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Nicht euphorisch, aber dankbar

Anders als erträumt, besser als befürchtet: 20 Jahre deutsche Einheit

Axel Noack

"Wir sind angekommen im vereinten Deutschland", sagt Axel Noack. Wir: das sind in diesem Falle die Ostdeutschen. Und auch die ostdeutschen Protestanten sind in der wiedervereinigten EKD zu Hause. Ein Blick auf Hoffnungen, Ernüchterungen und beidseitige Lernprozesse in 20 Jahren.

"Nun freut euch doch, ihr habt es hinter euch!". Sandmann West und Sandmann Ost. (Foto: picture-alliance)
"Nun freut euch doch, ihr habt es hinter euch!". Sandmann West und Sandmann Ost. (Foto: picture-alliance)

Auch wenn das heute viele besser gewusst haben wollen: Die deutsche Einheit kam plötzlich und überraschend und - rechnet man die Zeit vom 9. Oktober 1989, dem Tag der großen alles verändernden Demonstration in Leipzig bis zur Herstellung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 - rasend schnell.

Auch die Kirchen, die in den vierzig Jahren nie wirklich getrennt waren, rechneten im Frühjahr 1990 mit einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren um die Einheit der EKD wieder herzustellen, zumal ja in Loccum, wo im Januar 1990 der Grundstein für die Arbeit an der Wiedervereinigung der EKD gelegt worden ist, beschlossen wurde, mit "den unter uns gewachsenen Unterschieden sorgsam" umzugehen.
Die in der Eile nicht zu vermeidenden Mängel wirken bis heute nach. Und noch ist die Diskussion darüber, was wir da eigentlich erlebt haben nicht abgeschlossen. Die Frage "Wende oder Revolution?" ist noch nicht zur Ruhe gekommen und ein deutlicher Hinweis darauf, dass Klärungen immer noch anstehen.

                                                        Rasend schnell

Ja, sogar in der Datenfrage herrscht noch keine Einigkeit. Was soll denn gefeiert werden, die Massendemonstration vom 9. Oktober in Leipzig oder der 9. November, der Mauerfall in Berlin? Wer da immer noch Rivalitäten zwischen Leipzig und Berlin vermutet, liegt sicher nicht ganz falsch.

Besonders auch die Leistungen der letzen DDR-Regierung und der ersten frei gewählten Volkskammer sind noch immer ungenügend gewürdigt. Dieser Regierung ist es gelungen, bei aller Beschleunigung, die der Prozess des Beitritts der östlichen Bundesländer zur Bundesrepublik erfahren hat, doch dafür zu sorgen, dass er nicht zur Sturzgeburt geriet. Immerhin gab es einen - wenn auch in Eile erarbeiteten und nicht völlig ausgereiften - Einigungsvertrag. Das hätte auch ganz anders passieren können. Ganz dicht ist die Volkskammer an einer ziemlichen Katastrophe vorbeigeschrammt, als ein Abgeordneter am 17. Juni 1990 - Bundeskanzler Kohl war Gast der Beratungen und saß auf der Tribüne - den Antrag stellte, den Beitritt zur Bundesrepublik mit sofortiger Wirkung zu beschließen. Nichts wäre geregelt gewesen, nicht einmal die Anerkennung der in der ddr erworbenen Berufsabschlüsse.

Ganz zu schweigen von der von Bürgerrechtlern erzwungenen Lösung für die Stasi-Hinterlassenschaften, die schließlich im Stasi-Unterlagengesetz ihren Ausdruck gefunden hat.Erinnern wir uns eigentlich noch daran, dass dazu ein Hungerstreik nötig war?

          Nicht so gewollt

Erinnern wir uns daran, wie aufgebrachte Bauern, die in der DDR niemals gewagt hatten auch nur den Mund aufzumachen, gegen die neue Regierung demonstrierten, mehrere Minister mit Eiern und Tomaten bewarfen und weit und breit von Polizei nichts zu sehen war? Das war für viele engagierte Mitglieder in den neuen Parteien und in der Volkskammer eine bittere Erfahrung, niemand kann das bestreiten. Dabei waren die Bauern ja nicht im Unrecht. Niemand wollte - oder konnte - gegen D-Mark die Rekordernte des Jahres 1990 auf­kaufen. Hunderttausende schlachtreifer Schwei­ne blieben in den Ställen, denn in Osteuropa war niemand in der Lage mit Devisen zu bezahlen. Ganz sicher hatten die Bauern sich die deutsche Einheit anders vorgestellt, für die sie am 19. März 1990, dem Tag der ersten freien Volkskammerwahlen, gestimmt hatten.

Vergleichbares gäbe es aus Industrie und produzierendem Gewerbe zu berichten: Plötzlich war sie da, die saubere Luft, weil die Schlote aufhörten zu qualmen. Viele hatten sich für die Verbesserung des Umweltschutzes auch in der DDR eingesetzt. Dass diese jetzt mit dem Verluste der Arbeitsplätze einherging, war aber nicht gewollt gewesen.
Wer das alles nicht vergessen hat und sich der riesigen Startprobleme immer noch erinnert, wird über das erreichte Endergebnis der wiederhergestellten Einheit nicht euphorisch, aber doch sehr dankbar sein.

Die dauernde Frage, warum denn der Jubel vom 9. November 1989 mit Sekt­korkenknall und Trabbi-Geknatter so schnell verebbt ist, wird heute immer noch gestellt. Abgesehen davon, dass kein normaler Mensch zwanzig Jahre lang euphorisch sein kann, sollten wir auch dafür dankbar sein, das es nun wieder einen Alltag gibt, mit seinen eigenen Sorgen und seinen eigenen Freuden.

Freilich gehört zum Alltag auch Ernüchterung und zum Beispiel die ziemlich bittere Einsicht, dass Erfahrungen, gesammelt unter den Bedingungen einer Diktatur und Mangelwirtschaft, nur wenig für den Alltag unter gänzlich anderen Verhältnissen geeignet sind. Das so heiß diskutierte Thema, was denn nun von der DDR bleiben.

        Temperatursturz für die Kirchen

Das galt genauso in der Kirche. Als der erste Jubel abgeklungen war, stellte sich sehr schnell Ernüchterung ein. Die evangelischen Kirchen mussten einen heftigen Temperatursturz erleben. Im Frühjahr 1990 herrschte die Stimmung vor, die Ministerpräsident Lothar de Maizière in seiner Regierungserklärung vom 19. April 1990 mit seinem Dank an die Kirchen aussprach.

Doch schon im Sommer desselben Jahres, als die Bildzeitung auf der Titelseite von 70 000 Kirchenaustritten allein in Ost-Berlin berichtete, war deutlich Enttäuschung zu spüren. Zwar sind damals vor allem Leute aus der Kirche ausgetreten, die ohnehin nicht Mitglied waren, sondern nur Angst bekamen, jetzt Kirchensteuer zahlen zu müssen. Bitter war es trotzdem.

 Heute, zwei Jahrzehnte später, sehen wir natürlich wesentlich klarer und stellen erstaunt fest, dass die Kirchen - im Vergleich mit Parteien und Gewerkschaften - relativ wenige Mitglieder verloren haben. Heute werden die Kirchen vor allem geschwächt durch fehlende Kinder und das Sterben der Alten, obwohl sie – durch Gottes Güte - eine deutlich längere Lebenserwartung haben als früher.

Im Spätherbst 1990 kam dann immer lauter der Verdacht auf, die Kirche sei Stasi-durchsetzt und/oder "SED-gesteuert" gewesen. Eine Enthüllung jagte die andere, und niemand darf heute bestreiten, dass das mit wirklichen Enttäuschungen bis ins Mark der Kirche hinein verbunden war. Diese Enttäuschung paarte sich mit dem Zorn über manche der reißerischen und, wie wir heute wissen, völlig überzogenen Zahlen, wie viel kirchliche Mitarbeiter für die Stasi gespitzelt haben sollen.

        Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, die Überprüfung der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die mögliche Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst und die eigenen bohrenden Fragen, ob wir uns zu sehr angepasst hatten, trieben uns zu maßloser Eile und Hast. Trotzdem war die Presse immer schneller, und wir waren gezwungen immerfort zu reagieren statt zu agieren.

Gott sei Dank ist auch hierin eine deutliche Besserung eingetreten. Das, was unsere Kirchen offiziell, aber auch viele Einzelne und Gruppen über die Vergangenheit der evangelischen Kirche zusammengetragen, aufbereitet und veröffentlich haben, kann sich sehen lassen. Damit müssen wir uns nicht verstecken und brauchen Vergleiche nicht zu scheuen. Niemand ist heute auf die damals sehr verbreiteten Texte von Gerhard Besier allein angewiesen.

Allerdings: Kirchliche Arbeiten zur Aufarbeitung der Vergangenheit erschienen zumeist zu einem Zeitpunkt, zu dem das mediale Interesse längst verebbt war, oder aber sie waren von solcher Gründlichkeit und Ausführlichkeit, dass sie nicht der Oberflächlichkeit und der zunehmenden Verkürzung der Erregungszyklen der Öffentlichkeit entsprechen konnten.

Parallel zum Thema der Aufarbeitung ging es darum, für unsere Kirchen einen Platz in der sich neu gestaltenden Gesellschaft zu finden. Kritisch lässt sich aus heutiger Sicht anmerken, dass wir dabei sehr stark - ganz sicher auch aus DDR-Gewohnheit - auf die Themen konzentriert waren, die das Verhältnis der Kirche zum Staat betreffen: Kirchensteuer, Religionsunterricht und Seelsorge an den Soldaten. Wir haben uns damit sehr schwer getan. Aus heutiger Sicht allerdings nicht vergeblich: Religionsunterricht und Soldatenseelsorge sind deutlich kirchlicher geworden, als sie es in der alten EKD waren. Und im Blick auf die Kirchensteuer können wir - so froh wir sind, sie heute zu haben - doch mittlerweile auch den Vorteil erkennen, den unsere Gemeinden im Osten dadurch haben, dass sie an Kollekten, Kirchgeld, Spenden und Eigenverantwortung gewöhnt sind. Am Ende verdanken wir das nicht unserer Klugheit, sondern der Tatsache, dass wir einige Jahrzehnte ohne richtige Kirchensteuer auskommen mussten.

                                                Konzentration auf des
                                            Verhältnis von Staat und Kirche

Auch der Prozess der Wiedervereinigung der EKD war nicht ohne Probleme. Schon in Loccum, im Januar 1990, wurde deutlich: Trotz dauernder Treffen und Begegnungen auf Gemeinde- aber auch auf kirchenleitender Ebene war eine gewisse Entfremdung dadurch eingetreten, dass man sich eben doch nicht alles wirklich offen gesagt hat. Von westlicher Seite gab es viel - nötige oder vermeintlich nötige - Rücksichtnahme. Die Geschwister sagten uns: "Nun freut euch doch, ihr habt es hinter euch." Wir sagten etwas schüchtern dagegen: "Aber das war doch unser Leben".

Viele im Westen wollten nicht glauben, dass das, was unsere Kirchen zu der Stellung der Christen in der Gesellschaft der DDR mühsam formuliert hatten, wirklich ernst gemeint worden war: "Das musstet ihr doch so sagen, das habt ihr doch nicht freiwillig getan." Wir dagegen hatten es schwer, auf unsere Texte und Papiere zu verweisen, die wir uns in anstrengender Kleinarbeit in nächtlichen Ausschusssitzungen abgerungen hatten. Auch diese Erfahrung mussten wir machen: Texte, die unter den Bedingungen einer Diktatur formuliert worden sind, klingen später, unter freiheitlichen Bedingungen, fade und umständlich, wie das weitschweifige Reden um den heißen Brei.

Eine rühmliche Ausnahme bilden meines Erachtens die Texte der ökumenischen Versammlung. Wer bei den Synoden der ddr nicht dabei war, dem ist nur unter großen Mühen zu vermitteln, wie sich das anfühlte, vor westlichen Kameras und DDR-staatlichen Ohren in freier Rede freie Gedanken zu formulieren.

          Im Osten die bessere Kirche?

Andererseits hatten viele unserer westlichen Geschwister uns einzureden versucht - und wir hatten es manchmal sogar geglaubt - wir im Osten seien die bessere Kirche. Wir hätten schon hinter uns, was im Westen noch bevorstehe. Wir hätten durch den Druck der DDR-Situation Läuterung erfahren. Die Wankelmütigen und die Karteileichen hätten sich alle verabschiedet, zurückgeblieben sei die glaubensstarke Kerngemeinde. Das ist eine völlig Verkennung der Wirklichkeit: Auch wenn es - die EKD-Mitgliedschaftsuntersuchungen weisen es aus - im Osten eine etwas höhere Kirchenverbundenheit der Christen gibt, müssen wir nüchtern feststellen: auch bei uns gibt es ungefähr den gleichen Prozentsatz an Kirchenmitgliedern, die nur Weihnachten oder gar nicht kommen, wie in den westlichen Landeskirchen. Wir haben uns also nicht gesund, sondern eher krank geschrumpft.

Wie in der Gesellschaft insgesamt wurde die auch in der Kirche gestellte Frage, was denn nun vom Osten bleibe, meist sehr enttäuschend beantwortet. Viel ist zunächst und auf den ersten Blick nicht geblieben. Die große Eile der Wiedervereinigung ergab, dass nahezu alle gemeinsamen kirchlichen Dienststellen ihren Sitz in den alten Bundesländern gefunden haben: Die Möglichkeiten waren dort auch eindeutig besser. Selten gelang ein West-Ost-Transfer und dann verbunden mit viel Tränen. Eine solche Ausnahme finden wir etwa in der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) die heute ihren Sitz in Berlin hat. Dadurch, das Berlin auch Bundeshauptstadt geworden ist, werden auch andere kirchliche Dienststellen nun doch östlicher werden. So das Diakonische Werk und der Evangelische Entwicklungsdienst.

Mittlerweile und wiederum im Abstand der Jahre ist deutlich geworden, dass die EKD - sehr langsam zwar aber unübersehbar - durch das Hinzukommen der östlichen Gliedkirchen doch kräftige Veränderungen erfahren hat und noch erfährt. Das gilt von der Seelsorge an den Soldaten bis hin zu den früher für die EKD als "Kirchenbund" für undenkbar gehaltenen Themen der Gottesdienstgestaltung, der Mission und der Predigtkultur.

                                                Gewachsene Solidarität

Die EKD ist kirchlicher, ja, sie ist wirklich Kirche geworden. Die Solidarität der Landeskirchen untereinander und das Interesse aneinander sind deutlich gewachsen. Der EKD-Finanzausgleich, von dem immer noch die östlichen Kirchen am meisten profitieren, ist ein Meilenstein auf dem Weg der Kirchwerdung der EKD.

Auch das stärkere Zusammenrücken von VELKD und UEK war in den östlichen Gliedkirchen - vor allem theologisch - längst vorbereitet gewesen. Es hat in der EKD dann noch fast zwanzig Jahre gedauert, aber nun haben wir das sogenannte "Verbindungsmodell" und das ist auch noch nicht das Ende der Fahnenstange: Die neue mitteldeutsche Landeskirche ist - nach anfänglich großer Zögerlichkeit seitens der gliedkirchlichen Zusammenschlüsse, das erste Doppelmitglied in VELKD und UEK geworden.

Wir sind angekommen im vereinten Deutschland und in der gemeinsamen Evangelischen Kirche in Deutschland. Dass das Himmelreich nicht durch unser Tun ausbrechen wird, nicht einmal in der EKD, wissen wir. Dass wir Gott für die vergangenen zwanzig Jahre sehr dankbar sein dürfen, diesen Gedanken müssen wir manchmal noch einüben.

Axel Noack war von 1997 bis 2008 Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und bis Juni 2009 einer von zwei Bischöfen der fusionierten Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Seitdem ist er Professor für Kirchengeschichte an der Universität zu Halle/Wittenberg.

Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2010.

 

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