Kindergartenfrage
Unsere erste private Verabredung: Sie hatte mir ihren Praxisraum gezeigt. Wir tranken Tee, plauderten, lachten. Ich fühlte mich wohl. Sozusagen bis in die Nasenflügel hinein. Ja, wir beschnupperten uns.
Seit ein paar Monaten trafen wir uns gelegentlich bei den Veranstaltungen der SchreibBühne. Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung. Eine kleine zarte Person, freundlich, aber zurückhaltend, schweizerischer Akzent. Charmant in meinen Ohren. Und dann ihr Text, den sie vorlas: sprachliche Kraft, präzise Poesie, Verletzlichkeit. Unter meinem Staunen rührte sich ein leises Gefühl von Neid. Was für eine Begabung.
Nach und nach erfuhr ich mehr: Dass sie Biologie studiert hat, im Verlag gearbeitet, dass sie vor einigen Jahren mit nichts als einer Idee, einer Sehnsucht nach Berlin gekommen war, und sich seit dem nach und nach ein neues Leben aufgebaut hat, beruflich und künstlerisch. Wie mutig sie war. Und jetzt tranken wir Tee.
"Und dann stellte sie mir ihre Frage."
Vielleicht gab es eine Gesprächspause, ich weiß es nicht mehr, jedenfalls fragte sie unvermittelt, ob sie mir eine Kindergartenfrage stellen dürfe. Ich stutzte. Was denn eine Kindergartenfrage sei? In ihren Mundwinkeln flatterte ein Lächeln: Sie fühle sich wohl in Berlin, sie habe ihren Freund, gute Bekannte, nette Kollegen, aber ... - Und dann stellte sie ihre Frage, die Kindergartenfrage: "Willst du meine Freundin sein?"
Ich weiß nicht, was ich für ein Gesicht gemacht habe. Ich war überrascht, berührt und erst einmal ohne Worte. Wir sahen uns an. "Willst du meine Freundin sein?" Jetzt musste ich etwas sagen. Konnte ich diese Frage bejahen? Gab ich nicht damit ein Versprechen, von dem ich gar nicht wusste, ob ich es würde halten können? All das ging mir durch den Kopf.
Aber mein Körper hatte schon entschieden: Ich stand auf und ging zu ihr. Wir lächelten. Wir umarmten uns. Und dann lachten wir. Das war vor einem halben Jahr. Seitdem werden wir Freundinnen.
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