zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
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Ostdeutsche Revolution

Eine vielfältige Gesamtdarstellung

Götz Planer-Friedrich

Es waren die Menschen in der DDR, zu Hundert- tausenden durch friedliche Demonstrationen und einfallsreiche Protest- und Verweigerungs- handlungen ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime zur Aufgabe zwangen. Neubert ist nochmal ein großer publizistischer Wurf gelungen, an dem künftige historische Forschung nicht vorbeigehen kann. 

Kaum zwanzig Jahre nach der Herbst­revolution 1989 und der darauf erfolgten Wiedervereinigung Deutschlands ist das Wissen um diese Ereignisse in der Bevölkerung auffällig gering. Die DDR wird nostalgisch als Hort der so­zialen Gerechtigkeit erinnert und die Erben der sed werden als "Die Linke" in den Bundestag gewählt. Selbst in den Schulen wird oft entweder gar nichts oder völlig Verqueres über diese Sternstunde deutscher Geschichte gelehrt. Aufklärung tut wahrlich Not. Neuberts Buch kann daher auf fruchtbaren Boden fallen und reichlich Informationen liefern.

"Eine protestantische Revolution" hatte Ehrhart Neubert seine erste Publikation über den Herbst 1989 in der ddr betitelt, die bereits 1990 erschien. Damals stellte er auch fest, dass "ausgerechnet die Protestanten" als Protagonisten der Revolution hervortraten, während sich die katholische Kirche bis in die letzte Phase sehr zurückgehalten hatte.

Heute sieht er das Engagement der evangelischen Kirche etwas kritischer. Aber dass es sich vor nun fast zwanzig Jahren um eine (ost)deutsche Revolution gehandelt habe, daran hält er nicht nur fest, sondern untermauert diese These auch mit viel historischem Material. Dagegen habe sich leider für den Systemwechsel die Bezeichnung "Wende" durchgesetzt, eine Wortwahl von Egon Krenz, der damit Ende November 1989 Korrekturen der SED-Politik ankündigte, um so die Alleinherrschaft seiner Partei zu retten.

Es waren die Menschen in der DDR, die erst zu Tausenden, dann zu Hunderttausenden durch friedliche Demonstrationen und einfallsreiche Protest- und Verweigerungshandlungen ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime zur Aufgabe zwangen. Zwar gab es dafür gesellschaftskritische Vordenker, die in der Krise des Systems immer mehr Mut fassten und die Öffentlichkeit suchten. Doch ohne die aufmüpfigen Massen arbeitender Menschen, die der Arbeiter- und Bauern-Staat angeblich vertreten wollte, hätte der Machtapparat der sed nicht freiwillig auf sein Repressionspotenzial verzichtet.

Das Buch bietet tatsächlich ein "dichtes Mosaik dieser spannungsreichen Tage, Wochen und Monate", wie es im Vorwort von Markus Meckel und Rainer Eppelmann heißt. Doch der Autor hat sich offenbar nicht entscheiden können, ob er das Buch als historische Detail-Studie, als Erlebnisbericht oder als Story-Telling anlegen sollte. So hat das literarische Ergebnis von jedem etwas: Es liefert viele Details über die Ereignisse vor, während und in der Folge der Herbstrevolution 1989 in der DDR; es enthält in den Darstellungen manch persönliche Eindrücke, zumal da, wo der Autor über seine eigene Beteiligung in der Ich-Form schreibt; und er erzählt - sowohl bedrückende als auch amüsante - Episoden, die das Lesevergnügen wieder erhöhen, wo die Details etwas ermüden. Und immer wieder fügt er Sprüche, Verse und Transparentzitate von den Demonstrationen ein, in denen sowohl Witz und Spontaneität als auch der Stimmungswechsel bei den Beteiligten besonders sinnfällig zum Ausdruck kommen.

Ob das Buch damit zum Handbuch für jedermann werden kann, wenn es um wahrhaftige historische Erinnerung geht, sei dahingestellt. Jedenfalls ist Neubert nach seinem Opus Magnum über die Geschichte der Opposition in der DDR (1997) noch einmal ein großer publizistischer Wurf gelungen, an dem künftige historische Forschung nicht vorbeigehen kann.

Ehrhart Neubert: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90. Piper Verlag, München/ Zürich 2008, 432 Seiten, 24,90 Euro.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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