Leute machen Körper
Vom medialen Körperkult zum gesellschaftlichen Krankheitsbild
Die Medien verkünden ein Schönheitsideal, hinter dem die meisten notwendigerweise zurückbleiben müssen. Die Wahrnehmung der grundlegenden Körperbedürfnisse scheint zu schwinden - mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.
Nicht nur Kleider, auch Körper machen Leute. Der Körper wird zum Statussymbol. Die Medienwelt generiert eine eigene Körperästhetik im Dienste der Wirtschaft. Schlankheit, jugendliches Aussehen und körperliche Fitness werden zum (unerreichten) Ideal. Die genormte Schönheit verstärkt die Verunsicherung, und mittels Werbung und Machbarkeitswahn werden den Konsumentinnen und Konsumenten Selbstwert und Anerkennung versprochen, indem die Korrektur des mangelhaften Körpers angeboten wird.
Der Körper wird mehr und mehr zur Maske, gewinnt als Ware an Bedeutung und scheint als "fühlender" Körper verloren zu gehen. Das Gefühl für die eigene Körperlichkeit, die sensible Wahrnehmung der Körperempfindungen sowie der grundlegenden Körperbedürfnisse scheinen zu schwinden.
Als "fühlender Körper" verloren
Dieses immer künstlicher und rigider werdende mediale Figurdiktat ist oft nur unter gesundheitlichen Risiken zu erfüllen, es kann zur Entstehung von Essstörungen ebenso beitragen wie zu dem Zwang, die Erscheinung des eigenen Körpers immer wieder korrigieren zu müssen.
Dies konnte in einer von mir 2006 in Wien durchgeführten klinischen Studie bezüglich spezifischen Illustriertenkonsums und dessen Auswirkungen auf das subjektive Körperbild bestätigt werden. Es wurden 121 Frauen mit Essstörungen befragt, nämlich solche, die an Magersucht (Anorexia nervosa, 21 Frauen), Ess-/Brechsucht (Bulimia nervosa, 60 Frauen), "Binge-Eating"-Disorder (BED, Episoden von Fressanfällen ohne gewichtsregulierende Gegensteuerung, 40 Frauen) litten, sowie 140 Frauen ohne Essstörungen.
Die Ergebnisse zeigen, dass besonders magersüchtige Frauen weit häufiger Modejournale, Frauen- und Lifestyle-Magazine konsumieren als die Kontrollgruppe. Am zweithäufigsten greifen Frauen mit Bulimie zu diesen Illustrierten. Gleichzeitig fühlen sich Frauen mit Anorexie durch den Illustriertenkonsum mit Abstand am meisten beeinflusst, gefolgt von Frauen mit Bulimie und "Binge-Eating"-Disorder. Frauen mit Essstörungen weisen ein schlechteres subjektives Körperbild auf als jene Gruppe ohne Essstörungen. Je häufiger Personen Modejournale, Frauen- und Lifestyle-Magazine konsumieren, desto stärker scheinen sie sich an den medialen Schlankheitsidealen zu orientieren und sich bezüglich ihres subjektiven Körperbildes verunsichern zu lassen.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fand in ihrer Studie "Jugendsexualität" heraus, dass sich jedes zweite Mädchen zwischen vierzehn und siebzehn Jahren "zu dick" fühlt; jedes dritte dieses Alters zeigt ein gestörtes Essverhalten, ermittelte das Robert-Koch-Institut bei seiner Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit. In einer Studie (Orbach) mit über dreitausend Mädchen aus zwölf verschiedenen Ländern meinten zwei Drittel der Mädchen, es sei "schwierig, sich schön zu fühlen, wenn man mit den heutigen Schönheitsidealen konfrontiert ist". Jedes vierte Mädchen hat schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht.
Brustvergrößerungen bei Jugendlichen
Die Amerikanische Gesellschaft für Schönheitschirurgie berichtete 2006, dass es bei Kindern und Jugendlichen unter achtzehn Jahren zwischen 2000 und 2005 eine Steigerung bei Schönheitsoperationen (Brustvergrößerungen, Fettabsaugung, Nasen- und Ohrenkorrekturen) um 15 Prozent, und bei minimal-invasiven Maßnahmen (Botox, chemische Behandlungen) eine Steigerung um sieben Prozent gab. Im Jahr 2003 ließen sich in den USA 11.326 Mädchen unter achtzehn Jahren die Brust vergrößern - 2002 waren es 3872.
In Österreichs größtem Frauen- und Lifestyle-Magazin "Woman" wurde am 6. August 2004 ausführlich über die Schönheitsoperation an einer Achtzehnjährigen berichtet. Der jungen Frau wurde die Brustoperation von ihren Eltern zur Matura, also zum Abitur geschenkt. Diese junge Frau war zuvor bereits in einer österreichischen Talkshow aufgetreten, um öffentlich über ihre Unzufriedenheit mit der Form ihrer Brüste zu sprechen. Erwähnenswert scheint mir, dass sie sich bis dahin mit diesem Problem aus Scham weder ihren Eltern noch ihren Freundinnen anvertraut hatte, sich jedoch offensichtlich nicht davor scheute, öffentlich vor Publikum sehr genau darüber zu sprechen und sich für eine Bildreportage zur Verfügung zu stellen.
Jeweils ganzseitig berichteten die "Vorarlberger Nachrichten" an zwei aufeinander folgenden Tagen 2005 über eine Brustvergrößerung an einer 24-jährigen Frau. Auch hier fällt auf, dass die junge Frau zwar Probleme hatte, sich im Sommer im Schwimmbad zu zeigen (sie empfand ihre Brüste als zu klein), sich aber für eine Bilddokumentation, die sie mit nackten Brüsten vor und nach der Operation zeigt, fotografieren ließ.
In beiden Fällen weisen meines Erachtens diese Widersprüche eher auf ein psychisches Problem hin als auf die Notwendigkeit einer Schönheitsoperation. Analytisch betrachtet, könnte der Wunsch (die Sehnsucht) nach einer größeren Brust bedeuten, sich die nicht erhaltene nährende Mutterbrust (Muttermangel, Verlust der körperlichen und seelischen Zuwendung) selbst einzuverleiben. Auch wenn das ästhetische Ergebnis einer Brustoperation für die Patientin vorerst gelungen zu sein scheint, stellt sich oft nach geraumer Zeit wieder Unzufriedenheit ein. Ein Mangel, der unbewusst bleibt, kann niemals gesättigt werden.
Eine telefonische Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes "market" Ende Januar 2007 unter 511 repräsentativ ausgewählten Personen ab fünfzehn Jahren ergab, dass 33 Prozent der Frauen in Österreich bereit wären, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Zurzeit werden in Österreich im Jahr etwa
50 000 Schönheitsoperationen durchgeführt - davon 90 Prozent bei Frauen.
Ein Mangel, der unbewusst bleibt,
kann niemals gesättigt werden.
Eine Studie der Karmasin-Motivforschung aus dem Jahre 2007 im Auftrag der Stadt Wien belegt, dass rund 60 Prozent der Österreicherinnen aufgrund medialer Vorbilder mit ihrem Körpergewicht unzufrieden sind und bereits mindestens eine Diätphase hinter sich haben - wobei Diäten häufig den Einstieg in die Essstörung bedeuten und auch paradoxerweise oft zu Übergewicht führen. Als Motive für diese Diäten werden hauptsächlich Streben nach Schönheitsidealen und einem höheren Selbstwertgefühl genannt. Statistisch hat die Unzufriedenheit des Menschen mit dem eigenen Körperbild enorm zugenommen. Die Auswirkungen des Schönheitskultes sind für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft verheerend, da diese Unzufriedenheit und Verunsicherung von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden.
Eine von mir durchgeführte qualitative Studie (2006) konnte einen Zusammenhang zwischen dem Verlust einer weiblichen Genealogie und der Entstehung von Essstörungen bei Frauen und Mädchen belegen. Eine zentrale Rolle in der Entwicklung des weiblichen Körperbildes spielt die Mutter. Ist die Mutter in ihrer eigenen Weiblichkeit verwurzelt, überträgt sich das unmittelbar auf ihre Tochter: Das Mädchen kann sich mit einer Weiblichkeit identifizieren, die sich voll, satt und kraftvoll anfühlt. Mehrere Autorinnen und Autoren haben beschrieben, wie die "Weiblichkeit" des kleinen Mädchens eng mit der Einstellung der Mutter zu sich selbst als Frau und mit ihren Gefühlen über die Tochter als Mädchen zusammenhängt.
Körperlichkeit der eigenen Töchter
von Müttern oft als negativ empfunden.
Nicht selten erlebt sich allerdings die Mutter als ohnmächtig und ihre Weiblichkeit als mangelhaft und makelbehaftet. Dies kann sich unter anderem in der Ablehnung des eigenen Körpers ausdrücken oder darin, dass sie mit dem Älterwerden hadert. Da die Mutter eine zentrale Vorbild- und Modellwirkung auf das Mädchen hat, verhindert dies bei ihr nicht selten die Entwicklung eines positiven Empfindens ihrer weiblichen Körperlichkeit. Unbewusst versucht dann die Tochter, den vermeintlichen Mangel oder Makel der Mutter auszugleichen, verliert dadurch aber die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse.
Innere Spannungen und Konflikte sind die Folge, die in der Pubertät, in der es auch um Ablösung und Autonomie geht, nicht mehr lösbar sind und unerträglich werden. Als eine vermeintliche Lösung kann dann eine Essstörung entwickelt werden. In einer qualitativen Untersuchung von Müttern und ihren heranwachsenden Töchtern von Karin Flaake (2001) zeigte sich, dass es Müttern im Allgemeinen eher schwer fällt, ihre heranwachsenden Töchter mit einem wohlwollenden, anerkennenden Blick zu sehen und sie auf ihrem Weg in ihr Frauenleben neutral und unterstützend zu begleiten.
Die Körperlichkeit der Töchter wird von den Müttern oft sehr negativ beschrieben, wobei sie vor allem das an ihren Töchtern kritisieren, was sie an ihrem eigenen Körper nicht annehmen können. Nur jene Frauen, die mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind, in einer befriedigenden Partnerschaft leben und das Älterwerden als normalen Lauf der Dinge annehmen können, können auch positiv und wertschätzend auf ihre heranwachsenden Töchter reagieren.
Was es bedeuten kann, auf dem Weg zum Frausein nicht auf die so notwendige Unterstützung durch die Mutter zurückgreifen zu können, zeigt auch folgendes Beispiel aus meiner psychotherapeutischen Praxis: Eine 27-jährige Klientin bekam mit dreizehn Jahren die erste Regelblutung und lief sofort zu ihrer Mutter, um ihr das Ereignis zu erzählen. Die Mutter reagierte nicht, wie erwartet, mit Anteilnahme und Freude, sondern voller Mitleid und vermittelte ihrer Tochter all ihre eigenen negativen Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrem Frauwerden. Das schockierte das junge Mädchen so sehr, dass sie ab nun alles unternahm, um keine Regel mehr zu bekommen. Sie begann zu hungern und um das Ausbleiben der Menstruation zu beten. Schamhaft und mit Freudentränen in den Augen berichtete sie in der Therapie, dass sie jetzt als 27-Jährige endlich wieder die Regel bekommen habe.
Doppelbotschaften der Medien
Die Medien spielen eine zentrale Rolle bei der Etablierung von Schönheitsidealen. Das Fernsehen macht heute zusammen mit dem Internet, der Allgegenwart der Werbung im öffentlichen Raum und der visuellen Ausrichtung der Printmedien ein Außerhalb dieser Matrix beinahe unmöglich. Zudem wird gemeinhin in ein und demselben Medium auf der einen Seite über das Problem der Magersucht bei Models berichtet, auf der anderen Seite werden magersüchtige Topmodels und Prominente verherrlicht. Gerade die Doppelbotschaften der Medien und das daraus resultierende Spannungsfeld einerseits und die Unglaubwürdigkeit des "moralischen" Gegenübers andererseits bedeuten für die anfällige Konsumentengruppe - das heißt für selbstunsichere, akzeptationsbedürftige, für Essstörungen empfängliche Mädchen und Frauen - eine Wiederholung des in ihrer eigenen Geschichte Erlebten und lösen daher verstärktes Interesse, aber auch eine weitere Identitätsdiffusion aus.
Wie ließe sich dieser Entwicklung sinnvoll entgegenwirken? Hier wäre vor allem ein Umdenken im Bildungs- und Gesundheitsbereich notwendig. Die verantwortlichen Instanzen scheinen noch nicht erkannt zu haben, welches Ausmaß die gesamte Essstörungsproblematik angenommen hat - im Kindes- und Jugendalter zählen sie zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen. Auch wäre eine gesetzliche Regelung, die jene "perversen" Auswüchse wie Brustvergrößerungsoperationen im jugendlichen- und adoleszenten Alter verbietet, notwendig.
Schon längst sind die Medien zu einer bedeutenden Erziehungsinstanz geworden. Den meisten Menschen ist dies kaum oder überhaupt nicht bewusst. Hier könnten zum Beispiel in Form einer (verpflichtenden?) Erwachsenenbildung Eltern über die Bedeutung und Gefahren der Medien aufgeklärt werden. Selbst sämtliche im pädagogischen Bereich tätigen Personen (Kindergärtnerinnen, Erzieher, Lehrerinnen) werden nicht oder nur mangelhaft im kritischen Umgang mit Medien geschult. "Kritische Medienbetrachtung" sollte ein Bestandteil ihrer Ausbildung sein. Erst ein emanzipatorisches Verhalten kann aus all den Abhängigkeiten, die sich aus einem unkritischen Konsumentendasein ergeben, befreien.
Christian Zitt war zwölf Jahre lang Leiter der psychotherapeutischen Abteilung im "sowhat", einer Essstörungsambulanz in Wien und arbeitet heute als niedergelassener Psychotherapeut.
Literatur
Christian Zitt: Vom medialen Körperkult zum gesellschaftlichen Krankheitsbild. Praesens Verlag, Wien 2008, 325 Seiten, Euro 29, 20.
Erschienen in zeitzeichen Februar 02/2010.
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