Wenn Jupiter freundlich lächelt
Astrologische Beratungsangebote sind gefragt - vor allem in den Medien
Mehr als 74 Prozent Mitglieder im Deutschen Astrologenverband meinen, innerhalb der Astrologie gebe es unhaltbare Überzeugungen - oder schlicht: Aberglauben. Doch der Astromarkt boomt. Einzelheiten von Matthias Pöhlmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW).
Zum Jahresende hat der Blick in die Zukunft am Zeitschriftenkiosk wieder Hochkonjunktur. Keine populäre Frauenzeitschrift und kein Astro-Magazin kann es sich angesichts des zur Neige gehenden Jahres leisten, auf die Präsentation individueller Jahreshoroskope 2009 zu verzichten. Die Begründung für die gebotenen astrologischen Prognosen lautet in der Regel, dass ein Mensch im Augenblick seiner Geburt in einen Energieaustausch mit dem Kosmos tritt. Daher ist auch die Konstellation bestimmter Himmelskörper zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen von dessen Geburtsort aus gesehen von essentieller Bedeutung. Ob Gesundheit, beruflicher Erfolg oder Glück in der Liebe - nach Sternzeichen sortiert scheint sich für jeden eine halbwegs erträgliche Zukunftsperspektive zu eröffnen. Seit Mitte Oktober 2008 ist das Magazin Jahreshoroskop 2009 der Fernsehmoderatorin und früheren TV-Sex-Beraterin Erika Berger im Handel erhältlich. Auf 100 Seiten wird zum Preis von Euro 2,90 so ziemlich alles geboten, was den Käufer interessieren dürfte: Jahresvorschau für jede Dekade (drei Dekaden pro Sternzeichen), Kinderhoroskop, Glückszahlen und Glückssteine, Mondkalender für 2009, Partnerhoroskope 2009 und das unverzichtbare Sex-Horoskop 2009.
Zweifelsohne befriedigen Horoskope das Unterhaltungsbedürfnis der Deutschen. So ergab eine 2005 vom Marplan-Institut in Offenbach durchgeführte repräsentative Umfrage, dass fast 19 Prozent der Deutschen fest an Horoskope glauben. Mehr Frauen (22 Prozent) als Männer (19 Prozent) vertrauen der Astrologie. Es sind meist ältere Menschen, die ihr positiv gegenüberstehen, während jüngere sie meist ablehnen. Demoskopische Langzeitstudien belegen, dass die Offenheit gegenüber Horoskopen in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen ist.
Während die Zeitungshoroskope meist auf unterhaltsame Weise Prognosen, die vieldeutig wie nichtsagend nach dem Motto "Vermeiden Sie Extreme!" gehalten sind, gibt es vielfältige Beratungsformate über Fernsehsatellitenprogramme, Telefonhotlines oder im Internet.
Nun gilt es, im Blick auf Astrologie-Angebote, zu unterscheiden. Es lassen sich derzeit so genannte "vulgärastrologische Angebote" finden, die sich lediglich auf die zwölf Tierkreiszeichen beschränken. Davon zu unterscheiden ist die fachlich ausgerichtete Astrologie, die bei der Erstellung eines individuellen Horoskops wesentlich mehr persönliche Daten zu Grunde legt. Ein dritter Zweig ist die medial inszenierte Konsum-Astrologie, in der Unterhaltung und Beratung verschmelzen. In diesem Sektor lassen sich derzeit zwei Tendenzen beobachten: In den letzten Jahren hat der astrologische Beratungsbedarf deutlich zugenommen. Darauf weist nicht nur die mittlerweile unüberschaubare Zahl einschlägiger Offerten hin. Menschen aller Schichten sind offenbar immer öfter bereit, astrologische Beratungsangebote für sich in Anspruch zu nehmen.
"Unsere seriösen und vertrauensvollen Kartenleger
helfen Ihnen gerne."
Darüber hinaus entwickeln sich astrologische Offerten zur festen Größe in der Mediengesellschaft. Schon längst sind es nicht mehr nur die mit zum Teil beachtlichen Auflagenhöhen produzierten Astro-Magazine, die ihrem Käufer den persönlichen Blick in die Zukunft garantieren. Die Angebote werden auf multimedialem Wege leichter zugänglich - und damit für den Nutzer im Blick auf die Kosten noch unkalkulierbarer. Es gibt inzwischen mehrere kostenpflichtige Astro-Hotlines, bei denen man per Telefon Lebensberatungen für Euro 1,50 pro Minute in Anspruch nehmen kann. Ein Anbieter verspricht: "Mit Hilfe der Kunst der Astrologie machen wir Ihnen zuverlässig Aussagen über Ihre ganz persönlichen Zukunfts-Tendenzen. Unsere seriösen und vertrauensvollen Kartenleger helfen Ihnen gerne rund um die Uhr, Chancen wahrzunehmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und somit Ihr Schicksal selbst zu lenken und zu bestimmen."
Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren umstrittene Spartenprogramme wie Astro TV oder der inzwischen vom Lizenzentzug bedrohte Kanal Telemedial des Medienunternehmers Thomas Hornauer. Die Zukunft astrologischer Beratungsangebote in den Medien steht keineswegs in den Sternen, sondern wird in nächster Zeit ein ebenso lukratives wie hart umkämpftes Geschäftsmodell ausgebuffter Astro-Unternehmer bleiben. Der neueste Trend heißt "crossmedialer Marketingmix". Gemeint ist damit der Versuch, die eigenen Horoskopangebote im Verbund mit Radio-Astro-Shows und Kooperationen mit Verlagen oder Internetportalen wie T-Online oder Lycos weiter zu verbreiten. Dabei werden ein Ausbau sowie eine noch engere Verzahnung medial-astrologischer Offerten angestrebt. Damit eröffnen sich neue Marktchancen: So betreibt die in Berlin ansässige Questico AG mit einem geschätzten Jahresumsatz von 70 Millionen Euro nicht nur den über Satellit und Internet empfangbaren Spartensender Astro TV. Zusätzlich unterhält sie ein Internetportal, in dem mehr als 2800 Astrologen, Wahrsager und Kartenleger mit "über 40 Beratungsmethoden" ihre Dienstleistungen über kostenpflichtige Questico-Telefonhotlines anbieten. Publizistisch flankiert wird das multimediale Astro-Gesamtpaket von der Monatszeitschrift Zukunftsblick mit einer Auflage von jeweils 250.000 Stück. Auf den rund 100 Seiten des Magazins zum Preis von Euro 1,40 finden sich neben Artikeln zu Wellness, Lifestyle und Esoterik auffällig viele Werbeanzeigen der bei Questico tätigen astrologischen Berater. Zusätzlich hat Questico einen AstroTV-Shop eingerichtet, der esoterische Accessoires wie Kristallkugeln, Wünschelruten, Lichtkinderkarten oder Schmuck und Räucherwerk offeriert.
Schon längst beziehen sich die Beratungsangebote nicht mehr nur allein auf das astrologische Feld. So bietet das zweitgrößte Astro-Unternehmen, die Nürnberger Firma Viversum, mit 700 "qualifizierten Beratern" - darunter Wahrsager, Astrologen und Kartenleger - "einzigartige esoterische Lebensberatung via Telefon, Live-Chat und E-Mail-Beratung" an. Ratlose oder besorgte Eltern können für ihre Kleinen Kinderhoroskope erstellen lassen. Im Werbetext heißt es dazu: "Welche Eigenschaften hat Ihr kleiner Erdenbürger in die Wiege gelegt bekommen? Erfahren Sie hier, was dem kleinen Schützen Spaß bereitet und welche Fortschritte der Mini-Widder besonders schnell machen wird."
Seriös - oder nicht?
Durch die intensive Medienpräsenz und Popularisierung astrologischer Beratungsformate ist nicht ausgeschlossen, dass immer mehr Menschen einen leichten Zugang zur Astrologie finden. "Astrologe" ist allerdings keine geschützte Berufsbezeichnung. Der Deutsche Astrologen Verband (DAV), eine Art beruflicher Dachverband mit 800 Mitgliedern, räumt ein, dass heutzutage "sich jeder nach Gutdünken Astrologe nennen kann, eine Option, die leider auch von verschiedenen Scharlatanen wahrgenommen wird". Insofern ist es von außen fast unmöglich zu entscheiden, wer als "seriöser Astrologe" gelten kann und wer nicht.
Nach neueren wissenschaftlichen Untersuchungen sind in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Astrologen tätig. Experten vermuten, dass ihre Zahl seit Mitte der Neunzigerjahre stagniert beziehungsweise leicht rückläufig sei, da sich der Konkurrenzkampf zunehmend verschärft habe. Nur die wenigsten Astrologen, etwa vier Prozent, üben diese Tätigkeit hauptberuflich aus. Im Zuge der astrologischen TV-Beratungsangebote verschwinden zunehmend die Grenzen zwischen Astrologen, Wahrsagern und Hellsehern. Bedingt durch die verschärfte Marktsituation haben einzelne Anbieter weitere esoterische Praktiken und Methoden zur persönlichen Schicksalsdeutung in ihr Repertoire aufgenommen. Nach Schätzungen geht man von insgesamt 20000 Astrologen, Wahrsagern und Hellsehern in Deutschland aus, die jährlich einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro erwirtschaften.
Woran glauben Astrologen? Eine im Jahr 2002 unter Mitgliedern des DAV durchgeführte Untersuchung ergab, dass es innerhalb dieser Zunft durchaus unterschiedliche weltanschauliche Einstellungen und ein breites Meinungsspektrum gibt. Demnach beschreiben sich Astrologen überwiegend als religiös. Über die Hälfte der Astrologen sind konfessionslos (52,8 Prozent). Lediglich 22 Prozent sind Mitglieder der Evangelischen Kirche oder einer evangelischen Freikirche. 17 Prozent gaben an, der römisch-katholischen Kirche anzugehören. Der Glaube an Reinkarnation und an die Existenz übersinnlicher Kräfte im Universum, die das individuelle Leben beeinflussen können, findet bei Astrologen große Zustimmung - wie auch die eher spiritistisch anmutende Vorstellung, dass man "mit dem Geist der Toten in Kontakt bleiben" könne. Besonders aufgeschlossen zeigen sich Astrologen gegenüber alternativen Heilmethoden und paranormalen Phänomenen wie etwa der Telepathie.
Fast vier Fünftel sind der Meinung, dass es in der Astrologie Themen gebe, die als unseriös einzuschätzen seien, und daher von Astrologen abgelehnt werden sollten (78,5 Prozent). Als unseriöse Themen werden besonders häufig Todesprognosen (68,8 Prozent), Zeitungshoroskope (28,1 Prozent), Ereignisprognosen (25,5 Prozent) und die Sonnenstandsastrologie (15,6 Prozent) genannt. Was speziell die Einstellung gegenüber Zeitungshoroskopen angeht, so sind etwa zwei Drittel der Meinung, dass Zeitungshoroskope für die Bevölkerung schädlich seien, da sie die Bevölkerung darüber in die Irre führten, was Astrologie tatsächlich sei und sie somit der Lächerlichkeit preisgeben würden (66, 9 Prozent). Etwa jeder Fünfte hält hingegen Zeitungshoroskope für nützlich, da so die Bevölkerung langsam an "höhere" Formen der Astrologie herangeführt werde. Zeitungshoroskope hätten somit eine wichtige Werbefunktion für die Astrologie (20,9 Prozent). Darüber hinaus sind etwa drei Viertel der Befragten (74,2 Prozent) der Meinung, dass es innerhalb der Astrologie unhaltbare Überzeugungen gebe, die man durchaus als "Aberglauben" bezeichnen könne. Der Anteil abergläubischer Vorstellungen wird im Schnitt auf 26,1 Prozent geschätzt.
Die überwiegende Mehrheit ist
an allgemeiner Selbsterkenntnis interessiert
Wonach suchen Ratsuchende in der astrologischen Beratung? Die typische persönliche astrologische Beratung dauert ein bis zwei Stunden. Grundlage ist dabei das persönliche Horoskop, das vom Astrologen auf der Basis persönlicher Daten des "Kunden" erstellt wird. Die überwiegende Mehrheit - das belegen neuere Untersuchungen - ist an allgemeiner Selbsterkenntnis oder daran interessiert, sich die Lebenssituation und individuelle Probleme astrologisch deuten zu lassen. Nur ein Drittel der Klientel erwartet vom Astrologen Entscheidungshilfen, und noch weniger wünschen Zukunftsprognosen. Die meisten Astrologen lehnen Letztere ab, da nach astrologischer Auffassung im individuellen Horoskop keine realen Ereignisse ablesbar, sondern daraus nur die subjektive Bedeutung von Ereignissen für Menschen erkennbar sei. Fast alle Astrologen wollen Lebenshilfe geben. 96 Prozent gaben an, dass einzelne Sitzungen auch einen "therapeutischen Charakter" annehmen könnten.
Man muss kein Zukunftsdeuter sein, um festzustellen, dass der Beratungsbedarf weiter zunehmen wird. Für die nächsten Jahre ist mit einer weiteren Popularisierung medial inszenierter Astro-Beratungsformate zu rechnen. Branchenkenner erwarten hier noch erhebliche Gewinnspannen - auch weltweit.
In den letzten Jahren hat die kritische Berichterstattung in der Presse aber auch die Gefahrenpotenziale und finanzielle Risiken für den Einzelnen drastisch vor Augen geführt. Selbst wenn dies Einzelfälle sind - die intensive Nutzung von Astro-Beratungsdiensten kann beim Einzelnen mitunter erhebliche Kosten und suchtähnliches Verhalten verursachen. In Internet-Diskussionsforen berichten Nutzer, dass sie zum Teil erhebliche Summen für die Beratungsdienste aufgebracht haben, ohne dass ihnen letztlich bei der Bewältigung ihrer Probleme geholfen wurde. Einzelne Astrologen beklagen inzwischen selbst die zunehmende Kommerzialisierung und Technisierung der Branche, die eine "Fast-Food-Mentalitiät" in der Astro-Branche mit sich bringe: Mit Billigkost solle der Kunde schnell, einfach und für den Anbieter möglichst gewinnbringend bedient werden. Auf längere beraterische Dienstleistungen werde zunehmend verzichtet.
Als äußerst fragwürdig erweisen sich zudem Börsenastrologen, die ihre Prognosen im Internet anbieten. Auch sie konnten - wie die Finanzexperten übrigens auch - die vor kurzem einsetzende weltweite Bankenkrise weder voraussehen noch abwenden.
Erschienen in zeitzeichen 12/2008.
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