Die Tagesschau
Jede Woche einmal quoll der Briefkasten über: Wir fanden den Wissenschaftsteil der WELT und die LITERARISCHE WELT, dazu viele markierte Ausschnitte aus der BILD-Zeitung, versehen mit Fragen und Kommentaren. Die Handschrift war klein und schon etwas unsicher.
Unser Landarzt Dr. Ferdinand Horstmann, geb. 1910, bis zum Achtzigsten praktizierend in Halle/Westfalen, hatte seine wöchentliche Lektüre beendet, die unsere konnte nun beginnen. Meist folgte der persönliche Diskurs auf den "Latifundien", seinem parkähnlich angelegten Grundstück am Südhang des Teutoburger Waldes, mit weitem Blick über die ostwestfälische Provinz. Trotz seines hohen Alters gab es kein Thema, das nicht interessierte. Kunst, Literatur, Wissenschaft, Wirtschaft.
Wäre Dr. Ferdinand Horstmann frei in seiner Entscheidung gewesen, hätte er sich der Wissenschaft in der Charité verpflichtet. Aber pflichtbewusst übernahm er nach 1945 die Praxis seines Vaters, dem damals einzigen Humanmediziner am Ort. Obwohl er 54 Jahre älter war als ich, stellte er mein Wissen als Journalistin immer wieder auf den Prüfstand. Wir haben zusammen den ersten Harry Potter gelesen, gemeinsam neue Einspielungen klassischer Musik gehört, besuchten die Bielefelder Kunsthalle oder ein Fastfood-Restaurant. Genauso konnte es sein, dass er um eine Stunde Unterricht in Sachen Internet bat.
Wissbegier und Aufgeschlossenheit
Seine Wissbegier und Aufgeschlossenheit machte es dem Westfalen möglich, dass er mit uns noch im Alter von über 80 Jahren Freundschaft schloss. Seine Frau war gerade gestorben; wir waren Nachbarn. Immer öfter nahm er uns mit auf seinen Berg. Dort genossen wir gemeinsam die Natur, schnitten die Buchsbaumhecken, sensten das Gras, ernteten Johannisbeeren oder grillten. Als seine Kräfte nachließen, übernahmen wir die Gartenarbeit.
Vor zwei Jahren ist er gestorben, mit 96, Schlaganfall. Sein Stück am Berg hat er uns geschenkt. So können wir bei guter Sicht den Blick über die Welt schweifen lassen, so, wie wir es immer mit unserem Landarzt gemacht haben.
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