Trost, Hilfe, Schutz
Wie die Liebe zwischen Geschwistern entsteht und sich entwickelt
Geschwisterbeziehungen werden heute positiver gesehen als noch vor fünfzig Jahren. Dazu haben auch Erkenntnisse der modernen Bindungsforschung beigetragen.
Die Fähigkeit zur Liebe gilt als höchstes Gut, weil sie den Menschen aus seiner Einsamkeit erlöst und als soziales Wesen in die Gemeinschaft einbindet. Beim Hinauswachsen über sich selbst und der Hinwendung zum anderen kann er seinen ganzen Reichtum an positiven Gefühlsempfindungen und Verhaltensformen entfalten. Diese bilden in Abhängigkeit von der jeweiligen Funktion und Stellung der geliebten Person ein unterschiedliches Spektrum aus. Liebe als Oberbegriff dieser humanen Kräfte umfasst neben der personenbezogenen Form auch Ideen und Tätigkeiten mit sozialen, kulturellen, geistigen und religiösen Zielsetzungen.
Wie lässt sich nun die Geschwisterliebe in diesen übergreifenden Kontext einordnen? Wie entsteht sie und welche Affekte, Wertorientierungen und Handlungsmuster sind für sie leitend?
Noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts standen Geschwisterbeziehungen in der öffentlichen Meinung unter keinem guten Stern. Von den Bruderdramen der griechischen Mythologie über das Alte Testament bis zu Shakespeares "Richard dem Dritten" galten sie als von Rivalität, Neid und tätlichem Hass geprägt. Der Begründer der Psychoanalyse Siegmund Freud lieferte später dazu mit seiner Entthronungs- und Traumatheorie im Zusammenhang mit der Geburt eines Geschwisters die wissenschaftliche Begründung. Sie erfreut sich zuweilen noch heute einiger Beliebtheit.
Entthronungstheorie
Eine fachliche Differenzierung des Geschwisterbildes wurde erst im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre durch die Weiterentwicklung einiger Wissenschaftszweige möglich. Dazu zählen vor allem die pränatale Psychologie, die Säuglings- und Kleinkindforschung, die moderne Bindungsforschung und soziologische Langzeitstudien über Lebensverläufe von Geschwisterbeziehungen. Die Mosaiksteine, die sie alle zu einem vollständigeren Bild von Geschwistern beigesteuert haben, zeigen uns die faszinierenden Facetten einer Bindung, die sich deutlich von anderen Beziehungen unterscheidet.
Dieser Text beschränkt sich auf ihre produktiven Seiten, das, was das Phänomen der Geschwisterliebe ausmacht. Damit sollen ihre destruktiven Kräfte nicht geleugnet werden. Aber sie entstammen ausschließlich pathologischen Familienstrukturen oder anderen ungünstigen Lebensumständen, die hier nicht näher diskutiert werden können.
Die pränatale Psychologie spricht von einer psychophysischen Einheit zwischen Mutter und Kind bereits in den frühen Schwangerschaftsmonaten. Ihre Qualität hängt eng mit der Eingestimmtheit der Mutter auf den Fötus und ihrem subjektiven und familiärem Wohlbefinden zusammen, während die Schwangerschaft ihrerseits die in einer Familie herrschenden Gefühle beeinflusst. So nimmt auch das ältere Geschwister intensiv an der emotionalen Neuorientierung teil. Es identifiziert sich mit der Erwartung und Freude der Mutter über das werdende Leben, krabbelt auf ihrem dicker werdenden Bauch herum, hört unter ihrer Anleitung das Herz des Fötus schlagen und fühlt seine Strampelbewegungen. Etwas Ungeheures geschieht: Es wird ein Geschwister bekommen.
Wenn das Kind sich genügend geliebt fühlt, verfügt es über genügend libidinöse Energie, die es auf den Neuankömmling übertragen kann, zumal es bisher keine Konflikte mit ihm oder Benachteiligungen durch die Eltern erleben muss. So entwickelt das Kind erste Bindungen an das Ungeborene, die als Vorläufer der Geschwisterliebe aufgefasst werden können.
Förderlich für die Entwicklung
Die Säuglings- und Kleinkindforschung hat die frühe und einseitige Auffassung Freuds über das Trauma der Geburt eines Geschwisters revidiert. Ihre umfangreichen Direktbeobachtungen konnten zwar die schmerzlichen Erfahrungen eines Kindes durch dieses Ereignis bestätigen. Viel entscheidender aber waren ihre Einblicke in den wechselseitig fördernden und beschleunigenden Prozess beider Geschwister bei der Überwindung der Mutter-Kind-Symbiose und der eigenen Weiterentwicklung. Ganz konkret rückten damit erstmals deren gemeinsamer Erfahrungsreichtum und ihre alltagsbestimmende Lebenswelt ins Blickfeld der Wissenschaft.
Das Baby ist in seiner Nacktheit und dem ungehemmten Ausleben seiner Triebbedürfnisse reine Natur. Das ältere Kind, das unter dem Druck der Kultur bereits Teile seiner primären Natur aufgegeben hat, kann sich in der kreatürlichen Freiheit des Geschwisters narzisstisch spiegeln und regressiv seine Naturverbundenheit neu beleben.
Auf diese Weise festigt sich die vorgeburtliche Bindung und nimmt immer reifere Formen an - im zeitlich fast unbegrenztem Zusammensein, im gemeinsamen Spiel, in der Zärtlichkeit des häufigen Körperkontaktes, im sprachlichen Austausch von Gedanken und Gefühlen, in der Bechwörung von Geheimnissen, in der Entwicklung einer Geheimsprache, die eine verschworene Gemeinschaft begründet und der gemeinsamen Abgrenzung und Bewältigung von Bedrohungen aus der Außenwelt dient.
Es sind diese von der Geburt an und über die langen Jahre der Kindheit reichenden Erfahrungen, die die besondere Art der Geschwisterliebe begründen. Denn diese Erfahrungen bleiben nicht äußerlich, sondern werden verinnerlicht und führen - abhängig vom Alter der Kinder - einen Wertekanon in ihre Beziehung ein, der zum bleibenden Bestandteil ihrer Persönlichkeit wird.
Mitleid und soziale Verantwortung
Was bedeutet das konkret? Das Erleben von Kinderkrankheiten, Verletzungen und Unfällen des einen erzeugt Fürsorge beim anderen. Das Leiden unter Enttäuschungen und Kränkungen eines Geschwisters erzeugt Mitleid beim anderen. Auftauchende Schwierigkeiten müssen gemeinsam bewältigt werden und führen zu sozialer Verantwortung. Die wechselseitige Hilfe und Förderung, die sich Geschwister gegenseitig leisten, begründen ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. Und schließlich stiftet die ständige Notwendigkeit zu teilen den Sinn für Gerechtigkeit. Wie sollten Kinder die Fähigkeit zur Fürsorge, vom Mitleid, zu sozialer Verantwortung, zur Dankbarkeit und zur Gerechtigkeit als den wesentlichen Komponenten eines moralisch intakten Über-Ich besser erlernen als in der unendlich langen Zeit geschwisterlicher Verbundenheit?
Die moderne Bindungsforschung ergänzt das Verständnis für die Entwicklung der Geschwisterliebe durch einen anderen Ansatz, indem sie nach den angeborenen Motiven für ein positives Bindungsverhalten fragt. Umfangreiche Untersuchungen konnten bestätigen, dass die Elementarbedürfnisse des Säuglings nach Schutz und Sicherheit bei ihm genetisch vorprogrammierte Verhaltensmechanismen auslösen, die in der Umgebung ein ebenfalls konstitutionell vorgegebenes Bindungsrepertoire aktivieren.
So reagieren nicht nur die Eltern auf das Anklammern, Nachlaufen, Schreien oder Lächeln des heranwachsenden Babys mit einem Verhalten, das alle Facetten elterlicher Liebe umfasst und Sicherheit vermittelt. Auch bei älteren Geschwistern funktioniert dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus in erstaunlich ausgereifter Form. Wer Geschwister in gemeinsamen Aktionen beobachtet, kann darüber lange Geschichten erzählen.
Bindungsprogramm
Das große Verdienst der Bindungsforschung liegt darin, solche Zusammenhänge nicht nur empirisch nachgewiesen, sondern auch theoretisch begründet zu haben. Die aufregendste Schlussfolgerung, die sich daraus ergibt, lautet: Nicht nur sind Eltern und Kindern durch ein differenziertes und wechselseitig wirksames Bindungsprogramm der Liebe vorprogrammiert, sondern auch Geschwister.
Allerdings braucht sie zu ihrer Entfaltung die ständige Anregung, Förderung und positive Rückkopplung zwischen allen Beteiligten. So ist leider in beiden Konstellationen die Verlässlichkeit und Dauer der Liebe nicht automatisch garantiert, weil das Leben unzählige Gründe des Misslingens bereithält.
Die soziologischen Lebenslaufbeobachtungen von Geschwisterbeziehungen legen die Unterscheidung von drei Phasen der Geschwisterliebe nahe: die Phase der Intimität in der Kindheit, die Phase der Distanz im mittleren Lebensalter und die Phase der Wiederannäherung im Alter.
Die Phase der Intimität ist entscheidend für die lebenslange Gestaltung der Geschwisterbeziehung. Unter günstigen Bedingungen werden Geschwister in der Kindheit als gute innere Objekte verinnerlicht. Es bildet sich eine Geschwisterrepräsentanz aus, die nach Auffassung der Psychoanalyse als wichtiger Stabilisator für das eigene Selbst dient und ein Kraftzentrum für lebensgeschichtliche Konfliktbewältigungen darstellt. In der Phase der Intimität wird das Fundament der Geschwisterliebe gelegt.
Konkurrenz und Suche nach
eigener Identität
Die zweite Phase der Distanz beginnt etwa mit der Pubertät und reicht bis ins mittlere Erwachsenenalter. In ihr grenzen sich Geschwister nicht nur von den Eltern, sondern auch untereinander ab, um auf der Suche nach einer eigenen Identität die enge Bindung der Kindheit aufzulösen. Dies geschieht durch unterschiedliche biographische Lebensentwürfe Berufe, Mobilität, Ideale, Interessen, Freundschaften, Partnerschaften und Familiengründungen. Was Geschwister unter der Bedingung ihrer frühen Liebe in dieser Zeit dennoch miteinander verbindet, ist eine konstruktiv kritische und förderliche Konkurrenz - im Unterschied zu einer destruktiven Rivalität bei einer misslungenen Beziehung - und eine grundsätzliche Akzeptanz der geschwisterlichen Entwicklung einschließlich der jeweils neuen Freunde und Partner des anderen.
In der Wiederannäherungsphase im Erwachsenenalter und hohen Alter rücken Geschwister, sofern ihre Liebe gehalten hat, wieder näher zusammen. Hier bestätigt sich der Befund der Geschwisterforschung: Geschwisterbeziehungen sind die längsten Beziehungen des Lebens, gerade im Vergleich mit Eltern-Kind-, Partner- oder Freundschaftsbindungen, und sie besitzen den höchsten Grad an sozial verlässlicher Kontinuität. Eingeleitet wird diese Phase häufig durch die verschiedenen Abschiede und Verluste, die in dieser Lebensphase zu bewältigen sind, wie der Tod der Eltern, das Zerbrechen von Partnerschaften und Freundschaften, das Verlassen des Elternhauses durch die Kinder, die Beendigung des Berufslebens und schließlich die Auseinandersetzung mit eigenen Krankheiten, dem eigenen Alter und Tod.
In all diesen Konflikten und Belastungen bedeuten sich Geschwister unschätzbaren Trost, Hilfe, seelische und materielle Unterstützung und Schutz gegen die Einsamkeit. In dem Bewusstsein, jetzt die letzte Generation zu sein und in Rückerinnerung an die frühen Wurzeln ihrer Liebe, ihres Vertrauens und der Zusammengehörigkeit kommt es
zu einer Versöhnung mit allem, was sie zwischenzeitlich
getrennt hat, allen unvermeidbaren Streitigkeiten und Differenzen und dem, was sie gegenseitig an Loyalität, teilnehmendem Interesse und Sorge versäumt haben. Dieser Versöhnungsprozess in der Wiederannäherungsphase rundet die Geschwisterliebe zu ihrer schönsten Vollendung ab.
LITERATUR
Horst Petri: Geschwister. Liebe und Rivalität. Kreuz Verlag, Freiburg 2006, 198 Seiten, Euro 14,95.
Horst Petri ist Psychoanalytiker in Berlin.
Erschienen in zeitzeichen November 11/2010.
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