Zerstörerische Ernte
Die Zukunft der Landwirtschaft
Angesichts von Überbevölkerung steht die Landwirtschaft vor gewaltigen Herausforderungen. Auf der einen Seite herrscht ein Überfluss an Lebensmitteln, auf der anderen Seite hungern Menschen. Wie dieses Problem gelöst werden kann, ohne die Umwelt zu gefährden, skizziert der Wissenschaftsjournalist Reinhard Lassek.
Derzeit leben etwa 6,7 Milliarden Menschen auf der Erde, und jeden Tag kommen im Durchschnitt 222.651 Menschen hinzu. Dies bedeutet einen jährlichen Zuwachs von rund 81 Millionen. Und bis zur Mitte dieses Jahrhunderts rechnet die UNO mit einem Anstieg der Weltbevölkerung auf über 9 Milliarden. Für die meisten dieser Menschen wird es wohl keine auch nur halbwegs menschenwürdigen Lebensbedingungen geben. Insbesondere die Landwirtschaft steht vor denkbar größten Herausforderungen: Sie soll eine auf Wachstumskurs befindliche Menschheit ernähren - und zwar zu wirtschaftlich, sozial und ökologisch annehmbaren Bedingungen.
Die Verbesserung der Erträge in Ackerbau und Viehzucht war schon immer das Ziel der Landwirtschaft. Doch erst die agrarwissenschaftliche Revolution, beginnend im 19. Jahrhundert, ermöglichte die heutigen Intensivkulturen mit ihrer hohen Produktivität. Noch um 1900 erzeugte ein Landwirt in Deutschland lediglich Nahrungsmittel für vier weitere Personen, 1950 waren es bereits zehn und heute sind es 143. Die modernen Methoden sorgten indes nicht nur für Rekordernten, sondern machten in der Landwirtschaft auch viele Arbeitsplätze überflüssig. In den vergangenen hundert Jahren sank der Anteil an Erwerbstätigen in der Landwirtschaft hierzulande von 38 auf gut
zwei Prozent, ein Trend, der sich über den verstärkten Einsatz elektronischer Datenverarbeitung und allgemeiner Automatisierungen fortsetzt. Bei der Viehhaltung stellt vielerorts bereits der Computer den Fütterungsplan auf. Und bei der immer noch sehr personalintensiven Obsternte werden über kurz oder lang die Erntehelfer durch Pflück-Roboter ersetzt werden.
Innovation durch Agrobiologie
Lange Zeit war die Landwirtschaft vor allem von den Entwicklungen der Agrochemie abhängig. Vor allem in den Achtzigerjahren wurden neben Kunstdünger auch Pflanzenschutzmittel in großer Menge auf die Flächen ausgebracht - mit verheerenden ökologischen Folgen. Inzwischen kommen die Innovationen vornehmlich aus dem Bereich der Agrobiologie. Mit Hilfe der Gentechnologie wird versucht, die vorhandenen Pflanzensorten und Nutztierrassen zu verbessern und ganz neue Sorten und Rassen zu züchten. Beim Ackerbau geht es nicht nur darum, Kulturpflanzen vor Krankheiten zu schützen und sie zugleich gegenüber den Nebenwirkungen von Pflanzenschutzmitteln zu immunisieren. Die Strategie gentechnologisch veränderter Sorten zielt auch darauf, mit immer weniger Produkten auf immer geringeren Anbauflächen immer mehr Erträge zu erzielen.
Sogar die völlige Unabhängigkeit von natürlichen Anbaumilieus ist denkbar. So könnte Gemüse künftig nicht mehr vom Feld kommen, sondern in geschlossenen Containern gezogen werden. Computergesteuerte Anlagen gewährleisten dann über Heizung, Belüftung, Beleuchtung, Bewässerung, Nährsalzversorgung und pflanzenmedizinische Behandlung ein kontrolliertes Wachstum. Für jeden Salatkopf könnte ein individuelles Wachstumsprogramm optimiert werden. Mit Erdbeeren und auch Gemüse wie Tomaten oder Gurken funktioniert diese Kultur ohne jegliche Bodenhaftung bereits.
Es gibt aber auch gegenläufige Trends. Denn immer mehr Landwirte wünschen sich keine agrarindustrielle, sondern eine bäuerliche Zukunft im Einklang mit der Natur. So beklagt die "Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft", das Kartell aus klassischer Agrarwissenschaft, Agrarlobby und Agrarpolitik könne sich "Bauern" nur noch als "landwirtschaftliche Unternehmer" und "Agrar- und Qualitätsmanager" vorstellen.
Doch wie immer sich die Landwirtschaft künftig gestalten wird, gegenwärtig befindet sie sich in einer weltweiten Krise, ja sie bildet eines der Kernprobleme globaler Gerechtigkeit: Auf den Weltmärkten herrscht zwar ein steter Überschuss an Nahrungsmitteln. Doch zur Lösung des Welternährungsproblems trägt dieser kaum bei. Im Gegenteil, das von den hochentwickelten Agrarnationen erwirtschaftete Überangebot lässt die Erzeugerpreise weltweit weiter fallen und macht die Landwirtschaft der Entwicklungsländer im Konkurrenzkampf chancenlos. Vor allem die hoch subventionierten Überschussprodukte aus den USA und der EU drängen die Eigenproduktion in den Entwicklungsländern zurück. Dies ist insofern fatal, als bislang beinahe 80 Prozent aller Lebensmittel von rund 2,6 Milliarden Kleinbauern produziert werden, die darüber hinaus mit ihren traditionellen Methoden auch den Fortbestand alter Tierrassen und lokaler Pflanzensorten sichern.
Ursprünglich wollte die UNO bis 2015 die Hungersnöte wenigstens halbiert haben. Doch allen guten Versprechungen und Programmen zum Trotz hungern immer noch rund 800 Millionen Menschen. Und es werden eher noch mehr als weniger. Denn nicht nur Kriege und soziale Unruhen nehmen weltweit zu, sondern auch Wasserknappheit und Bodenerosion. Nimmt man die unberechenbaren Auswirkungen des Klimawandels hinzu, so sind die Grundlagen der Landwirtschaft vielerorts bereits gefährdet.
Schattenseiten des Fortschritts
Auch der Fortschritt der so genannten Schwellenländer offenbart mehr und mehr seine Schattenseite. So können sich zwar immer mehr Chinesen Fleisch, Milch und andere Wohlstandsprodukte leisten, doch die daraus resultierende weltweite Knappheit treibt die Preise in die Höhe. Für immer mehr Menschen sind selbst Grundnahrungsmittel wie Reis schlicht unerschwinglich. Hinzu kommt, dass auf den gleichen fruchtbaren Böden, auf denen Nahrung wächst, sich auch Rohstoffe für den Biosprit erzeugen lassen. Und in den hiesigen Ställen werden immer mehr Tiere gemästet, obwohl die Erzeugung eines Kilo Fleischs die drei- bis zehnfache Fläche benötigt wie die Produktion eines Kilo Getreides. Und bei Wasser- und Energieverbrauch und dem Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase fallen die weltweit rund 20 Milliarden Nutztiere stärker ins Gewicht als die 6,7 Milliarden Menschen.
Es muss also dringend etwas geschehen. Doch was und wie? Brauchen wir eine Hightech-Landwirtschaft oder eine zeitgemäße Anknüpfung an bäuerliche Traditionen? Wer überwindet den Hunger in der Welt, eine Nachhaltige Landwirtschaft oder die Grüne Gentechnik, Vielfalt oder Monokultur?
Auf Initiative der Vereinten Nationen und der Weltbank haben sich 2002 mehr als vierhundert Landwirtschaftsexperten, Vertreter von Regierungen, Nichtregierungs-Organisationen und der Biotech-Industrie zum Weltlandwirtschaftsrat (IAASTD) zusammengeschlossen. Dieser hat nunmehr eine umfassende Agrar-Agenda erstellt, die die wichtigsten der seit Jahrzehnten kontrovers diskutierten Positionen auf einen gemeinsamen wissenschaftlich fundierten Nenner bringt. Nach jahrelangem Ringen wurde Mitte April ein zweitausend Seiten starker Weltagrarbericht verabschiedet. Doch die Vertreter führender Biotech-Betriebe wie Syngenta, Monsanto und BASF hatten kurz zuvor den iaastd verlassen, da die Ergebnisse nicht ihren Erwartungen entsprachen. Das Hauptanliegen des Weltagrarrats, sich auf gemeinsame Strategien im Kampf gegen Armut und Hunger zu verständigen, scheiterte auf der Zielgeraden.
Immerhin sorgten die IAASTD-Experten durch die nüchterne Bewertung Tausender von Studien für etwas mehr Übersicht beim Frontverlauf der nunmehr erneut aufflammenden Grabenkämpfe. Der Weltagrarrat setzt jedenfalls unmissverständlich auf den Erhalt und die Erneuerung natürlicher Ressourcen. Damit grenzt er sich deutlich vom Weltentwicklungsbericht der Weltbank des Jahres 2007 ab, der vorrangig noch auf Wachstum der Produktivität und Anbindung an die globalen Märkte baut. Die Gentechnik und andere moderne Technologien schließen die IAASTD-Forscher indes keineswegs aus. Doch sie relativieren ihren Stellenwert. Denn es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die Welternährung künftig nur noch mit Hilfe einiger Hightechsorten aus industrieller Agrarwirtschaft sichern ließe.
Ohne einen umfassenden Konsens, in welche Richtung sich die Landwirtschaft der Zukunft entwickeln sollte, kann auf globaler Ebene aber nicht wirksam gehandelt werden. So wird es bis auf weiteres miteinander konkurrierende Landwirtschaftsmodelle geben: Zum einen der konsequente Ausbau der industriellen Landwirtschaft, zum anderen die Rückbesinnung auf traditionelle Methoden. Und als dritter Weg bietet sich die so genannte integrierte Landwirtschaft an, die einen Brückenschlag zwischen moderner Effizienz und naturschonenden Methoden sucht. Bei ihr geht es um die Entwicklung moderner Produktionssysteme, die den technischen Fortschritt mit den Prinzipien des naturgemäßen Landbaus verbinden. Ziel ist eine Rückkehr zum biologischen Gleichgewicht, ohne auf Produktivitätszuwächse verzichten zu müssen. Dass diese Methode nicht nur in den hochentwickelten Agrarregionen Europas erfolgreich ist, belegen Versuche in Indonesien. Dort wurden bereits Ende der Achtzigerjahre mit Hilfe der Welternährungsorganisation, der Weltbank und der US-Behörde für internationale Entwicklung ein integriertes Pflanzenschutzprogramm für den Reisanbau eingeführt. Über eine Million Bauern wurden darin geschult, die bislang reichlich angewendeten Pflanzenschutzmittel einzusparen. Ein Viertel der Bauern verzichtet schließlich sogar völlig auf Agrarchemie, und die Erträge stiegen dennoch um 0,5 Tonnen pro Hektar.
Doch wie soll sich ein integrierter Landbau jemals flächendeckend durchsetzen, solange die industrielle Landwirtschaft bei den Subventionen bevorzugt wird? In Europa fließt immerhin über die Hälfte des EU-Haushalts, rund 55 Milliarden Euro im Jahr, in den Agrarsektor. Nur ein Bruchteil davon kommt jedoch der nachhaltigen Landwirtschaft zugute.
Die Landwirtschaft der Zukunft wird sich zunächst um die ökologischen und auch sozialen Verwerfungen kümmern müssen, die sie größtenteils selbst verursacht hat.
Sie wird künftig nicht nur an Produktivitätssteigerungen und der Qualität ihrer Produkte gemessen werden, sondern vor allem an ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit. Und so ganz nebenbei - den Verbraucher wird es freuen - wird die Belastung pflanzlicher und tierischer Produkte mit Pestiziden, Nitrat, Antibiotika, Hormonen und Beruhigungsmitteln sinken. Und es werden sich die so genannten wertgebenden Inhaltsstoffe anreichern. Denn die auf schnelles Wachstum setzende Nahrungsmittelproduktion führt allenfalls zur Steigerung des Wasseranteils bei gleichzeitiger Senkung des Gehalts an Mineralien, Vitaminen und Aromastoffen. Die Landwirtschaft hat durchaus eine blühende Zukunft, insofern ihre Wirkungskette lautet: gesunder Boden, gesunde Pflanzen, gesunde Tiere und gesunde Menschen.
Erschienen in zeitzeichen 11/2008.
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