionalisierung schafft eine komplexe Arbeits- und Berufswelt. Schon Karl Marx hatte die Unterschiede zwischen körperlicher und geistiger Arbeit notiert. Aber in Informations- und Wissensgesellschaften trennen einen ungelernten Arbeiter und einen Wissensexperten regelrechte Welten - nicht nur des Einkommens, sondern auch der Bildung, des Leistungsvermögens und der Lebensführung.

Allein die Tatsache, dass moderne Gesellschaften auf dem Leistungs- und Verdienstprinzip aufbauen und als rationale, effizienzgesteuerte Arbeits-, Berufs- und Disziplinarformationen ausgestaltet werden, schafft die sozialen Unterschiede, die Soziologie typischerweise als Dimensionen sozialer Ungleichheit untersucht: arm/reich, unwissend/wissend, leistungsschwach/leistungsstark. Einkommen und Vermögen, Qualifikation und Bildung, Macht- und Verhandlungsstärke, Sozialprestige und soziale Anerkennung sind von daher nicht egalitär verteilt.

                                       Leistungsprinzip gegen Egalitarismus

Hinzu kommt die Tatsache, dass keine Generation wieder auf "Start" geht, wie beim Monopoly-Spiel. Vielmehr kommen die Menschen mit sehr ungleichen Startvoraussetzungen auf die Welt, je nachdem, in welches Elternhaus sie geboren und was sie einmal erben werden. Wenige erben sehr viel, viele erben wenig, manche nichts. Aus Leistungs- und Erbschaftsunterschieden ist das feste Bollwerk der sozialen Ungleichheit geschmie­det.

Die Formel der primitiven Egalitaristen "Gleichheit ist gut, weil gerecht; Un­gleichheit ist schlecht, weil ungerecht" ist angesichts der überwältigenden Realität sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften einfach zu schlicht. Aus soziologischer Sicht kommt es stets auf die Konfiguration von Gleichheit und Ungleichheit an, nicht auf die endgültige Eliminierung sozialer Unterschiede. Eine solche Politik der völligen Gleichmacherei dürfte sich bei der Realisierung als gefährliche Illusion entpuppen.

Man mache nur ein einfaches Gedankenexperiment. Wer in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt, wird sich nach einer Gesellschaft sehnen, wo alle gleich viel Geld haben. Gesetzt den Fall, man könnte einen solchen Naturzustand herstellen: Am Sonntag hätten alle gleich viel. Am Montag aber wäre Ungleichheit hergestellt, denn der eine hätte gespart, der Zweite investiert und der Dritte das Geld konsumiert. Wer in einer autokratischen Gesellschaft lebt, wird sich eine Gesellschaft erträumen, in der jeder Bürger gleich viel Macht und Einfluss hat. Aber nach der ersten demokratischen Zusammenkunft wäre ein Sprecher gewählt, der uns auffordert, ihm als Führer zu folgen. Wer in einer feudalen Gesellschaft lebt, möchte lieber einer Gesellschaft angehören, wo jeder gleich anerkannt und verehrt wird. Aber selbst, wenn man jedem den gleichen (Bildungs-)Titel verleiht, werden die Menschen im Alltag weiter Unterschiede machen, je nach Qualifikation, Erfahrung, Weisheit, Mut und Energie, welche die Menschen unterscheiden.

Geld, Macht, Bildung und Prestige - die wichtigsten strukturellen Quellen sozialer Ungleichheit - sprudeln also auch in solchen Gesellschaftsexperimenten, ob gedanklich oder real, munter weiter. Wird diese Dynamik mit aller Macht und Gewalt durch Nivellierung stillgestellt, soll also aus der Illusion partout Wirklichkeit werden, dann wird aus dem Traum der egalitären Gesellschaft rasch das Trauma einer totalitären Gemeinschaft ohne Freiheit.

           Folgen der Meritokratie

Aber wie kombiniert man vernünftig politische Rechte auf Gleichheit mit der sozialen Realität von Ungleichheiten? Wie sieht eine nachhaltige Konfiguration von Gleichheit und Ungleichheit aus? Kann man notwendige von überflüssigen Ungleichheiten unterscheiden? Gibt es also gute und schlechte Ungleichheit? Das sind knifflige Fragen, die man am besten angeht, wenn man sich unser vorherrschendes Werteverständnis in dieser Sache anschaut. Wir leben in einer Meritokratie, einer Leistungs- und Verdienstgesellschaft - als zu erstrebendes Ideal wie als teilweise realisierte Wirklichkeit. Wie funktioniert eine Meritokratie? Welche Folgen und Nebenfolgen bringt sie mit sich?

Fragen wir doch einfach Michael Young, der The Rise of Meritocracy: 1870-2033 schon im Jahre 1958 beschrieb. Stellen wir uns vor, die Ideale von Chancengleichheit, Leistungsprinzip und Verdienst seien realisiert - sieht so die ideale Balance zwischen Gleichheit und Ungleichheit aus? Young extrapolierte die Trends und Tendenzen in Großbritannien Ende der Fünfzigerjahre in das Jahr 2033 und konfrontierte uns mit einem ambivalenten Bild des Ideals moderner Leistungsgesellschaften. Es herrsche die Zauberformel: I+E=M ("Intelligence and effort together make up merit"), die soziale Ausleseprozesse anleite und eine mustergültige Meritokratie hervorbringe.

Das Ziel würde erreicht - wäre das auch das Ende der Geschichte? Um diese Frage zu beantworten, ging Young zunächst in seiner Studie dem Aufstieg der Elite nach und zeigte die Mittel auf, mit denen die Chancen egalisiert wurden. Dann diskutierte er die Konsequenzen für die niedrigen Klassen und versuchte die Gleichheits-Ungleichheits-Dynamik aufzuzeigen, die in einer solchen Gesellschaft wirksam ist.

Das wichtigste Mittel für die Karriere eines Menschen würde der Intelligenztest sein. Die Resultate bestimmten den weiteren Lebensweg. Soziale Herkunft und Geld spielten keine Rolle mehr. Es gäbe eine "nationale Intelligenzkarte" für jeden und die Chance, sich in Abständen immer wieder testen zu lassen, um seinen sozialen Status zu verbessern. Die größte ideologische Leistung gebühre der Arbeiterpartei, die mit dem Ideal der Chancengleichheit ihre Anhänger auf diese neue Lebensweise einstimme. Zum ersten Mal habe die Gesellschaft ein für alle Klassen verbindliches Ziel - Leistung und Verdienst - und eine Führungsschicht, die Elite, statt dass jede Klasse ihre eigene Ideologie und ihre eigene politische Führung besitze. Der Preis sei indes hoch: Alle Begabung und alles Talent sei in den oberen Klassen konzentriert, die untere Klasse degeneriere zu einer stupiden, anpassungsfähigen Masse.

                                         Widerstand und Neid ersticken

Um die Polarisierung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer abzudämpfen und eine erträgliche Gleichheits-Ungleichheits-Balance aufrecht zu erhalten, werde ein kompensatorisches Programm für die unteren Klassen aufgelegt, das Widerstand oder Neid bereits im Keim ersticken solle.

Es umfasse fünf Maßnahmen:

1. Aufgabe der schulischen Sozialisation sei die Produktion eines "Mythos der Muskeln", um auch Männern mit Kraft, aber wenig Gehirn ein Ideal zu geben;

2. Neben der Schätzung körperlicher Arbeit werde die Erziehung zur Freizeit forciert;

3. Alle Erwachsenen ge­nössen das Recht auf Weiterbildung und auf periodische IQ-Tests;

4. Stupidität und die allgemeine Unfähigkeit, das "grand Design" der mo­dernen Gesellschaft zu verstehen, ließen erst gar keinen Protest aufkommen;

5. Schließ­lich gebe das "Civilian Pioneer Corps" allen eine Jobchance, die sonst aufgrund mangelnder Intelligenz nicht gebraucht würden.

Youngs Gedankenexperiment ist eine brillante Re­flexion und Kritik meritokratischer Leistungsideale. Es ist mehr als ein Zufall, dass ein beklemmend aktuelles Bild unserer Probleme herausspringt.

Nehmen wir nur die Gleichheits- Ungleichheits-Dynamik: Das Recht auf Gleichheit wird kulturell mit einer für alle akzeptablen Ideologie ermöglicht- der Meritokratie. Wie Young richtig sieht, ist das in letzter Instanz die biologische Lotterie der Intelligenzverteilung. Um diesem "Natur-Schicksal" - der Ungleichverteilung natürlicher Intelligenz - zu entgehen, wird das periodische Training der Intelligenztests erlaubt. Dennoch bleibt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung in dieser Gesellschaft auf der Strecke. Vor allem jungen Männern mit ausgeprägten Muskeln, aber wenig Gehirn wird daher der Stolz auf "Männlichkeit" antrainiert. Fitnessclubs, Sport (vor allem Fußball), Glücksspiele und Privatfernsehen sollen helfen, Testosteron abzubauen und Aggressionen zu dämpfen. Das "Civilian Pioneer Corps" erinnert an die Versuche zur Schaffung zweiter und dritter Arbeitsmärkte. Auch personennahe Dienstleistungen sollen Personen mit schwacher Bildung eine Jobchance verschaffen. "Dienen, um zu verdienen" und "Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit", lauten die Losungen.

Nein, das herzhafte Lob der Ungleichheit muss am En­de ausbleiben. Es reicht, wenn wir uns mit ihr abfinden, wo sie unvermeidlich ist. Dort setzt das Modell der Meritokratie ein: Wer Chancengleich­­heit fordert, sagt soziale Un­gleichheit. Chancengleichheit ist - soziologisch ge­wendet - eine In­put­gleichheit, die Un­­­gleichheit im Out­put legitimieren soll. Im Idealfall starten wir im Leistungs- und Wett­bewerbsprozess mit
Gleichheit im Sinne von Chancengleichheit, dann setzt die Konkurrenz ein. Am Ende, so die Logik des Modells, erhalten wir legitimierte Ungleichheit: "Wer viel leistet, soll auch hoch belohnt werden." Diesen Satz würden in einer Umfrage wohl viele, vor allem soziologisch ungeschulte Menschen, bedenkenlos un­ter­schreiben.

          Notwendige Ungleichheiten

Das Ideal der Meritokratie ist nicht perfekt, aber wohl unverzichtbar, will man eine Balance zwischen dem Recht auf Gleichheit und der Erfahrung mit sozialer Ungleichheit herstellen. Im Idealfall öffnet sie das Einfallstor für Politiken der Angleichung wie Umverteilung oder Anerkennung in Gestalt von Diversität.

Sie markiert notwendige Ungleichheiten, die als Leistungsanreize, Belohnungen und Anerkennung erforderlich sind, und gestattet es, ausufernde und somit überflüssige Ungleichheiten zu bekämpfen. Der Gleichheitsanspruch mag groß sein, die Egalisierungserfolge jedoch werden bescheiden ausfallen. Das ist nicht viel, aber besser als gar nichts.

Professor Hans-Peter Müller ist Direktor des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin 

 Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2010.

 

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