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Zettel am Wunschbaum

Von der Hauptschule in die Arbeitslosigkeit? Andrea wehrt sich

Julia Friedrichs, Eva Müller, Boris Baumholdt

Für viele Jugendliche in Deutschland gleicht es einem Wunder, wenn sie einen Arbeitsplatz bekommen. Von einem berichten die Autorinnen und Autoren - aber sie lassen keinen Zweifel: Wunder sind selten.

(Foto: picture-alliance)

In der letzten Stuhlreihe der achten Klasse kramen die Mädchen in dem, was sie Schultasche nennen: ein kleines Mäppchen, darin Handy, Lipgloss, eine Büroklammer - vielleicht ist das Piercing-Loch der Sitznachbarin wieder zugewachsen. "Mehr brauche ich hier nicht", sagen sie. Kein Buch, kein Heft, denn an der Fröbelschule, der Förderschule in Wattenscheid, gibt es für die oberen Klassen schon seit einiger Zeit keinen normalen Unterricht mehr. Mit dem Gong kommt Rektor Christoph Graffweg in die Klasse mit den gelben Wänden. Er hat sein orange-grünes Holzfällerhemd an, Jeans, die Kette mit den Schulschlüsseln klimpert an seinem Gürtel. "Guten Morgen und hinsetzen!", dann holt er das Unterrichtsmaterial der achten Klasse aus der braunen Leder-Tasche: ALDI-Prospekte, von letzter Woche. "Ich möchte, dass ihr aus den Angeboten ein Frühstück zusammenstellt, möglichst billig, ihr wisst Bescheid."

Zwei Drittel der Eltern sind arbeitslos

Christoph Graffweg ist 52 Jahre alt und seit vier Jahren Rektor an der Fröbelschule. Weil in seiner Zeit hier nur vier seiner Schüler nach dem Abschluss einen Ausbildungsplatz bekamen, hat er den Lehrplan inzwischen komplett umgeworfen. Und so steht inzwischen neben Geometrie und Grammatik auch Hartz IV auf dem Stundenplan.
Die regulären Schulbücher hat Christoph Graffweg aus seinen Klassen verbannt. Während die Schüler rechnen, hat er Zeit uns zu erklären, warum. "Die meisten, die hier sitzen, kommen zu Hause mit ganz wenig Geld klar. Zwei Drittel der Eltern meiner Schüler sind arbeitslos", sagt Christoph Graffweg. "Vor fünf Jahren war das nur ein Drittel! Und diese Schüler hier haben heute nicht einmal mehr die Chance auf einen gering qualifizierten Arbeitsplatz." Seine Aufgabe sei es, die Schüler auf das Leben nach der Schule vorzubereiten. "Ich sehe als einzige Perspektive für sie im Moment die Arbeitslosigkeit, Hartz IV. Und wie sie damit umzugehen haben, lernen sie hier im Unterricht, mit diesen ganz besonderen Inhalten."

"Ich habe eigentlich nur den Lehrplan uminterpretiert", sagt Christoph Graffweg, während er seine Sachen packt und die Klasse wechselt. Für die Schüler heißt das konkret: statt Vorbereitung auf eine Ausbildung, Vorbereitung auf das Leben ohne Arbeit. "Wo sonst Hans der Häuslebauer in den Rechenbeispielen unterwegs war, ist es bei uns jetzt der Arbeitslose Klaus", sagt Christoph Graffweg. In Klasse 9, gleich nebenan, sucht der Arbeitslose Klaus nur eine Schulstunde später eine Wohnung. Es ist die Abschlussklasse, die Klasse von Andrea.

                                       An die eigenen Zukunft glauben

Andrea will nicht glauben, dass sie keine Perspektive haben soll. Sie ist siebzehn, fleißig, hört immer zu, bemüht sich, damit ihr Leben doch noch einen anderen Weg nimmt, als der, der so deutlich vorgezeichnet zu sein scheint. Andrea will nach der Schule nicht von Hartz IV leben. "Ich möchte auf jeden Fall eine Ausbildung machen", sagt Andrea bestimmt und wirkt plötzlich gar nicht mehr so verschüchtert. Andrea ist groß und dünn. Ihre blonden Haare trägt sie meist offen. Aus ihrer Hose ist sie schon lange herausgewachsen, das Shirt ist ausgeblichen.
Die Schule ist ihr sehr wichtig, aber manchmal fehlt Andrea trotzdem. Sie wird dann zu Hause gebraucht.

Ihre Eltern leben getrennt. Sie ist bei ihrem Vater geblieben, ihre Mutter vermisst sie nicht, sagt sie. Die neue Frau ihres Vaters mag sie dagegen sehr. Andreas Stiefmutter ist an Lungenkrebs erkrankt. "Austherapiert", sagen die Ärzte. Seit drei Monaten pflegt die Familie sie zu Hause. Die Wohnung hat drei Zimmer. In einem liegt Andreas Stiefmutter am Tropf in einem höhenverstellbaren Krankenbett. "Zu machen ist nichts mehr, also darf sie zu Hause sterben", sagt Andreas Vater. Er hat seit fünf Jahren keine Arbeit. Er hat Maler gelernt und seinen Meister gemacht, danach auch mal als Maurer gearbeitet. "Jetzt kann ich in beiden Berufen nicht mehr arbeiten, da ich einen Herzinfarkt hatte und eine Krebsoperation hinter mir habe", sagt er.

Er glaubt, dass Andreas Zukunft so ähnlich aussehen wird wie seine Gegenwart. Keine Arbeit, eine Wohnung, die der Staat bezahlt. Viel mehr könne seine Tochter wohl nicht erreichen, meint er. "Das muss man so klar sehen. Wenn sie jetzt ein Kind haben, das nicht weiter kommt, als bis zur Hauptschule, dann kommt es nicht weiter. Wenn Kinder nicht weiterlernen können, dann können sie nicht weiterlernen. Man kann keine Weisheiten in ein Kind hineinprügeln." Und für die, die nur den Hauptschulabschluss schaffen, seien eben keine Arbeitsmöglichkeiten mehr da, sagt Andreas Vater. "Damit muss man sich abfinden. Man muss Realist bleiben. Man kann den Kindern keine sieben Wolken an den Himmel malen, weil das nichts bringt. Die fallen nachher auf den Boden und wissen nicht mehr, was passiert." Ob er sich denn vorstellen könne, dass das für die Kinder sehr hart sei, so etwas zu hören. "Ja sicherlich", sagt er. "Weil viele Kinder sich vielleicht doch Hoffnungen machen, irgendwo unterzukommen."

"Realist bleiben"

Auch diesmal hat Andrea wieder genau zugehört, und auch diesmal will sie nicht einfach nicken. "Ich sehe das anders", sagt sie. "Wenn ich mich bemühe, dann schaffe ich es auch. Man muss es nur wirklich wollen und wenn man es will, dann schafft man es auch." Andreas Vater nickt. Aber überzeugt ihn das, was seine Tochter sagt? "Die Andrea hat sich ja jetzt um zwei, drei Ausbildungsplätze bemüht", sagt er. "Und wenn wir Glück haben, dann klappt es bei Kaufland." Fester Glaube klingt anders.

Drei Monate später. Für Andrea ist das heute kein guter Tag. Sie kommt gerade vom Kaufland, dem Supermarkt, bei dem sie gerne nach der Schule ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau angefangen hätte. "Die haben schon welche." Sie guckt ins Leere. "Schade. Ich hätte gerne dieses Jahr da mit der Ausbildung angefangen. Aber was nicht ist, ist nicht." Andrea ist mit ihrem Problem nicht allein, bisher hat keiner ihrer Mitschüler hier eine Ausbildungsstelle gefunden. Weil das so ist, bereitet Klassenlehrerin Eva Herkendell ihre Schüler jetzt auf viel Freizeit vor. "Nächste Aufgabe! Überlegt euch doch mal, was ihr in eurer Freizeit alles machen könnt, hier in Wattenscheid. Was kann man machen? Euch wird bestimmt etwas einfallen!" Andrea knabbert an ihrem Stift: Was kann man machen? Kino fällt ihr ein, malen, spazieren oder ins Internet-Café gehen. Im Nu haben sie ein ganzes Plakat gefüllt. Bei den anderen sieht es ähnlich aus: Chatten, Schwimmen, Kaffee trinken.

"Nächster Arbeitsschritt!", ruft Eva Herkendell. "Ihr kreist jetzt ein, am besten mit einem roten Stift, all die Freizeitmöglichkeiten auf eurem Plakat, die Geld kosten." Andrea konzentriert sich: "Schwimmen - kostet Geld, Internetcafé - kostet Geld." Am Ende der Stunde hängen alle Schüler nach und nach ihre Plakate an die grüne Tafel und präsentieren die Ergebnisse. Trocken fasst Eva Herkendell schließlich zusammen: "Umsonst ist eigentlich nur Spazierengehen. Wenn ihr nach der Schule arbeitslos seid, also von Arbeitslosengeld II lebt, dann habt ihr für die meisten Dinge nicht so viel Geld zur Verfügung." Aber viel Zeit werden ihre Schüler zur Verfügung haben, viel Freizeit. Jetzt sollen sie lernen, wie sie die dann möglichst kostengünstig rumkriegen.

                    Umsonst ist eigentlich
                                  nur Spazierehngehen. 

"Nehmen Sie ihren Schülern auch manchmal bewusst die Hoffnung?" fragen wir sie. "Ja, klar. Und dann sehe ich meine Aufgabe eigentlich eher darin, dass man grundsätzliche Werte vermittelt, wie gehe ich durchs Leben, auch wenn manches schief läuft, ohne dass ich total abrutsche. Das sehe ich dann eher als meine Pflicht." Zwei Wochen sind es noch bis zum Abschluss. Den ersten Termin beim Arbeitsamt hat Andrea schon ausgemacht. An einem warmen Junitag geht Andrea zum letzten Mal zur Fröbelschule. Sie ist nicht gut drauf. Vor zwei Wochen ist ihre Stiefmutter gestorben. Eben war Andrea noch auf dem Friedhof, wie jeden Tag vor der Schule. Ab morgen ist es mit der Schule vorbei. Die jüngeren Schüler haben auf dem Hof einen Wunschbaum gebastelt. Auf bunten Zetteln kann die Abschlussklasse ihre Wünsche für die Zukunft aufschreiben und den Baum dann damit schmücken. Direkt auf dem ersten, rosa Zettel steht in Großbuchstaben: entlich sind die weg.

Andreas Klassenlehrerin Eva Herkendell steht direkt neben dem Wunschbaum über einen Kinderwagen gebeugt. Es gibt schon das erste Baby in ihrer Klasse. Sabine hatte ihre Tochter kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag in den Osterferien bekommen, sie wird sich nun nach der Schule mit ihrem Freund erstmal um ihr Kind kümmern. Und die anderen? "Einige hier bekommen noch Bescheid vom Arbeitsamt, aber das dauert eben unglaublich lange. Das heißt, viele hier wissen noch gar nicht, was passiert", erklärt die Lehrerin. "Ich soll mich da ja auch noch mal melden", sagt Andrea zaghaft. "Mmh", Eva Herkendell nickt und schiebt für uns hinterher: "Ein ganz fester Bestandteil vom Tagesablauf bricht jetzt weg für die Schüler. Das heißt, viele gehen nun in die Sommerferien und mal sehen, wie lange die dann dauern sozusagen." Manche hier sagen: Ferien für immer.

"Susanne, Kippe aus, es gibt Zeugnisse!", Rektor Graffweg ruft seine Schüler zusammen und bereitet sich in der kleinen Aula, die eher ein breiter Schulflur ist, auf seine Abschlussrede vor. Die Schüler sind da, die meisten Eltern auch. Es gibt Kaffee und Kuchen. Christoph Graffweg hat das karierte Hemd zugeknöpft, einen dunklen Schlips angezogen. Auch wenn er genau weiß, in was für eine Zukunft er seine Schüler heute entlässt, etwas festlich soll dieser Tag schon sein. Dann geht es endlich los: "In den Zeugnissen, die ich gelesen habe, habe ich erkannt, dass es einige von euch gibt, die sehr, sehr gute Leistungen erbracht haben." Andrea hebt den Kopf und sieht nach vorne. "Aber: Keiner von euch wird eine Ausbildung beginnen!" Christoph Graffweg hat sich vorgenommen, auch heute konsequent zu bleiben. "Finanzielle Sicherheit, ein eigenständiges Leben zu führen, steht für euch noch in weiter Ferne. Ihr werdet euch noch mehr Mühe geben müssen, denn nur mit Weiterqualifizierung, Weiterlernen wird es möglich sein, dass ihr irgendwann vielleicht doch eine Ausbildung bekommt. Wer die Mühe und die Anstrengung nicht auf sich nimmt, wird keine Chance haben, wird vielleicht in irgendwelchen Ein-Euro-Jobs bei Hartz IV landen."

                               Mit etwas Mühe wenigstens Ausblick
                                                      auf einen Ein-Euro-Job

Andrea guckt auf den Boden. Auf einmal ruft Mehmet dazwischen: "Sie machen uns ja voll Hoffnung!" "Ich beschreib die Wirklichkeit", kontert Rektor Graffweg. "Ich kann euch da keine Hoffnungen machen. Kein Lehrer ist froh, dass das so ist, ich bin nicht froh und ihr seid auch nicht froh, aber das sind die Sachen, die auf euch warten." Und als es dann soweit ist und Andrea vom Rektor ihr Zeugnis in die Hand bekommt, muss sie erstmal ein paar Tränen wegwischen. "Ich musste eben schon fast heulen", sagt sie ganz leise. "Ist schon schade, dass wir jetzt hier weg müssen."

Andrea verlässt den Raum, sie hat auf der Fröbelschule einen guten Hauptschulabschluss gemacht. Aber gereicht hat das trotzdem nicht.
Bei Andrea zu Hause klingelt das Telefon. Ein Jahr ist ihr letzter Tag in der Fröbelschule inzwischen her, seitdem macht sie ihr berufsvorbereitendes Praktikum im Kaufland. "Andrea, das ist für dich", ruft ihr Vater und ahnt noch nicht, wie sehr dieser Anruf den Alltag seiner Tochter verändern wird. Während des Telefonats wird Andrea immer stiller, sagt ein paar Mal leise 'ja' und 'wirklich?', legt schließlich auf und sagt noch: "Ja, ich rede mit meinem Vater darüber." Das Telefonat kam aus dem Schwarzwald. Ein paar Wochen zuvor war die Geschichte von Andrea im Fernsehen zu sehen gewesen, eine Wiederholung. Der Direktor eines Fünf-Sterne-Luxus-Hotels hatte den Film gesehen. "Die wollen, dass ich zu ihnen komme!" Andrea kann es nicht glauben. "Die denken, dass sie mich gebrauchen können. Die haben gesagt, ich habe einen starken Charakter. Die haben gesagt, sie finden das gut, wie ich meine Sache mache. Die wollen, dass ich bei ihnen Probe arbeite."

Andrea, Auszubildende. Andrea zeigt auf das kleine Namensschild auf ihrer Jacke und strahlt. "Besser, was?" Sie hat es geschafft. Nach drei Tagen Probearbeit hat der Hotelchef ihr einen Ausbildungsplatz angeboten. "Ich werde es einfach versuchen", sagt sie. Drei Jahre wird Andrea im Schwarzwald bleiben, weit weg von allen Problemen zu Hause. Sie wird mit den anderen Azubis in einem Haus wohnen, in die Berufsschule gehen, ihr verdientes Geld nur für sich behalten. Woher Andrea kommt, weiß nur der Hoteldirektor, und das soll auch so bleiben. Sie wird mit den Realschülern und Gymnasiasten ihre Ausbildung machen, als eine von Vielen. 


INFORMATION
Die Autoren haben mit anderen eine Serie von neun Dokumentarfilmen über das Leben am unteren Rand der Gesellschaft gemacht, die in den Jahren 2005-08 im WDR liefen. Von ihnen ist erschienen: Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009, 208 Seiten, Euro 14,95.

Erschienen in zeitzeichen Januar 01/2010.

 

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