zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
Startseite > Archiv  >  Geschichte, Politik & Gesellschaft  >  EKD - Unternehmerdenkschrift

Widerlegte Lebenslügen

Die Denkfallen der EKD-Unternehmerdenkschrift

Thomas Wagner

Die Unternehmerdenkschrift der EKD folgt einem idealisierenden Bild unternehmerischen Handelns und verschweigt kapitalistische Zwänge. Sie reduziert dabei christliche Gesellschaftsethik auf moralische Empfehlungen an Unternehmer und Manager. Eine Kritik von Thomas Wagner, Mitarbeiter des katholischen Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts.

Eine Nokiamitarbeiterin. Gerade verkündete die Firma die Schließung des Werkes in Bochum. (Foto: epd/factum/Guido Frebel)
Eine Nokiamitarbeiterin. Gerade verkündete die Firma die Schließung des Werkes in Bochum. (Foto: epd/factum/Guido Frebel)

Die EKD-Denkschrift will das zerrissene Band zwischen Ökonomie und Theologie/Ethik neu knüpfen und einen neuen Dialog von Kirche und Wirtschaft anstoßen. Dabei wird gleich zu Beginn der Grundakkord angeschlagen: "Unternehmerisches Handeln ist von zentraler Bedeutung für Innovation. Moderne Gesellschaften brauchen Men­schen, die bereit sind, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen." (Seite 12)
Dieses eindeutige Ja zu innovativer Führung korrespondiert mit dem Bekenntnis zu dynamischen Marktgesellschaften, die in die Vision einer Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft gekleidet werden. Zukunftsorientiert, modern, gestaltend kommt die Denkschrift mit dem Anspruch daher, sich den dynamischen Veränderungsprozessen einer globalisierten Wirtschaft zu stellen. Das zentrale Anliegen ist "eine schlüssige Verknüpfung von hoher wirtschaftlicher Dynamik mit sozialer Gerechtigkeit als Voraussetzung für breiten Wohlstand." (Seite 14)
Doch bei ihrem Versuch, Brachland neu zu bestellen, gerät die Denkschrift in vier verschiedene Fallen.


1. Die Individualisierungsfalle.
Die Denkschrift will zwar den Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft fördern. Sie unternimmt aber nicht den Versuch, strukturelle Fehlentwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft zu analysieren. Vielmehr werden der Blick und die Argumentation auf das unternehmerische Handeln ausgerichtet. Dieses ziele "auf die Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen" (Seite 60) und sei von "zentraler Bedeutung für Innovation, Wertschöpfung und ­gesamtgesell­schaft­lichen Wohlstand" (Seite 24).
Mit der Fähigkeit, "im Markt Entscheidungen unter komplexen und zum Teil unsicheren Bedingungen zu fällen" (Seiten 24 und 47f.), und der Bereitschaft, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen (Seiten 13, 47, 49), werden die wichtigsten Kategorien der "unternehmerischen Berufung" angesprochen. Und sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Denkschrift. Als Garant für gesellschaftliche Dynamik sei der Unternehmer nicht nur unverzichtbar für den allgemeinen Wohlstand. Als Gegenpol "eines struktur-konservativen Bewahrens" (Seite 25) erfährt er auch eine herausgehobene christliche Würdigung. Unter Berufung auf Matthäus 6,25-27 ("Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie sähen nicht, sie ernten nicht") erfährt man: "Falsches Sicherheitsdenken, eine Ängstlichkeit, die jede Entscheidung um möglicher Fehler willen fürchtet, und rückwärtsgewandtes Festhalten am einmal Erreichten kann sich nicht auf den christlichen Glauben berufen." (Seite 40f.) Da wundert es kaum, wenn auch auf dem "Streben nach einem angemessenen Wohlstand, um ihn für sich selbst und für die Gemeinschaft zu nutzen ..., durchaus der Segen Gottes ruhen" kann (Seite 20).

           Gottgefällige Unternehmer

In dieser Skizze eines gottgefälligen Unternehmertums haben strukturelle, gesellschaftliche Voraussetzungen keinen Platz. Wer aber die aktuellen Probleme in Wirtschaft und Management (siehe Siemensskandal) mit Bischof Wolfgang Huber auf die "ethischen problematischen Verhaltensweisen Einzelner" (Seite 8) reduziert, nimmt strukturelle Fehlentwicklungen gar nicht erst in den Blick. So dominiert die tugendethische Perspektive der Denkschrift den Blick. Doch damit ist eine - nicht zufällige - Schwachstelle der Denkschrift angesprochen, das Vernachlässigen von maßgebenden Faktoren und Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns. Gegen Ende der Denkschrift, wo über die unverhältnismäßigen Gehälter von Managern gesprochen wird, steht dann unvermittelt: "Die moderne Wirtschaftswelt bleibt in ihrem Kern angetrieben durch das Eigeninteresse und die Selbstverwertung des Kapitals" (Seite 118). Doch weder wird diese wichtige, kapitalismuskritische Einsicht mit dem Leitbild des "ehrbaren Kaufmanns" vermittelt, noch wird die Vision "eines freien schöpferischen unternehmerischen Handelns in der Wirtschaft, das sich zugleich sozial verpflichtet weiß ..." (Seite 123) diskutiert.

Dabei herrscht bis weit in konservative Kreise hinein die Wahrnehmung, dass eine Wirtschaft, die vom individuellen Wettlauf um höchstmögliche Rendite getrieben wird, blind für die sozialen, ökologischen und volkswirtschaftlichen Folgen ist. Ja, sie tendiert im individuellen Streben nach Kostensenkung zum Raubbau an sozialen und ökologischen Ressourcen.
Wohlstand, Zukunftsvorsorge und Erhaltung der Lebensgrundlagen gelingen nur auf der Basis rechtlicher Bindungen und Kontrollen und indem bestimmte Güter den Gesetzen des Marktes entzogen werden. Die Vorstellung: Bei funktionierendem Wettbewerb "werden weder Konsumenten noch Arbeitnehmer ausgebeutet und es gibt keine Diskriminierung, da der, der diskriminiert, einen Wettbewerbsnachteil erleidet" (Seite 52), gehört dagegen zu den täglich widerlegten Lebenslügen. Dass sich Kapitalverwertungsinteressen systembedingt der Wirkkraft ethischer Normen und Selbstverpflichtungen entziehen, passt offenkundig nicht in die Argumentationslinie der Denkschrift. Sie schaut vielmehr primär auf den Einzelnen und setzt vorrangig auf "ethisches Bewusstsein, klare Orientierung und Gebote sowie auf spirituelle Beheimatung" (Seiten 17, 116), um menschenunwürdigen Entwicklungen vorzubeugen. Doch damit vernachlässigt die EKD die Reflexion des ordnungspolitisch-wirtschaftlichen Kontextes.

2. Die liberale Fairnessfalle. Der brasilianische Befreiungstheologe und katholische Bischof Dom Helder Camara erinnerte immer wieder daran: "Wenn du Brot freiwillig verteilst, bist du ein Heiliger. Wenn du sagst, dass Arme ein Recht auf Brot haben, bist du gefährlich!" Camara trifft hier einen entscheidenden Sachverhalt: Wenn man nicht nur von der Menschenwürde des Einzelnen spricht, sondern auch von Gerechtigkeit und Menschenrechten, geht es um einklagbare Rechte, um Rechtssysteme, die nicht mehr der Beliebigkeit unterworfen werden können.

Der Kampf um die strukturelle Gerechtigkeit ist aber eine Frage des Glaubens selbst, und die Gerechtigkeit ist ein Teil der Sozialverkündigung der Kirche. Denn erst, wenn Gerechtigkeit einklagbar ist, gibt es im Ernstfall wirklich einen Standortwechsel. Man kann ihn mit Simone Weil so präzisieren: Gerechtigkeit ist ein "Flüchtling aus dem Lager des Siegers".

Im Vorwort zur Denkschrift spricht Bischof Huber der vorrangigen Option für die Armen eine Schlüsselrolle in der evangelischen Sozialethik zu. Doch in der Denkschrift sucht man vergeblich eine Entfaltung dieser Option angesichts aktueller Gerechtigkeitsfragen. Generell scheint das Thema Gerechtigkeit mit Blick auf das unternehmerische Handeln vielmehr von nachrangiger Bedeutung zu sein. Von Verteilungsgerechtigkeit als gesellschaftlicher Aufgabe wird nirgends gesprochen, stattdessen von der Charismenlehre des Paulus als Grundstein eines Führungshandelns in der Perspektive des christlichen Glaubens (Seite 36).

Eine solche Sichtweise ist nur möglich, wenn man der Arbeit
keine autonomen Rechte zuerkennt.

Im Zentrum der theologisch-ethischen Reflexion (Seite 41ff.) steht nicht das Gerechtigkeitsthema, sondern "Frei­heit in Verantwortung" (Seite 41ff.). Mit Immanuel Kant wird diese Freiheit mit der unveräußerlichen Würde verknüpft: "Der Begriff der Menschenwürde drückt aus, dass Menschen nie nur reine Mittel zum Zweck - zum Beispiel zur Gewinnmaximierung - werden dürfen, sondern immer zugleich Zweck an sich sind." (Seite 43) Ins Alltagsdeutsch übersetzt bedeutet diese Aussage des "nie nur Mittel zum Zweck": ein bisschen Entwürdigung liegt in der Natur der Sache, abhängig Beschäftigte seien "auch Mittel zum Zweck" (Seite 43).

Eine solche Sichtweise ist nur möglich, wenn man der Arbeit keine autonomen Rechte zuerkennt. Sicher, auch nach der Tradition der kirchlichen Sozialverkündigung leistet der Arbeitnehmer abhängige und fremdbestimmte Arbeit. Doch er leistet sie unter dem Vorbehalt unentziehbarer, individuell oder kollektiv auszuhandelnder Rechte. Die Arbeitnehmer genießen Persönlichkeitsrechte und ein gesetzliches Minimum an Mitbestimmung und Kündigungsschutz. Und das Arbeitsrecht und die Tarifpolitik haben die Aufgabe, diese Rechte zu stärken und auszubauen.

Doch von den abhängig Beschäftigten und ihren Beteiligungswünschen her zu denken, ist der Denkschrift fremd. Stattdessen stellt sie fest: "Unternehmen sind dynamisch und mit ihnen auch die Arbeitsplatzentwicklung. Unternehmen müssen diesen Prozess in fairer Partnerschaft mit allen Betroffenen gestalten" (Seite 58). Der sozialethische Imperativ "Vorrang der Arbeit vor dem Kapital" findet dagegen keinen Platz. Der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit wird vielmehr paternalistisch in eine Fairnessempfehlung an die Unternehmer eingeebnet.

3. Die Idealisierungsfalle. Die Denkschrift zeichnet ein idealisierendes Bild unternehmerischen Handelns (Seiten 24ff., 51ff.). Sie entwirft ein unkritisches Verständnis von Sozialer Marktwirtschaft im Sinne einer korporativen Sozialpartnerschaft, die durch den Globalisierungsdruck zu Veränderungen gezwungen werde.

Wie weit die aktuelle Wirtschaft von den ursprünglichen Leitbildern abweicht, thematisiert die Denkschrift nur am Rande. Der Blick auf den Dritten Armuts-Reichtums-Bericht der Bundesregierung fehlt. Dabei ist das Armutsrisiko seit zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Und der Niedriglohnbereich erstreckt sich auf mehr als ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten. Über ein Zehntel aller Erwerbstätigen arbeitet für Armutslöhne. Und der Trend zur Tarifflucht ist ungebrochen. Sowohl Bruttolöhne und -gehälter als auch die Netto­äquivalenzeinkommen sinken real. Dagegen nehmen die Unternehmensgewinne und Gehälter der Manager überdurchschnittlich zu. Auch der Anteil der Mittelschicht am Gesamteinkommen hat sich verringert. Und die solidarischen Sicherungssysteme wurden deformiert.

         Der Blick auf den Dritten Armuts-und-Reichtums-Bericht
                                     der Bundesregierung fehlt.

Doch diese Entwicklungen greift die Denkschrift nicht auf. Das Zauberwort "Soziale Marktwirtschaft" übertüncht die Machtverhältnisse zwischen der Minderheit der Unternehmer/Kapi­tal­eigner und der Mehrheit der abhängig Erwerbstätigen.

Die Autoren der EKD-Denkschrift missbilligen zwar die Ausbreitung von Niedrigstlohnsektoren - angeblich eine schicksalhafte Folge der Globalisierung (Seite 96f.). Doch auf die hausgemachten, politisch inszenierten Faktoren verschwendet die Denkschrift kein Wort. Dabei sollte die "Reform" der Arbeitslosenversicherung durch die Hartz-Gesetze ja nicht nur die Lohnnebenkosten senken und den Unternehmen gefügige Arbeitnehmer bereitstellen, sondern auch die Bereitschaft zur Hinnahme von Niedriglöhnen befördern.

4. Die Blickwinkelfalle. Das Gesellschafts- und Menschenbild der EKD-Denkschrift ist dem Interesse geschuldet, den unternehmerisch Tätigen mit theologisch-ethischer Kompetenz beizustehen. So lassen sich in dem Dokument zwei Leitbilder sozialen Verhaltens unterscheiden: Auf der einen Seite die dynamischen, innovativen, unermüdlich vorwärts drängenden und verantwortungsbereiten Unternehmer. Und auf der anderen Seite die Mehrheit der unselbstständigen, auf fremde Führung angewiesenen Arbeitnehmer. Die Unternehmer sind unentbehrlich (Seite 116), die Arbeitnehmer dagegen darauf angewiesen, dass die Unternehmer sie beschäftigen (Seite 24f.). Auch wenn der Unterschied "keine unterschiedliche Wertigkeit" begründet, das Gesellschaftsbild ist hierarchisch und paternalistisch. Personalführung als Teil der Unternehmensleitung erschöpft sich nicht im Weisungsrecht. Sie gibt vielmehr Ziele vor und setzt Wertmaßstäbe (Seite 58). Der Unternehmer hat Verantwortung und Werte vorzuleben (Seite 59), wie man dies von "Eliten" erwarten darf (Seite 117f.). Und generell gelte es, "eine Kultur der Selbstständigkeit zu fördern. Selbstständige tragen für sich und andere Verantwortung", versuchen die "Probleme selbst zu lösen und verlangen das nicht vom Staat oder Gesellschaft ... Der Zwang zur Selbstständigkeit, der bei den einen Motivation und Energie befördert, löst allerdings bei anderen existenzielle Ängste aus … Nur eine Minderheit der Menschen ist bereit, ein Risiko einzugehen, um Güter und Talente zu vermehren. Weitaus die meisten Menschen... bleiben von der Initiativkraft der anderen abhängig" (Seite 120) und diesen "anvertraut" (Seite 60).

Denkschrift mit idealisierendem Bild von Unternehmertum

Damit sind die Rollen und die gesellschaftliche Stellung verteilt: hier der dynamische, zukunftsoffene und reformbereite Leistungsträger, da der strukturkonservative, tendenziell ängstliche und antriebsschwache Besitzstandswahrer, der der Führung bedarf und - wenn nötig - auch davon abgebracht werden muss, alles von Vater Staat zu erwarten, und - der sich in seiner Haltung, wie wir gesehen haben, nicht auf den christlichen Glauben berufen kann!

Fazit: Die Denkschrift ist mit ihrem idealisierenden Bild unternehmerischen Handelns darauf bedacht, die kapitalistischen Zwänge zu verschweigen. Und sie reduziert christliche Gesellschaftsethik auf moralische Empfehlungen an Unternehmer und Manager. So ist dem Rat der EKD zu wünschen, dieses Papier schnell in seinen Schubladen verschwinden zu lassen und das Thema "Kirche im Kapitalismus aus ökumenischer Perspektive" aufzugreifen, gemeinsam mit der katholischen Bischofskonferenz - getreu der biblisch-prophetisch-politischen Anwaltschaft für die Ausgegrenzten unserer Zeit.


Erschienen in zeitzeichen 10/2008.

 

Auch unterwegs

Bald neu:
zeit
zeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs. 

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Archiv

Hier entsteht ein Archiv mit allen Artikeln der zeitzeichen-Magazine.