Wenn der Fahrstuhl kaputt ist
Auch unter Volkswirtschaftlern wächst die Einsicht, dass Gleichheit einer Gesellschaft gut tut
Mehr Gleichheit macht eine Gesellschaft gesünder. Neue Entwicklungsmodelle sollten sich deshalb weniger damit befassen, wie schnell eine Volkswirtschaft wachsen kann, sondern wie sie gerecht zu gestalten ist.
Die Diskussion über Alternativen zum herrschenden Wirtschaftsmodell hat sich über die Krise wieder belebt. Ökonomen unter Leitung von Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz entwickeln Ideen, wie sich Wohlstand und Wohlergehen in einem Land besser messen lassen als über die reine Wirtschaftsleistung und wie man sich also von der Fixierung auf das immer mehr, immer schneller, immer besser als die anderen befreien kann. Und die EU-Kommission beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die zunehmende soziale Spaltung innerhalb der Gesellschaften überwinden lässt.
Dagegen zeigt die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), dass das alte Denken unter den deutschen Ökonomen noch lange nicht überwunden ist. In ihrem Auftrag präsentierte Ulrich van Suntum, Professor am Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung Münster, aber ansonsten Kurator, Berater und Botschafter der INSM, einen "Indikator für Glück und Zufriedenheit". Ergebnis: Zu einer positiveren Lebenseinstellung führt - natürlich Gesundheit, aber vor allem eine wachsende Wirtschaft, ein hohes eigenes Einkommen und - ungleich verteiltes Einkommen.
Wohlergehen mehr als Wirtschaftsleistung
Die Begründung dafür ist dem Lehrbuch des Neoliberalismus entnommen, das die vergangenen Jahrzehnte die Wirtschaftspolitik mitbestimmt hat. Sie lautet ungefähr so: Wenn alle gleich viel haben, hat keiner mehr einen Anreiz aufzusteigen. Das blockiert die Weiterentwicklung der Wirtschaft, was nicht nur den Wohlhabenden schadet, sondern den Ärmeren auch die Chance auf das Erfolgserlebnis nimmt, sich aus dem Elend hochzuarbeiten und von der Masse abzusetzen. "Es macht die Menschen zufriedener, wenn sie etwas selbst erreichen, als wenn sie etwas vom Staat bekommen", so Suntum.
Noch vor ein paar Jahren hätte die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall und anderen Wirtschaftsverbänden getragene INSM damit den Zeitgeist getroffen. Aber der neoliberale Konsens ist zumindest in Teilen aufgekündigt. Bei einer Umfrage des Vereins für Socialpolitik, in dem Wirtschaftswissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum organisiert sind, erklärten jüngst mehr als 80 Prozent der 1.200 Befragten, sie stimmten der These zu, dass ungleiche Verteilung zu sozioökonomischen Schäden führt.
Was damit gemeint ist, erklärt der Harvard-Ökonom Larry Katz am Beispiel der USA: "Man muss sich die amerikanische Wirtschaft wie ein großes Wohnhaus vorstellen. Vor hundert und auch noch vor dreißig Jahren wollte alle Welt darin wohnen. Aber im Lauf der letzten Generation hat sich das Haus verändert. Die Penthouse-Wohnungen ganz oben werden immer größer und größer. Die Appartments in der Mitte fühlen sich immer enger an. Das Untergeschoss ist bereits überflutet. Und dann ist auch noch der Fahrstuhl kaputt - das deprimiert die Leute am meisten."
Der Internationale Währungsfonds bestätigt, dass die Ungleichheit weltweit zugenommen hat - und zwar vor allem in den vergangenen zwanzig Jahren. Betroffen sind vor allem die Industriestaaten, die ökonomisch prosperierenden Länder Asiens und die Schwellenländer.
Fettsucht, Gewalt,
Teenagerschwangerschaften
Wie sich das soziale und finanzielle Gefälle auf Gesellschaften auswirkt, untersuchen die britischen Sozialepidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson schon länger. "Wenn man den Quotienten der Einkommensungleichheit im Land kennt, weiß man ziemlich genau, wie sehr es von sozialen Problemen betroffen ist", sagt Pickett. Für ihr kürzlich auf Deutsch erschienenes Buch Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind haben die beiden 23 reiche Industrieländer unter die Lupe genommen. Darunter waren sowohl Länder mit großen Einkommensunterschieden wie Singapur, die USA, Portugal, Großbritannien, Australien und Neuseeland, als auch solche mit geringeren Unterschieden wie Japan, Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark.
"Dass Ungleichheit den Zusammenhalt der Gesellschaft untergräbt, glauben viele", sagt Wilkinson. "Doch wie sie sich auswirkt, gilt weithin als Frage von persönlichen Ansichten und Meinungen." Dem wollten die Wissenschaftler empirische Befunde entgegensetzen. Sie fragten, welche Folgen unterschiedliche Einkommensverteilungen auf die Lebenserwartung, Gesundheit, Fettsucht, schulische Leistungen, Gewalt, die Zahl von Teenagerschwangerschaften, die Stellung von Frauen und soziale Mobilität haben. Die Ergebnisse sind deutlich.
So ist soziale Mobilität, also die Möglichkeit zum Aufstieg, gerade in den Ländern am geringsten, in denen die Einkommen am weitesten gespreizt sind, zum Beispiel in Großbritannien oder den USA - was die Vorstellung von insm-Botschafter Suntum ad absurdum führt, mehr Ungleichheit sei für alle besser. Es zeigt auch, dass der Amerikanische Traum ausgeträumt ist: Heute heißt es eher vom Tellerwäscher zum Arbeitslosen als zum Millionär.
Auch bei den anderen Indikatoren schneiden die Länder mit großen Einkommensunterschieden besonders schlecht ab. In den USA ist die Säuglingssterblichkeit im ersten Jahr doppelt so hoch wie in Japan, die durchschnittliche Lebenserwartung mehr als vier Jahre geringer. Dass hohe Ausgaben für Gesundheit allein an dieser Tendenz nichts ändern, zeigen Pickett und Wilkinson am Beispiel zweier Babys, die in den USA und Griechenland geboren werden. Während die USA jährlich rund sechstausend Dollar pro Kopf für die medizinische Versorgung aufbringt, kommt Griechenland nicht einmal auf die Hälfte. Aber in den USA ist das Risiko, im ersten Jahr nach der Geburt zu sterben, um 40 Prozent höher und die Lebenserwartung 1,2 Jahre niedriger.
Stress und soziale Unsicherheit
Die Forscher schließen daraus, dass es für den gesundheitlichen Zustand einer Gesellschaft nicht entscheidend ist, wie verfügbar moderne Gerätemedizin ist. Statt dessen spricht Wilkinson lieber von "psycho-sozialen Faktoren, welche die Gesundheit beeinträchtigen". Die wichtigsten Faktoren für Stress, der das Krankheitsrisiko deutlich erhöht, seien "niedriger sozialer Status, schwache Freundschaftsnetze und schlechte Erfahrungen in der frühen Kindheit". Der Grund: Sie führen zu Selbstzweifeln und sozialen Unsicherheiten.
Und so geht es weiter: In stärker gespaltenen Gesellschaften bringen bis zu achtmal mehr minderjährige Mädchen Kinder zur Welt, es gibt bis zu dreimal mehr psychisch Kranke, bis zu zwölfmal mehr Fettleibige und bis zu zehnmal mehr Morde.
Dabei sind es nicht immer nur die Menschen am unteren Ende der sozialen Rangordnung, denen es schlechter geht. Das zu glauben, "zeigt nur, wie wenig wir über soziale Prozesse wissen", schreiben Pickett und Wilkinson. Dass auch die Mittelschicht zunehmend mit den Folgen von Ungleichheit oder Umverteilung von unten nach oben zu kämpfen hat, ist inzwischen bekannt. Es ist unter anderem die Angst vor einem sozialen Abstieg, die für die zunehmende Anzahl von Stress- und Suchterkrankungen verantwortlich ist. Aber: "Mehr Gleichheit bringt deutliche Vorteile auch für die Menschen in der obersten Berufsgruppe, auch für das reichste und am besten gebildete Viertel oder Drittel einer Gesellschaft, zu dem dann auch die kleine Minderheit der Superreichen gehört", so die beiden Forscher. In Ländern mit mehr Gleichheit seien alle gesünder und die Lebenserwartung sei in allen Schichten höher. Als mögliche Gründe führen sie an, dass sich die Menschen in Ländern, in denen die Einkommen nicht weit auseinanderdriften, eher vertrauten und sich auch sonst sicherer fühlten.
Ungleichheit und Machterhalt
Auch andere Wissenschaftler beschäftigen sich mit dem Phänomen Ungleichheit und Polarisierung von Gesellschaften. Christoph Butterwegge, Professor für Politologie an der Universität Köln, meint Ungleichheit sei durchaus gewollt. "Bei der neoliberalen Modernisierung handelt es sich um ein gesellschaftliches Großprojekt, das noch mehr soziale Ungleichheit schafft und schaffen soll, als es sie aufgrund der ungerechten Verteilung von Ressourcen, Bodenschätzen, Grundeigentum, Kapital und Arbeit ohnehin gibt." Die Motivation? Die Ungleichverteilung zusammen mit der unterschiedlichen Zugangschancen dienen dazu, bestehende Privilegien, Macht und Besitzverhältnisse zu sichern und fortzuführen.
Eine Konsequenz, so Butterwegge, sei die "Militarisierung, Brutalisierung, Verrohung vieler Gesellschaften wie auch der internationalen Beziehungen, wodurch sich Putsche, Bürgerkriege und Kriege häufen". Eine andere die "Ausdifferenzierung des Migrationsregimes": Während westliche Industrieländer ihre Grenzen für Eliten und Experten gern weit öffnen wollen, schotten sie sich immer mehr gegen Minderprivilegierte und Schutzsuchende ab.
Aber wie kommt man zu mehr Gleichheit? Das skandinavische Modell setzt auf eine - in den vergangenen Jahren allerdings zunehmend weniger - rigorose Umverteilungspolitik. Schweden, Dänemark und Co haben die höchsten Steuertarife weltweit, aber sie nutzen das Geld dazu, staatliche Infrastruktur ebenso auszubauen wie die sozialen Sicherungssysteme und den Bildungsbereich. Japan profitiert dagegen am meisten davon, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neubeginn hinlegte, bei dem die alten Eliten und damit tradierte Vorteile keine Rolle mehr spielten. Schon die Bruttoeinkommen sind dort sehr viel nivellierter als anderswo. Wilkinson und Pickett plädieren dafür, alle Möglichkeiten zu nutzen: "Wer der Ungleichheit nur mit einer Strategie begegnet, kämpft mit nur einem Arm."
Individuelle Opfer bringen
Die Sparprogramme, die die Regierungen der EU-Länder, insbesondere die deutsche, derzeit in Planung haben, zeigen jedoch, dass der politische Wille nicht einmal für zwei Finger reicht. Als absolut vordringlich gilt der möglichst rasche Abbau der öffentlichen Schulden, die vor allem durch die Rettung von Krisenbanken, aber auch durch die Konjunkturpakete entstanden sind. Dabei hat sich die Bundesregierung in Berlin durch ihre Schuldenbremse sogar selbst unnötig unter Druck gesetzt. Und wenn sie überhaupt höhere Steuern will, dann nur in geringem Maße - um die Konsolidierung voranzutreiben.
Dabei gibt es in Deutschland sogar eine Initiative, in der sich Millionäre zusammengeschlossen haben. Anders als die US-Milliardäre, die zuletzt ankündigten, einen großen Teil ihrer Vermögen für soziale Zwecke zu spenden, fordern sie eine höhere Besteuerung ihrer Einkommen und Vermögen. "Die Spender treten an die Stelle des Staates. Das geht nicht. Das ist nur ein schlechter Transfer von der Staatsgewalt hin zum Milliardärsgusto", zitiert Spiegel online den Hamburger Reeder und Multimillionär Peter Krämer. "Wer legitimiert diese Menschen zu entscheiden, wo solche riesigen Beträge hinfließen?"
Ein klar definiertes gemeinsames Ziel, eine nationale Aufgabe bewegt die Menschen nicht nur dazu, individuelle Opfer zu bringen. Es kann sie zugleich glücklicher und damit gesünder machen. So gab es in Großbritannien die höchste Lebenserwartung ausgerechnet im Zweiten Weltkrieg. Damals sank zwar der materielle Lebensstandard, aber wer arbeiten wollte, fand Arbeit. Und weil die Regierung die Kriegslasten durch eine entsprechende Steuerpolitik auf alle Teile der Bevölkerung verteilte, verringerten sich die Einkommensunterschiede, die Armutsquote halbierte sich, die Verbrechensrate sank.
Dabei muss es nicht gleich ein Krieg sein, um eine stärkere Umverteilungspolitik von oben nach unten zu forcieren. Vicente Navarro, Professor für Politik an der Pompell Fabra Universität in Barcelona, hat herausgefunden, "dass Länder mit starken Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften, in denen sozialdemokratische und sozialistische Parteien über längere Zeit regieren, stärkere Verteilungspolitiken und Ungleichheit reduzierende Maßnahmen entwickelt haben". Der Grund: Das "Gefühl für das soziale Eingebundensein, von Handlungsfähigkeit und Partizipation" sei unter diesen Bedingungen größer.
Umverteilung von oben nach unten
Auch Pickett und Wilkinson denken in eine ähnliche Richtung. Die Quelle der Einkommensunterschiede seien "die Unternehmen, in denen wir beschäftigt sind", schreiben sie: "Dort werden die Werte geschaffen, dort werden sie zwischen den Mitarbeitern je nach Stellung verteilt." Das Ergebnis: Die Chief Executive Officers (CEO), also die Vorstandschefs der 365 größten US-Firmen, erhalten heute mehr als fünfhundertmal höhere Bezüge als der Durchschnitt der dort Beschäftigten. Nimmt man alle börsennotierten Unternehmen, verdient ein CEO nach Zahlen des American Social Review, dem Magazin des Soziologenverbandes der USA, immer noch 44mal so viel wie ein in seinem Unternehmen beschäftigter Arbeiter, in Großbritannien 31mal und in Japan 16mal so viel.
Die britischen Buchautoren fordern deshalb, die Mitarbeiter demokratisch am Firmenvermögen zu beteiligen. "Wie es aussieht, haben auch die Entstaatlichung führender Industriezweige sowie die Privatisierung von Genossenschaftsunternehmen, die bislang von ihren Mitarbeitern kontrolliert wurden, zur Vergrößerung der Einkommensunterschiede beigetragen", heißt es. Betriebe in Arbeitnehmerhand bedeuteten nicht nur, dass die Löhne angeglichen würden, sie führten auch zu sozialer Partizipation, der Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sogar zu mehr Produktivität.
Das entspricht ziemlich genau den Vorstellungen der Gruppe Alternative Wirtschaftspolitik, die seit mehr als dreißig Jahren regelmäßig Memoranden veröffentlicht, in denen sie zeigt: Es gibt Alternativen zum politisch gestützten ökonomischen Mainstream in Deutschland. Wenn sich dieses Denken weiter durchsetzt, wird die insm deutlich mehr Phantasie entwickeln müssen, wenn sie mit ihren marktradikalen Dogmen dagegen halten will.
Beate Willms ist Redakteurin der taz.
Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2010.
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