Nachgeschmack
Leben mit Erinnerungen an die DDR
Die Beiträge umfassen Analysen zum Herrschaftsapparat der SED, persönlichen Erlebnisse und die Mühen des Alltags. Andere Texte handeln von Satire und Sport, Mode und von Parallelwelten wie denen der Hippies und Tramper.
Wie schmeckte die DDR? Zu dieser Frage hatte vor zwei Jahren die Konrad-Adenauer-Stiftung 36 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur zu - den jetzt veröffentlichten - Vorträgen in Chemnitz, Dresden, Leipzig und Zwickau eingeladen. Die meisten Beiträge kreisten um drei zentrale Fragen: Wie war es damals in der DDR, wie ist heute die Erinnerung daran und wie prägt sie das geeinte Deutschland? Zu den Autoren gehören Joachim Gauck, Florian Havemann, Altbischof Johannes Hempel, Freya Klier, Hans-Joachim Maaz, Richard Schröder sowie als einziger aus der SED-Führung Günter Schabowski.
Unterteilt ist der Band in drei Rubriken: Gesellschaftliches System der DDR, dessen Träger und die Parallelwelten. Die Beiträge, das macht den Reiz des Buches aus, sind ganz unterschiedlich; wissenschaftliche Analysen zum Herrschaftsapparat der SED und zu deren immer katastrophalerer Wirtschaftspolitik stehen neben persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen mit der Stasi oder in den Mühen des Alltags. Andere Texte handeln von Satire und Sport, Mode und von (mitunter geradezu abenteuerlichen) Parallelwelten, wie denen der Hippies und Tramper. Leider wurden Theater, Musik und bildende Kunst ganz außer acht gelassen.
Mitunter abenteurliche Parallelwelten
"Die DDR war ein totalitäres Regime, ihr Sozialismus eine totalitäre Ideologie", konstatiert Konrad Weiß lapidar. Ihm stimmen im Tenor fast alle Autoren zu. Mit Blick auf das NS-Regime meint Richard Schröder: Gemeinsam waren beiden Diktaturen: ein unbedingtes Führerprinzip, die Ablehnung einer unabhängigen Justiz, die Instrumentalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche für die eigenen Ziele und die rigorose Verfolgung Andersdenkender.
Nur die Kirchen konnten sich dem Allmachtsanspruch der SED entziehen. Der schöne Text von Axel Noack und Klaus Zeh über die Studentengemeinden in der DDR zeigt, dass und wie sich diese zu Orten freier Lebensgestaltung, demokratischer Mitbestimmung und so zu wahren Refugien entwickeln konnten. Die Autoren sehen in ihnen "Vorschulen demokratischen Verhaltens". Viele ihrer Mitglieder waren 1989 in den Bürgerrechtsbewegungen tätig.
Insgesamt resümiert der sächsische Altlandesbischof Johannes Hempel, dass die SED zwar die Dezimierung der Kirchen, nicht aber deren Vernichtung geschafft habe: "Unvergessen ist, dass das innerkirchliche Vertrauen trotz mancher Konflikte in unseren Gemeinden nicht aufgekündigt wurde und auch das ökumenische Vertrauen durch Gottes Güte erhalten blieb und in dem komplizierten Land DDR leben half."
Viele Autoren belassen es nicht beim Blick zurück, sondern fragen, was die damaligen Lebenserfahrungen heute für Ost und West bedeuten. Joachim Gauck fordert von den Westdeutschen Verständnis dafür, dass sich die Menschen in der DDR nolens volens im Alltag arrangiert haben. Und er fordert von den Ostdeutschen die Bereitschaften "zu Reinigung und Umkehr", wo man Schuld auf sich geladen habe. Ein anderer Autor schreibt: "In der Abwehr selektiver, zu Ideologisierungen führender Erinnerungen sehe ich überhaupt die Aufgabe der Bürger aller Teile Deutschlands."
Am prägnantesten ist einmal mehr Hans-Joachim Maaz ("Gefühlsstau"). Für ihn resultiert das Verhalten vieler Menschen generell aus gestörten frühkindlichen Erfahrungen. Den positiven Eigenschaften der Eltern stehen nur allzu oft feststellbare Störungen wie Mutterbedrohung, Muttermangel und Muttervergiftung beziehungsweise Vaterterror, Vaterflucht und Vatermissbrauch gegenüber. Die Folge: eine lieblose Kindheit, die wiederum ein Erwachsenenleben in Streit und Konflikt nach sich zieht. Maaz: "Die Zukunft einer Gesellschaft liegt immer in der Kinderstube."
Bezogen auf den Buchtitel schreibt der wiederholt von der Stasi bedrängte Bürgerrechtler Michael Beleites: "Man schmeckt die DDR immer noch. Überall, wo uns eine Mischung aus Befangenheit und Verdrängung begegnet, schmeckt es nach DDR. Das ist ein Aroma, das bis heute die ostdeutsche Gesellschaft durchzieht." Diesen Geschmack aufzulösen, bleibt wohl noch lange eine gesamtdeutsche Aufgabe.
Joachim Klose (Hg.): Wie schmeckte die DDR? Wege zu einer Kultur des Erinnerns. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2010, 511 Seiten, Euro 29,80.
Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2010.
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