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Der Putz blättert

Die Zukunft des deutschen Judentums ist nicht so rosig, wie viele hoffen

Philipp Gessler

Von den jüdischen Gemeinschaften der Welt wächst die deutsche am schnellsten. Doch was so eindrucksvoll aussieht, verdeckt viele Probleme, zeigt Philipp Gessler, Reporter der taz.

Die Kuppel von Berlins "Neuer Synagoge". (Foto: dpa/Rainer Jensen/ Jens Kalaene)
Die Kuppel von Berlins "Neuer Synagoge". (Foto: dpa/Rainer Jensen/ Jens Kalaene)

Die neue Blüte des Judentums in Deutschland ist vielleicht vor einiger Zeit, an einem Sommerabend in Berlin verwelkt: Im überhitzten jüdischen Gemeindezentrum nahe des Kurfürstendamms waren an die hundert Mütter und Väter versammelt, deren Kinder im neuen Schuljahr die erste Klasse der jüdischen Heinz-Galinski-Grundschule besuchen sollten. Eigentlich ein freudiges Ereignis, doch die Emotionen schlugen hoch, und es wurde geschrien. Vergeblich baten mehrere Anwesende immer wieder um Ruhe. "Machen Sie Ihre Hausaufgaben!", wurden die Mitglieder des Gemeindevorstands angefahren. Und ein Vater warnte: "Wenn wir unsere Kinder aus der Schule rausnehmen, dann ist es mit dem Jüdischen vorbei."

Worum ging es - und warum ist dieser Vorfall bezeichnend für den Zustand des Judentums in Deutschland insgesamt? Obwohl in den vergangenen zwei Jahrzehnten 22.0000 jüdische "Kontingentflüchtlinge" (wie der juristische Terminus lautet) nach Deutschland eingewandert sind, verzeichnet die Hauptstadtgemeinde, die größte der Bundesrepublik, gerade einmal 11.000 Mitglieder. Und viele von ihnen müssen ihre Kinder jeden Morgen durch die ganze Stadt in den Grunewald im Südwesten Berlins transportieren lassen, wollen sie ihnen eine jüdische Schulausbildung ermöglichen. Denn bisher gab es nur eine jüdische Grundschule in der Bundeshauptstadt. Deshalb karrt die Gemeinde die Sechs- bis Zwölfjährigen nach einem ausgeklügelten System mit Bussen in die Schule. Und das kostet natürlich Geld - 310.000 Euro im Jahr. Der Anteil der Eltern war bisher gering, er betrug insgesamt 85.000 Euro. Den Rest schoss die Gemeinde zu. Doch an jenem Sommerabend verkündete Schuldezernentin Mirjam Marcus den konsternierten Eltern, die Gemeinde könne die Schulbusse nicht länger bezuschussen. Schon vor einem Jahr hatte der Senat seine jährliche Finanzhilfe von 79.000 Euro gestrichen. Und das 15-Millionen-Defizit im Gemeindehaushalt erlaube keine weitere Subventionierung der Fahrtkosten durch die Gemeinde, erklärte Marcus. Die Eltern müssten daher selbst für die Fahrtkosten von 180 Euro im Monat aufkommen. Bisher zahlten sie pro Kind nur 40 Euro. Und schon das war, weil noch das Schulgeld dazu kommt, für viele Gemeindemitglieder zu viel.

Die Geschichte illustriert wie in einem Brennglas die Probleme der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands, mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust: die Armut der meisten Mitglieder, die Schwierigkeiten bei der Integration derer, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, den heutigen GUS-Staaten zugewandert sind, und die Abhängigkeit der jüdischen Gemeinden vom Staat.

Will man diese Probleme verstehen, muss man mit dem Holocaust beginnen: Von den rund 500.000 Juden, die 1933 in Deutschland lebten, waren beim Ende des Nazismus gerade einmal 23.000 übrig geblieben. Die meisten von ihnen, rund 12.000, waren mit Christinnen oder Christen verheiratet und dadurch mehr oder weniger geschützt. Rund 8.000 hatten die Vernichtungslager überlebt. Und sehr wenige hatten sich mithilfe nichtjüdischer Deutscher - unter schwierigsten Bedingungen - verstecken können. Unmittelbar nach der Befreiung Europas vom Nazismus schwoll dann die Zahl der Juden in Deutschland überraschend an, auf 200.000. Dies war auf die "Displaced Persons" zurückzuführen, Mittel- und Osteuropäer, die die Judenvernichtung überlebt, aber alles andere verloren hatten, Familie, Beruf, Heimat. Im Chaos der Nachkriegszeit waren sie in Deutschland gestrandet. Doch die meisten wollten das Land der Täter natürlich so schnell wie möglich verlassen. Und das taten sie auch. Daher blieben Anfang der Fünfzigerjahre gerade 20.000 Juden in Deutschland übrig. Und fast alle jüdischen Gemeinden des Landes verstanden sich als "Gemeinden in Abwicklung". Zwar stieg die Zahl der Juden dann bis 1989 noch einmal auf etwa 30.000, 350 davon in der DDR. Doch letztlich war das Judentum im Deutschland der Wendezeit de facto am Ende: Von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden war knapp die Hälfte 60 Jahre alt oder älter, und auf durchschnittlich drei Geburten jährlich kamen zwischen 40 und 50 Todesfälle.

Viele nichtjüdische Ehepaare

In dieser Situation beschloss die frei gewählte Volkskammer der untergehenden DDR im Juli 1990, Juden die Einwanderung zu ermöglichen und ein Bleibe- und Arbeitsrecht zu gewähren, als Eingeständnis deutscher Schuld und der Verantwortung für die Zukunft des Judentums in Deutschland. In der Folge kamen wegen des Antisemitismus und fehlender Zukunftschancen bis 2003 jährlich bis zu 20.000 Juden aus den Staaten der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland. Hätte es diese Zuwanderung nicht gegeben, hätten die hiesigen jüdischen Gemeinden heute nur noch 12.000 Mitglieder.
Doch von den etwa 220.000 eingewanderten Juden traten nur etwa 90.000 den 112 jüdischen Gemeinden bei. Warum? Zum einen wurden viele von den Gemeinden nicht aufgenommen, weil sie nur einen jüdischen Vater hatten. Das reichte zwar in der Sowjetunion aus, um staatlicherseits als Jude zu gelten. Doch nach jüdischer Tradition gelten als Jude oder Jüdin nur Menschen, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden (oder zum Judentum übertreten).

Zum zweiten haben viele Einwanderer schlicht keine Ahnung vom Judentum, weil sie ihre Religion in der alten Sowjetunion wie im neuen Russland nur schwer praktizieren konnten. Zwar fühlen sich viele aufgrund ihrer Familiengeschichte und kulturellen Identität als Juden. Aber sie leben ihr Judentum kaum. Schon gar nicht besuchen sie Gottesdienste, wo auch noch hebräisch gebetet wird. Außerdem haben viele jüdische Einwanderer nichtjüdische Partner, was die Verankerung in der jüdischen Gemeinde weiter er­schwert. Auch deshalb sind jüdische Schulen so wichtig. Denn sie können über die Kinder auch den Eltern das Judentum näher bringen. Daher war es nicht übertrieben, wenn bei dem Elternabend in Berlin einer der Väter warnte, dass es "mit dem Jüdischen vorbei" sei, wenn die Eltern ihre Kinder aus der jüdischen Grundschule abmelden würden.

Ein weiteres Problem für die so stark gewachsenen jüdischen Gemeinden und ihre Mitglieder ist das Geld. Nach Schätzungen des Zentralrats der Juden müssen etwa drei Viertel der Einwanderer von Sozialhilfe leben. Denn viele sind arbeitslos, obwohl ein hoher Prozentsatz Akademiker ist. Aber viele tun sich schwer, ihre Diplome in Deutschland anerkennen zu lassen. Denn ihr Wissensstand entspricht häufig nicht den hiesigen Anforderungen. Und auch die fehlenden Deutschkenntnisse vermindern die Chancen auf einem ohnehin vollen Arbeitsmarkt.

Rund drei Viertel der Einwanderer
sind auf Sozialhilfe angewiesen.

In den jüdischen Gemeinden Deutschlands sind mindestens drei Viertel der Mitglieder Einwanderer. Meist stellen sie sogar über 90 Prozent, manchmal alle. So gibt es Gemeinden, in denen Russisch die Umgangssprache ist. Gerade wenn sich die Alten treffen, fühlt man sich dann wie auf einem Puschkin-Nachmittag in der sibirischen Provinz - was wiederum die alteingesessenen deutschsprachigen Juden vergrault. Die Hälfte der jüdischen Einwanderer ist freilich älter als 50 Jahre. So droht dem deutschen Judentum nach einer kurzen Blüte erneut eine schleichende Vergreisung. Und das hat auch finanzielle Konsequenzen: Wer arbeitslos ist oder Rente bezieht, zahlt keine Gemeindesteuer, die der Kirchensteuer gleicht und in den meisten Gemeinden ebenfalls von den staatlichen Finanzämtern eingezogen wird.

Angesichts ihrer Armut ist es verständlich, dass sich viele Eltern bei der Diskussion über den Bustransfer zur Heinz-Galinski-Schule im Berliner Gemeindenzentrum so erregten. Denn wer von Hartz IV lebt, kann sich schon die monatlichen 40 Euro für die Fahrt mit dem Schulbus kaum leisten, von der Erhöhung auf 180 Euro ganz zu schweigen. Daher wurden binnen weniger Wochen siebzehn jüdische Kinder von der Schule abgemeldet. Und dabei gehören einem Jahrgang an der Galinski-Schule ohnehin nur rund 50 Kinder an. Bezeichnend ist auch, dass es trotz Mahnungen in der Berliner Gemeinde Schulgeldrückstände in Höhe von 120.000 Euro gibt. Und das ist nicht weiter verwunderlich. Denn wo nichts ist, kann man nichts holen. Zwar ist das Schulgeld nach Einkommen gestaffelt, aber selbst geringe Summen können manche jüdischen Familien nicht aufbringen.

Finanziell sind die jüdischen Gemeinden stark von staatlichen Zuwendungen abhängig. Ohne sie müssten sie ihre Arbeit weitgehend einschränken. Ein Beispiel dafür ist wiederum Berlin. Die Hauptstadtgemeinde unterhält neun Synagogen, zwei Gemeindehäuser, vier Friedhöfe, ein Senioren- und ein Pflegeheim, eine Volkshochschule, ein Gymnasium und eine Grundschule. Der Haushalt umfasst 25 Millionen Euro. Doch dies ist ein scheinbarer Reichtum, der eine nur virtuelle Unabhängigkeit ermöglicht. Denn 80 Prozent der Gehälter der 400 Gemeindeangestellten zahlt das Land. Die Folgen dieser Abhängigkeit von der Öffentlichen Hand schilderte der Berliner Rabbiner Walter Rothschild in einem Zeitungsartikel so: "Die Gemeinden hier bekommen den Großteil ihrer Gelder, manchmal sogar alles, von der öffentlichen Hand. Wir werden von Nichtjuden bezahlt, um Juden zu sein! Ein solches System macht keine guten Juden."

Auch für diese Entwicklung ist die Galinski-Schule ein gutes Beispiel: Gegen Ende der fetten West-Berliner Jahre wurde das architektonisch anspruchsvolle Gebäude - mit viel Geld vom Senat - 1995 fertig gestellt. Doch die Folgekosten hängen nun wie ein Klotz am Hals der Gemeinde: Allein die Betriebskosten, Heizung und Reinigung, machen jährlich knapp 300.000 Euro aus. Außerdem müsste die Schule für knapp eine Million Euro renoviert werden.

Invesitionsbedarf gibt es überall

Der Putz blättert in vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands. Investitionsbedarf gibt es überall - und sei es in Deutschkurse für Einwanderer. Ein weiteres Problem ist, dass diese nicht in einigen wenigen Städten untergebracht, sondern nach einem Länderschlüssel über die ganze Bundesrepublik verteilt wurden. Das lässt einerseits das jüdische Leben auch abseits der Großstädte aufblühen, in Gemeinden, die bis dahin de facto tot waren. So leben in Bochum heute wieder so viele Juden wie 1932, nämlich 1.100.

Doch viele dieser Gemeinden werden auf Dauer nicht lebensfähig sein. Denn die meisten Mitglieder sind alt. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, sagte schon vor drei Jahren dem Spiegel: "Wenn wir von 89 Gemeinden in 20 Jahren noch 40 übrig haben, können wir glücklich sein; ich halte 10 bis 15 für realistischer."
Auch die Mitgliederentwicklung sieht Kramer eher pessimistisch. Er geht davon aus, dass die Zahl der deutschen Juden in den kommenden zwanzig Jahren um etwa ein Viertel sinken wird. Und in Zukunft können die demographischen Probleme nicht mehr durch den Zuzug aus dem Osten aufgefangen werden. Überstieg vor wenigen Jahren die Zahl der aus dem Osten nach Deutschland eingewanderten Juden noch die Zahl derer, die nach Israel auswanderten, hat sich nun das Blatt völlig gewendet: Aufgrund des neuen deutschen Einwanderungsgesetzes, das nach Absprachen mit dem Zentralrat 2007 in Kraft trat, ist die Zahl der zugewanderten Juden drastisch gesunken. Im vergangenen Jahr kamen noch vierzehn! Denn die Anforderungen an jüdische Einwanderer aus den GUS-Staaten wurden massiv erhöht: Sie müssen nun eine Gemeinde nachweisen, die sie aufnehmen will. Und das heißt, sie müssen von einer jüdischen Mutter geboren sein; der jüdische Vater reicht nicht mehr aus. Sie müssen darlegen können, dass sie in ihrer bisherigen Heimat irgendwie jüdisch aktiv waren. Und vor allem müssen sie etwas Deutsch sprechen können und eine "positive Integrationsprognose" haben. Diese Voraussetzungen können viele Alte und schlecht Ausgebildete aber nicht erfüllen. Nur Überlebende des Holocaust sind von diesen Bedingungen befreit.

Zurück zum Berliner Schulbusstreit: In der Hauptstadt wurden jüngst zwei neue jüdische Grundschulen gegründet, beide eher orthodoxer Richtung. Sie werden massiv durch auswärtige Geldgeber unterstützt. Und schon haben sie der Heinz-Galinski-Schule so viele Kinder und einen viel gerühmten stellvertretenden Rektor abgeworben, dass manche fürchten, die Gemeindeschule werde langsam untergehen. Andererseits zeigt sich hier aber auch die Vielfalt, die das neue deutsche Judentum auszeichnet. Das Judentum in Deutschland blüht also weiter, weil es bunter und spannungsreicher wird. Doch die Blütenträume der Jahrtausendwende sind ausgeträumt.

Erschienen in zeitzeichen 10/2008.

 

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