Kosmos und Kuhhorn
Anthroposophischer Landbau zwischen Esoterik und Erfahrung
Was unterscheidet den biologischen vom biologisch-dynamischen Landbau? Der weltanschaulichen Überbau, denn der biologisch-dynamische Landbau mit seinen Demeter-Produkten ist Teil der anthroposophischen Lebenspraxis und gehört damit in das Umfeld dieser esoterischen Weltsicht.
Wer kennt sie nicht, die einladend gestalteten Marktstände mit buntem Obst und gesundem Gemüse mit dem Markenzeichen "Demeter" und dem Hinweis auf den "biologisch- dynamischen" Anbau aller Produkte? Wer weiß aber schon, worin sich biologisch Dynamisches unterscheidet vom nur Biologischen, wie es am benachbarten Stand von "Bioland" oder von einem regionalen Obstbauern ohne Markenzugehörigkeit angeboten wird?
Der Unterschied liegt - der Name legt es nahe - im "Dynamischen" - in dem Hinweis auf Kräfte und Mächte, die in die Produktion einbezogen werden - so heißt es. Die Differenzen liegen also zu allererst im weltanschaulichen Überbau, denn der biologisch-dynamische Landbau mit seinen Demeter-Produkten ist ein Teil der anthroposophi-
schen Lebenspraxis und gehört damit in das Umfeld dieser esoterischen Weltsicht.
Die Anthroposophie wurde von Rudolf Steiner (1861-1925) im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entwickelt. Schon als Student in Wien beschäftigte er sich mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Steiner edierte im Weimarer Goethe-Archiv einen Teil dieser Werke Goethes und promovierte in Rostock im Fach Philosophie. Die geplante Universitätslaufbahn bliebt ihm versperrt: die "Philosophie der Freiheit" wurde in Jena als Habilitation abgelehnt. Es folgten Jahre der Suche, bis Steiner im Haus des Grafen Brokdorf Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft kennen lernte, und sehr schnell zum Generalsekretär der Deutschen Sektion avancierte. Ab 1901 befasste sich Steiner mit der Adaption der stark östlich orientierten Theosophie an westliche Tradition und Geistesgeschichte. Wie stark die Abhängigkeit Steiners von theosophischen Vorlagen ist, hat der Kulturhistoriker Helmut Zander in seiner fast 1900 Seiten umfassenden Habilitationsschrift "Anthroposophie in Deutschland" gezeigt.
Ein-Mann-Wissenschaft
In den Jahren bis 1913 entwickelte Steiner seine Anthroposophie zur "Geisteswissenschaft", die - so der Anspruch - auf einem methodischen Weg zu neuen Erkenntnissen in einer übersinnlichen Geisteswelt führt. Er bezeichnete sie auch als "Geheimwissenschaft", weil sie jedem geheim, verborgen, okkult bleibt, der nicht dem von ihm entwickelten Erkenntnisweg folgt. Damit wird diese "Wissenschaft" stark personalisiert, keine Kontrolle oder Kritik von außen zugelassen. So kann man von einer Ein-Mann-Wissenschaft sprechen: einer sagt, er habe etwas erkannt und alle anderen müssen dies glauben und ihm folgen.
In diesen Jahren ging es um die Entwicklung des Menschen, um die Entwicklung des Kosmos, um Planeteninkarnationen und Bewusstseinsstufen, Wurzelrassen und übersinnliche Wesenheiten, nicht zuletzt um die Wesenheit des Christus, der als Sonnengeist auf die Erde herabgestiegen, sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth für einige Jahre verbunden habe und im "Mysterium von Golgatha" und bei der anschließenden Himmelfahrt zum Erdengeist geworden sei. Es ging um die "geistigen Gesetze" von Reinkarnation und Karma, um übersinnliche und untersinnliche Wesenheiten. Das klingt in dieser abgekürzten Form sehr kurios - es ist aber auch in der Langform der zahlreichen Steinerschen Publikationen und Vortragsnachschriften nicht plausibler.
Wurzelrassen und übersinnliche Wesenheiten
Pädagogik (Waldorfschule), Medizin und Heilmittel (Weleda), religiöse Erneuerung (Christengemeinschaft) und der Landbau wurden erst in Steiners letzten Lebensjahren seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Thema.
Im Juni 1924, wenige Monate vor seinem Tod, reiste Steiner auf Bitten von Alexander Graf von Keyserlingk auf dessen Gut Koberwitz bei Breslau. Dort traf sich ein Kreis von Landwirten, die sich bereits mit Anthroposophie beschäftigt und vereinzelt begonnen hatten, aufgrund dieser Weltanschauung ihre Landwirtschaft zu verändern. Helmut Zander weist darauf hin, dass der Vortragszyklus Steiners vorhandene Ansätze bündelt und keinen strikten Neuanfang bedeutet. Sein Ziel in diesen Vorträgen war es, "das zu sagen, was aus Anthroposophie heraus für die Landwirtschaft gegeben werden kann".
Schaut man sich die Inhalte der Steinerschen Vorträge an, ist zu spüren, dass es hier um mehr ging als nur um eine neue Weise, das Land zu bestellen. Die Themen verraten den Esoteriker, der aus einer Gesamtsicht des Makrokosmos und des Mikrokosmos, von astraler und ätherischer, geistiger und materieller Welt eine sehr eigene Sicht auf die Zusammenhänge entwickelt, die sich aus dem Zusammenspiel einer als Organismus verstandenen Erde, einem wirkenden Kosmos mit seinen Kräften ("Dynamik") und den alten Regeln einer auf Erfahrung basierenden Landwirtschaft ergeben.
Wirkung des Geistes in der Natur
Denn worüber spricht Steiner zu den Landwirten? Er beschreibt die "Emanzipation des menschlichen und tierischen Lebens von der äußeren Welt", er spricht über die "Kräfte der Erde und des Kosmos", über die "Wirkung des Geistes in der Natur". Wenn er die Düngung thematisiert, geht es um "Kräfte und Substanzen, die in das Geistige hineingehen", um die "homöopathische Dosierung aus dem Weltenkreis" und "die Durchvernünftung des Bodens". So heißt es in den Überschriften zu den Vorträgen des so genannten "Landwirtschaftskurses".
Es wird deutlich, warum diese Landwirtschaft Kommunikationsprobleme mit anderen ökologischen Formen des Landbaus hat, auch wenn man sich im Ziel einer artgerechten Tierhaltung und eines nachhaltigen naturnahen, biologischen Pflanzenanbaus einig ist. Die Grundlagen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise verdanken sich aber im Unterschied zu allen anderen Formen von Landwirtschaft nicht naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern der Schau Rudolf Steiners in seiner geistigen Quelle, der Akasha-Chronik, von der er behauptete, dass sie im "feinstofflichen" Bereich, im "Weltenäther" vorhanden und nur für den "Geistesforscher" einsehbar sei.
Immer wieder setzte Steiner sich gegen die "materialistisch gefärbte Wissenschaft" ab, und mochte stattdessen "die Natur und die Wirkung des Geistes in der Natur im Großen anschauen, in seinem umfassenden Kreise". Immer wieder formulierte er das Primat des Geistigen, die Bedeutung kosmischer Strahlen, der Planetenkonstellationen, der Mondkräfte und der Wirkungen der gesamten Astralwelt auf das rechte Säen, Wachsen und Ernten. Dabei floss wie selbstverständlich anthroposophische Kosmologie ein: Steiner sprach von der Zeit, als der Mond noch mit der Erde vereint gewesen sei, von den Veränderungen, die sich seither ergeben hätten, und so weiter.
Esoterik praktisch
Auch seine konkreten Angaben zur Düngung speisten sich aus diesen Anschauungen. Hier wurde konkret, was Steiner zuvor über den "Organismus Erde" und kosmische Einflüsse geredet hatte. Hier zeigt sich, wie die Esoterik praktisch wird und wie die "geisteswissenschaftlichen" Grundlagen Einzug in den Alltag des Landwirts bis zum heutigen Tag finden - die gültigen "Demeter-Richtlinien" zeugen davon.
Besonders drastisch wird der anthroposophische Einfluss im Blick auf die Düngerherstellung mit Hilfe des Kuhhorns. Steiner fragte die Landwirte: "Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum die Kühe Hörner haben?" Er gab selbst die Antwort: "Die Kuh hat Hörner, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll, was da vordringen soll beim Hineinstreben bis in den Verdauungsorganismus ... Etwas Lebenstrahlendes und sogar Astralisch-Strahlendes haben Sie im Horn ... Würden Sie im lebendigen Kuhorganismus herumkriechen können, so würden Sie, wenn Sie drin wären im Bauch der Kuh, das riechen, wie von den Hörnern aus das Lebendig-Astralische nach innen strömt."
So ist der Kuhdung "durchdrungen mit Astralischem und mit Ätherischem", und daher entstehen "Kraftwirkungen dynamisch im Organismus". Hier war der Punkt, wo aus biologischem Landbau der biologisch-dynamische wurde.
Kuhdung durchdrungen mit Astralischem
Die Anweisungen zur Düngung, die Steiner nach diesen Ausführungen gab, ähneln für einen Außenstehenden magischen Ritualen: "Nehmen wir den Dünger, wie wir ihn bekommen können, stopfen wir damit ein Kuhhorn aus und geben wir in einer gewissen Tiefe - ich will sagen, etwa dreiviertel bis ein halb Meter tief ... das Kuhhorn in die Erde." Einen Winter lang bleibt das gefüllte Kuhhorn in der Erde, danach wird es wieder ausgegraben, der Inhalt, der nun von kosmischen Strahlen und Kräften durchdrungen sein soll, wird mit einem halben Eimer Wasser vermengt, ausgiebig gerührt und auf eine Fläche von einem Hektar ausgebracht (so die Demeter-Richtlinien). Neben den Kuhhörnern werden aber auch Schädel, Darm, Blase und Bauchfell von Tieren zu Organhüllen, mit deren Hilfe "das feinstoffliche Kräftepotential der Präparate aufgebaut" wird.
Bis heute stellen diese Präparate "einen wesentlichen, nicht ersetzbaren Grundbestandteil des biologisch-dynamischen Landbaus dar". Die aus "geisteswissenschaftlicher" - im anthroposophischen Sinn - Erkenntnis komponierten Stoffe aus mineralischer, pflanzlicher und tierischer Herkunft werden durch die Wirkung der kosmisch-irdischen Kräfte während des Jahreslaufes zu Kräfte tragenden Präparaten umgewandelt". Ein Kritiker sprach schon vor Jahren davon: bei Demeter sei das Biologische in Ordnung, das Dynamische aber sei Aberglaube. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Nur das Eine: dem Geschmack und der Qualität der Produkte tun diese Praktiken keinen Abbruch - aber nach zahlreichen Untersuchungen muss hinzugefügt werden: Sie nützen auch nicht. Unterschiede zu anderen biologischen Produkten lassen sich wissenschaftlich nicht feststellen. Die müssen wohl nur im Feinstofflichen vorhanden sein, zu dem Nicht-Esoteriker und ihre Forschungsmethoden keinen Zugang haben. Was den weltanschaulich-esoterischen Überbau angeht, gilt Steiners Aussage: "Geisteswissenschaftliche Wahrheiten sind durch sich selbst wahr. Man braucht nicht ihre Bewahrheitung durch andere Umstände, durch äußerliche Methoden." Also - man mag sie glauben, oder auch nicht.
Erschienen in zeitzeichen November 11/2009
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